Gesellschaft

Von Brummifahrern lernen!

12. Juni 2016

Ich habe die Lösung! Ich weiß nun, wie man wieder etwas mehr Gespür für das Machbare in unsere dekadente Gesellschaft bringt. Ein Gespür für den Anderen, eine Messlatte für das Ego, die einem zeigt, wie groß man wirklich ist. Die Lösung heißt: verpflichtet Fahrschüler im Rahmen der Ausbildung nicht nur zu Autobahn- und Nachtfahrt, sondern auch zu …

… einer Fahrt mit einem vollbeladenen 7,5-Tonner von München nach Berlin. Das prägt fürs Leben.

Ich tat es in den letzten Wochen im Rahmen meines Umzugs. Da wir spät dran waren, hatte es keinen vernünftigen Spediteur mehr gegeben, der einen passenden Termin für uns frei hatte – ja so ist das eben, wenn man alles auf den letzten Drücker macht. Also musste ich selbst ran.

Gut, dass ich Oldie bin. Und so habe ich noch einen Führerschein der Klasse 3, mit dem man LKWs bis 7,5 Tonnen fahren darf. Und weil ich in meiner „Jugendzeit“ oft große Geschosse gefahren hatte, machte ich mir nicht viele Gedanken. Also: Brummi vollgeladen und ab auf die Autobahn!

Erste Ernüchterung: Für dich gelten jetzt alle Verkehrszeichen mit dem dezenten Hinweis „7,5 t“, „3,5 t“ oder dem roten LKW-Icon. Sprich: Die Autobahn mutiert zu einem gigantischen Netz von Eine-Fahrbahn-Straßen. Denn in Baustellen ist eh Überholverbot für Brummis, an abfallenden Teilstrecken i. d. R. auch, und an ansteigenden nur dann nicht, wenn sie dreispurig sind! Ist Euch PKW-Fahrern das einmal aufgefallen?

Zweite Ernüchterung: Die Brummis besitzen eine Ausbremse! Ab 89 km/h wird der Motor herunter geregelt, was bedeutet, dass nichts mehr geht. Weder bergab, die Begrenzung sorgt dafür, dass die Motorbremse greift. Noch bergauf, egal in welchem Gang.

Apropos bergauf! Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Soll heißen:

  1. Wer aus „braven“, gehorsamen EU-Ländern kommt und damit die Begrenzung „drin“ hat; und wer eben nicht. Polen, Tschechien, Bulgarien und Spanien scheinen diese Regulierung nicht zu kennen, da die Brummis hier mit 100 km/h und mehr leise lächelnd an dir vorbeiziehen. Bei den Italienern bin ich mir nicht ganz so sicher – es gibt sone und sone. Und die Russen scheinen gar nicht zu merken, dass sie mehrere Grenzen weit weg von zuhause sind: Dort gilt Faustrecht. Und sie haben riesige Fäuste… Die Litauer sind auch noch brav – aber selten.
  2. Wer voll ist und wer leer! Und viele Brummies sind, was ihre mögliche Zuladung betrifft, hemmungslos untermotorisiert! Berge, die du leer locker im sechsten Gang am Anschlag, also mit 89 km/h nimmst, schaffst du voll nur im dritten Gang mit 45 km/h. Und wieder ziehen leise grinsend die Glücklichen an dir vorüber, die ein paar PS mehr haben. Und dann kriechst du so mit deinen lächerlichen 7,5 Tonnen den Berg rauf, und all die polnischen, russischen, bulgarischen und tschechischen 40-Tonnen-Sattelzüge oder -Gespanne scheinen Spaß daran zu haben, dich zu ärgern.

Eine interessante Erfahrung. Auch das mit den „Elefantenrennen“. Da zumindest theoretisch ein Tempolimit von 80 km/h besteht und jeder, der kann, die maximal mögliche „gerade noch geduldete“ Geschwindigkeit von 89 km/h herausholt, fahren alle Brummis mit konstant 89 km/h. Das heißt: Du siehst viele Dutzende Kilometer lang nichts anderes als den Hintern deines Vordermanns vor dir!

