Meine Platon’sche Höhle

Alles frisch!

17. Februar 2016

Montag: War wieder einmal in Berlin! Es ist zwar noch nicht lange her, dass ich das letzte Mal da war. Aber irgendetwas muss inzwischen passiert sein! Und das scheine ich verpasst zu haben.

Berliner muss man mögen können. Das für die, die wenig Umgang mit ihnen haben. Viele nennen ihre Art unverschämt. Sie haben keine Ahnung!

Der Berliner hat eine Schnauze, die ist weltberühmt. Und genau die benutzt er auch.

Der Berliner kann sich selbst nicht ernst nehmen, deshalb nimmt er auch andere nicht ernst. Das wissen nur wenige

Und der Berliner hat jede Menge Humor. Nur ist der auch nicht immer offensichtlich erkenntlich. Und wenn, dann böse und schwarz, wie guter britischer Humor. Häufig wird er als arrogant, als unverschämt empfunden.

Weit jefehlt! Als die Amis ihnen nachm Krieg ne neue Kongresshalle nich weit weg vom Zirkus Karajani [Philharmonie, Anm. d. Autors] spendiat hattn, hatte die gleech wejen ihret Aussehns n Spitznamen weg: Schwangere Austa  [schwangere Auster]. Dat war liebevoll jemeint!  Und die Joldelse [Victoria auf der Siegessäule] steht seit jeher am Jroßen Stern im Tiajartn rum. Nich weit weg von dea Elefantnwaschmaschine [Kanzleramt], zwischen St. Walta [Walter Ulbrichts Lieblingsbau: Fernsehturm am Alexanderplatz] an der Nuttnbrosche [Brunnen der Völkerfreundschaft] und m Langem Lulatsch [Funkturm], der hinterm Panzerkreuzer Protzki [ICC – Internationales Kongresszentrum] sein Dasein fristet – wat se nicht mitm Palazzo Prozzo [Palast der Republik] verwechseln dürfn! Wer früa nach Bahlin jekommen is, hat, wenna nich wien Rosinenbomba [Flugzeuge der Luftbrücke] anna Hungerkralle [Luftbrückendenkmal] anjekommn is,  am Szoo freie Sicht am Bikini-Haus [ehemaliges Bürogebäude, heute denkmalgeschützt] vorbei uff’n Hohlen Zahn [Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche] jehabt, szu dem sich nachm Krieg ooch Lippnstift [Glockenturm der neuen Kirche] und Pudadose [neue Kirche] jesellt ham – se wissen schon: am Kudamm. Da steht übrijens ooch dea Wasserklops [Weltkugelbrunnen] rum, und nich weit weg is das Jürtltia [Ludwig-Erhard-Haus]. Die Sicht kanna zwar heute ooch noch ham, aber am Szoo kommt man inzwischen nua noch seltn an. Wat man aber nich mehr sehn kann, iss Erichs Lampnladn [Palast der Republik] . Der iss platt jemacht wordn. N Mont Klamott [Trümmerberge Großer Bunkerberg und Insulaner] hamse in Berlin zweemal – eenen im Ostn und eenen im Westn. Und neuerdings Wowis Vereinigte Hüttnwerke [Flughafen BER].

Zwar wird man in der Regel  von niemandem in Berlin diese Ausdrücke hören, vor allem nicht Fremden gegenüber. Und wenn der Berliner nicht gerade witzig sein will, kann man mit ihm normal reden. Zumal in den vergangenen Jahren sehr viele zugereist sind, sodass viele das Ur-Berlinertum gar nicht mehr kennen. Aba wenna lustig wird, bei na Molle [Bier] in der nächsten Eckkneipe, jehts los! Da kann schon mal der Taxifahrer die ältere Frau, die zugestiegen ist, fragen: »Na, junge Frau mitm olln Kopp – wo sollsn hin jehn?« Das ist nicht respektlos und auch nicht unverschämt: Wie gesagt, der Berliner nimmt sich und die Anderen nicht unbedingt bierernst. Er kann austeilen – aber auch einstecken. Und hat seine Freude daran, wenn eener nich uffn Kop jefalln iss und schlagfertig mitmacht.

Und so stelle ich, wann immer ich nach Berlin komme, abends in der Eckkneipe die Frage: »Wat mussn weg?« und hatte bislang immer die Antwort bekommen: »Die Kohlroulade – die is schon n bisschn sauer!« oder auch: »Nischt, machn wa morjen Bulettn draus!« Sonntag aber rannte die Bedienung weg, und Sekunden später kann der Koch aus der Küche. »Verzeihen Sie! Bei uns ist alles frisch! Da muss nichts weg!«

Erst dachte ich, der macht Spaß: »Ja, das sagen Sie so!« Tat er aber nicht, es war ihm verdammt ernst. »Entschuldigung – es war ein Spaß!« strahlte ich ihn daher an. »Nein, nein! Das kenne ich. Das sind diese Fangfragen. Dann sage ich: „die Roulade“, und dann nehmen Sie an, dass die schon über dem Verfallsdatum liegt.« »Ne, guter Mann, ehrlich: das war Spaß! Glauben Sie wirklich, ich wäre so dämlich, anzunehmen, dass sie auf diese Frage, hätte ich sie ehrlich gemeint, ehrlich antworten würden?« »Trotzdem! Ich bestehe darauf, festzustellen, dass wir alles frisch machen.« »Ist ja gut! Dann eben die frische Roulade!«