Und jetzt kommt sie, deine Chance: ein Hügel. Der Kollege vor dir ist voll, das hast du inzwischen mit fachmännischem Blick erkannt. Also könnte es sein, dass du die Chance hast, ihn zu überholen. Und tatsächlich: Sein Hintern kommt immer näher. Also scherst du aus, wenn die PKWs dich lassen – was selten ohne heftiges Motzen der Fall ist! Doch die Relativgeschwindigkeit liegt bei nur wenigen km/h. Und so schiebst du dich zwar kontinuierlich aber langsam an ihm vorbei. Wenn du dann das Weiße im Auge des Überholten sehen kannst, gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Der Gipfel des Hügels ist erreicht. Und dein Vordermann, inzwischen Nebenmann, nimmt wieder Fahrt auf. ›Scheiß Begrenzer‹ denkst du jetzt. ›Zumindest die paar Meter sollte man etwas schneller fahren können‹. Aber das Leben ist grausam, und über Kilometer hinweg ändert sich nichts. Dein Nebenmann macht auch keine Anstalten, etwas Fahrt wegzunehmen, um dich einscheren zu lassen. Heute weiß ich, warum! Es ist weniger fehlende Kameradschaft. Denn die ist, wie ich auch merken konnte, bei Brummifahrern offenbar grenzüberschreitend sehr gut ausgebildet. Es ist einfach die Tatsache, dass du anders nicht bei deiner Optimalgeschwindigkeit bleiben kannst. Also bremst du ab und ordnest dich brav wieder hinter deinem (inzwischen wieder) Vordermann ein. Wenn nicht hinter dir ein „schnellerer“ Brummi ist, der sich nun ausgebremst fühlt und dir das mit Horn deutlich zu verstehen gibt.
  2. Der Gipfel ist noch nicht erreicht. Dann kannst du jetzt eine weitere Kerbe in dein Lenkrad schnitzen, einen Kollegen überholt zu haben. Aber freue dich nicht zu früh: Hinter jedem Gipfel kommt eine Talfahrt. Und so kommt es nicht selten vor, dass der gerade frisch Überholte, weil voll und ohne Begrenzer, dich wieder überholt: Wenn 40 Tonnen ungeregelt schieben, haben geregelte 7,5 Tonnen keine Chance! Was das in hügeliger Landschaft, z. B. den deutschen Mittelgebirgen, bedeutet, soll sich jeder selbst ausmalen!

Wie auch immer: Du lernst so, abzuschätzen, ob es sinnvoll ist, den Versuch eines Überholvorgangs zu unternehmen oder nicht. Und so lernst du schnell, es zu unterlassen, da es sowieso wenig Sinn macht.

Denn wenn du dann irgendwann einmal tanken musst und die Autobahn verlässt, stellst du fest, dass genau in diesem Augenblick der Brummi an der Ausfahrt vorbei fährt, den du eine Stunde vorher mit Ach und Krach und vielen geschwollenen Halsschlagadern der PKW-Fahrer einmal gerade so überholt hattest…

Hä? Wie das? Und dann fängst du an nachzudenken. Wenn du 4 km/h schneller als dein „Gegner“ bist, schaffst du in dieser Stunde 4 km mehr als er. Die aber hat er, bei einem Tempo von 85 km/h (du: 89 km/h) in 2,8 Minuten zurückgelegt – gerade der Zeit, die du für das Abbremsen vor der und die Kurvenfahrt in der Ausfahrt samt Ampel am Ende benötigst… Steht das in irgendeinem sinnvollen Verhältnis zum Risiko, das jedem Überholvorgang innewohnt? (Übrigens: 4 km/h Relativgeschwindigkeit entsprechen ca. 67 m/min. Wenn du einen 40 Tonner überholst, überholst du 18,75 m. Dein eigener LKW ist auch noch einmal 8 m lang, und Platz sollte zwischen beiden auch noch sein. Heißt: mindestens 33 m sind zu gewinnen, was somit 30 Sekunden dauert. Wissen Sie, wie lange 30 Sekunden auf der Autobahn sein können?)

Ernüchterung kehrt ein in dein Glaubensgebäude! Wenn das so ist, dann machst du auf die Strecke München – Berlin, ca. 660 km, 21 Minuten „gut“. Vorausgesetzt, es gibt keinen Stau und tanken oder pinkeln musst du auch nicht. 21 Minuten bei über sieben Stunden oder 5%… Es mag nach viel klingen. Aber glaub‘  mir: Wenn du sieben Stunden lang Kolonne fahren kannst, kannst du es auch 7 Stunden 21 Minuten lang!

Und doch überholen sich Brummis! Warum? Weil Brummis noch ein anderes Feature außer dem Begrenzer haben: Tempomat. Und so stellst du einfach die maximale Geschwindigkeit ein und überlässt das Auto sich selbst. Ungelogen: Ich habe den 7,5-Tonner in München-Schwabing auf den sechsten Gang hochgeschaltet und am Funkturm am Ende der Avus in Berlin wieder in den dritten zurück. Zwischendrin nur noch einmal beim Tanken ungefähr auf der Hälfte der Strecke runter und wieder rauf. Dazwischen hielt ich das Tempo, indem ich den Tempomaten anwies, die Geschwindigkeit meines Vordermannes einzuhalten – jeweils nur ein paar wenige km/h mehr oder weniger. Ein Vorgeschmack, was auf uns zukommen wird, wenn die Autos einmal autonom fahren werden!

Das aber macht das Brummifahren langweilig: Es passiert in diesen sieben Stunden absolut nichts! Und so kann ich mittlerweile nachvollziehen, wenn auch nicht verstehen und schon gleich gar nicht akzeptieren, wenn Brummifahrer im besten Falle die Papiere der nächsten Fuhre studieren, im schlimmsten sich die Fußnägel schneiden – oder Zeitung lesen oder fernsehen (alles bei meinen Überholversuchen gesehen!). Und so sind die Elefantenrennen eine beliebte und gerne genommene Gelegenheit, etwas anderes machen zu können als – den Hintern des Vordermanns zu begucken.