»Sagen Sie – sind Sie eigentlich echter Berliner?«, fragte ich ihn, als er irgendwann wieder vorbeikam. »Ja, wieso?« »Ach, hat mich nur interessiert!«

Komisch! Schon die Busfahrt vom Raumschiff stadteinwärts hatte mich irritiert. Ich liebe Berliner Busfahrer, wie ich hier schon geschildert habe. Diesmal: Eine Busfahrerin. Sah irgendwie aus wie eine ältere Doro mit schwarzen Haaren. (Für die Nicht-Metal-Fans: ich meine Doro Pesch, neben Suzi Quattro und Tina Turner meine Lieblingsröhre!) Hatte auch ihre Stimme. Und irgendwas von „na Auspuffbrumme“ [Rockerbraut] – es hätte mich nicht gewundert, wenn hinter ihr am Haken eine Lederjacke mit Hells Angels Patch gehangen hätte. An einer Ampel – ACHTUNG! BUSFAHRER IN BERLIN IMMER NUR AN AMPELN FRAGEN! UND NUR, WENN ES UM LEBEN UND TOD GEHT – fragte ich sie, ob ich besser an der Schlüterstraße oder am Savignyplatz ausstieg, wenn ich zur S-Bahn wollte. Rot war zu Ende, und ich dachte, meine Frage sei ungehört ins Nirwana entschwunden.

Aber nichts dergleichen! Die schwarze Doro fuhr in Rennfahrermanier los und säuselte mich an: »Savingyplatz – soweit ick wees. Jeistja Kleenjärtner! [unterbelichteter Trottel] Nee, nich Sie – der da! Der kann doch seene Scheese [von franz. Chaise, leichte Kutsche; seit den Hugenotten mögen die Berliner französische Ausdrücke: siehe die kleine Kugel, die Boulette] ooch woanders parkn. Muss ja nicht mittn uff der Straße sein. Aber wartn Se mal…« Ohne sich umzudrehen oder auch nur einen Millimeter vom Pedal wegzugehen brüllte sie in den Bus »Schlüterstraße oder Savignyplatz für die S-Bahn?« Ein schwacher Chor antwortete „Savignyplatz“, ein paar Einzelne „Schlüterstraße“. »Sehn Se, sag ich doch!« (Es wäre die Schlüterstraße gewesen, da da der Eingang ist…)

Ich war baff! War das wirklich eine Berliner Busfahrerin? Träumte ich? »Danke, dass es auch freundliche Busfahrer in Berlin gibt!« Ich bin der Meinung: Wer meckern kann, und ich meckere durchaus, wenn mir etwas nicht passt, muss auch loben können. Die schwarze Doro strahlte: »Dat freut mia. Ick habe mia ooch jahrzehntelang uffm Weg zur Arbeit über diese unfreundlichen Fatzkes hinterm Steuer jeärgert. Die sind mia richtig uffn Docht jejangen. Und deshalb hab ick noch schnell den Busführerschein jemacht und den Job jewechselt. Und jetzt versuche ick, es besser als meene Kollegen zu machen.« Der Schwall wollte nicht aufhören! Ich war froh, dass wir inzwischen am Savignyplatz angekommen waren.

Freundliche Busfahrer, Kneipiers, die keinen Spaß verstehen – was war mit Berlin passiert? Am nächsten Tag, die Probe aufs Exempel. Pflichttermine bei jedem Berlinbesuch: Currywurst am Wittenbergplatz, KaDeWe sechste Etage (der Insider weiß, was ich meine!) und zu meiner Lieblings-Fressbude Marburger- Ecke Tauentzinstraße. Zwei Bultettenbrötchen für die Rückreise. Ich trete ein, schaue mir lange und ostentativ die Fleischklopse an: »Wie lange gammeln die da schon vor sich hin?« »Vor oder nachm Ausfall der Kühlanlage?«, die prompte Rückfrage. »Na, jut, dann nehm ick zwee! Aber lassen se die Schrippn weg! Die machen dick.« »Det tut ma leid, ick habe mir viel Mühe jejeben, sie reinzuarbeten. Die pule ick Ihnen nich wieda raus.«

Wenn jetzt noch der Busfahrer unfreundlich ist… Bushaltestelle Bahnhof Zoo, Linie  M49. »Fahren Sie zum Kongresszentrum?« »Steht uffm Fahrplan!«

Ich war beruhigt! Alles wieder in Ordnung, wie es sein soll. Muss wohl gestern die Sonntagsschicht gewesen sein…

»Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen, wo man geht und steht – aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können!« Anneliese Bödecker

Foto: Der „Bierpinsel“ in Steglitz (pixabay)

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