Wer das einmal mitgemacht hat, beginnt, Brummis und ihre Fahrer mit anderen Augen zu betrachten. Und er beginnt, das Eine oder Andere kritisch zu hinterfragen. Z. B. ob es wirklich sehr großen Sinn macht, weiterhin auf Tempolimit zu verzichten. Denn eines habe ich auch gelernt: Die Beschränkung auf eine Maximalgeschwindigkeit führt ganz automatisch dazu, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit  nicht wesentlich darunter liegt! Ganz anders, als wenn ich mit bis zu 220 km/h über die Autobahnen brettere: Hier liegen zwischen Höchstgeschwindigkeit und tatsächlich gefahrener Durchschnittsgeschwindigkeit oft Welten. Und das nicht nur wegen der häufigen Geschwindigkeitsbegrenzungen und Baustellen, sondern auch wegen des ewigen Herunterbremsens, wenn die Überholspur einmal nicht frei ist. Und das ist i. d. R. verdammt oft der Fall! Wenn man dann ehrlich ist, stellt man fest, dass die so erreichte Durchschnittsgeschwindigkeit so weit weg von der nicht ist, die man bei langsamerer Fahrweise auch erreicht hätte. Zumindest aber, dass die Unterschiede in keinem Verhältnis zu dem mit zunehmender Geschwindigkeit massiv steigenden Unfallrisiko stehen: Wenn ich, wo möglich, mit 220 km fahre, komme ich auf diese Strecke vielleicht auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 150 km/h – und brauche damit 4,5 Stunden (mein Rekord war, nachts, 4 Stunden!); 1,5 Stunden schneller als bei Tempolimit 120 km/h und Durchschnittsgeschwindigkeit 110 km/h. Lohnt sich das? Wer jetzt „ja“ sagt, hat ein Problem mit seinen Hormonen…

Da selbst in den meisten Baustellen 80 km/h erlaubt sind, muss ein Brummifahrer nicht vom Tempo – er hält seinen Schnitt. Und auch die 80 km/h an gefährlichen Steigungen stören ihn nicht. Was also wäre, wenn es tatsächlich ein generelles Tempolimit von 120 km/h gäbe? Und sogar, wie in den USA, die LKWs diese Geschwindigkeit fahren dürften – entsprechende Motorisierung vorausgesetzt?

Es würde lediglich die ärgern, die mit ihrem Boliden angeben müssen, zu viel Testosteron haben und das abbauen oder den täglichen Frust wegen Chef oder Partner kompensieren müssen, bei einem der deutschen Luxuswagenhersteller arbeiten oder – diese Erfahrung noch nicht gemacht haben. Und daher meine Anregung: Verpflichtet alle Fahrschüler zu einer Brummi-Tour auf dem Fahrersitz. Vielleicht wäre das lehrreicher und im Hinblick auf Rücksicht und Respekt dem Anderen gegenüber hilfreicher als alle Erziehungs-Videos…

In jedem Fall rückt es das eigene Ego zurecht, da man nun merkt, dass man stressfreier weiter kommt, wenn man Rücksicht nimmt. Wer mit 240 km/h  permanent links blinkend und lichthupend über unsere Autobahnen prescht, hält sich für Gott, zumindest aber für den Kaiser von Deutschland mit den Privilegien, die ihm deutsche Autobauer gerne und sehr eigennützig vermitteln: Freude am Fahren (auf Kosten anderer)! Er erinnert mich an den Banker und Börsenmenschen, der nur in seiner eigenen, virtuellen Welt aus Leer- und Termingeschäften lebt, ohne eine Beziehung zu Gesellschaft und Markt zu haben: Er ist abgehoben und sollte schnellstmöglich auf den Boden zurückgeholt werden.

Mir hat diese Erfahrung jedenfalls einmal mehr gezeigt, dass weniger mehr ist. Und wenn ich künftig einen Brummi im Überholvorgang sehe, nehme ich eben das Gas weg, ohne mich aufzuregen. Denn nun weiß ich, dass die Zeit, die ich damit „verliere“, partnerschaftlich und respektvoll am Verkehr teilzunehmen, marginal ist. Und weil ich mich nicht mehr aufrege, hat auch die Verkehrssicherheit etwas davon. Denn je höher Testosteron- und/oder Adrenalinspiegel, desto höher das Risiko, dass etwas passiert.

Ja, ich bin inzwisschen für generelles Tempo 120, und, ja, ich bin für mehr Respekt dem Anderen gegenüber. Danke für diese Lektion, Ihr Brummifahrer da draußen!

Ach übrigens, nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin natürlich immer brav maximal 80 km/h gefahren, die anderen auch; die Überlegungen oben waren also rein theoretischer Art, was wäre, wenn…

Foto: pixabay.com

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