Amelie, Alexander und

der Freie Markt

14. August 2015

»Sag mal – warum gründest du eigentlich keine Firma? Du hast doch immer so tolle Ideen. Statt sie nur zum Gegenstand deiner Romane zu machen, könntest du doch wenigstens einmal versuchen, etwas Sinnvolles zu machen. Ahnung von der Materie hättest du ja genug.« Amelie nippte an ihrem Glas Riesling vom Stein in Würzburg. Warum betonte sie das Wort „toll“ so komisch? Und was meinte sie mit „sinnvoll“?

»Wie meinst du das?«, fragte ich daher.  Auch ich nippte. Allerdings am Tinto aus Rioja in Spanien. »Ist Autor nicht auch ein anständiger Beruf? Sind Romane nicht auch sinnvoll?« Amelie überging meine Fragen.

»Na, nimm doch zum Beispiel Steve Jobs.« In Amelies Ton konnte man eine Spur von Schwärmerei erahnen – gerade so viel, dass es mir auffiel. Es war wie der Hauch von Knoblauch und Rosmarin, den das Steak in der Pfanne von den mitbruzzelnden Kräutern angenommen hatte: Zu wenig, um aufdringlich zu erscheinen, aber zu viel, um nicht wahrgenommen zu werden. War das beabsichtigt? Wenn ja, verdiente sie einen Alexander Stern – das Höchste, was ich virtuell vergeben kann, wenn mir etwas imponiert.

»Der hatte auch Visionen, so wie du in deinen Romanen. Nur – der hat was daraus gemacht, nicht nur ein Buch darüber geschrieben. Der hat die Trends der Zeit aufgegriffen und die Bedürfnisse der Menschen befriedigt.« Der Stern zerplatzte wie eine schillernde Seifenblase! Nichts mehr von unaufdringlichem Knoblauch und Andeutungen von Rosmarin. Stattdessen altes Frittenöl! Ziemlich deutlich bemerkte man den Vorwurf in ihrer Stimme. Was war das denn? War sie mit unserem Leben unzufrieden?

»Hat er nicht!«, begann ich reflexhaft und instinktiv meine Verteidigung.

»Wieso – hat er nicht!?« Provokant schaute sie mir über ihr Weinglas in die Augen. Ich wusste nicht, ob sie das nun als ernst gemeinten Diskussionsbeitrag sagte oder mich nur ein wenig ärgern wollte. Beides konnte bei ihr sein.

»Weil er erst die Bedürfnisse erzeugt hat, bevor er sie befriedigte. Er hat, wie viele andere auch, den Leuten erzählt, was sie unbedingt brauchen, Märkte erst gemacht! So, wie man im angelsächsischen Geld nicht verdient, sondern macht. Es heißt: make money, nicht earn money. Geld in Form von Lohn ist demnach nicht der Gegenwert für eine geleistete, abgerufene Aktivität sondern die unausweichliche Konsequenz gezielter Bemühungen durch „business development“, wie man den Vertrieb von Heizdecken in der Sahara und Tiefkühlschränken in der Arktis heute nennt. Und das ist ein Unterschied.«

»Stimmt doch gar nicht! Das aiBad …« Oh, nein! Nicht das jetzt! Keine Ahnung, aber mitreden wollen.

»… gibt es vom Prinzip her schon seit Ewigkeiten und ist alles andere als eine Idee von Jobs. So wie es vor dem aiFöhn schon Mobiles gab und vor dem aiPott MP3-Player. Nur hießen die Tablets von heute, die aiBads, damals noch slate, hatten aufgrund der für die aufgezwungenen Erfordernisse eines Massenmarktes – KlickiBunti, Animationen und Gichtkralle auf dem Bildschirm – noch nicht wirklich ausreichende Prozessorleistung und somit keine Chance und waren an die nach heutigen Kriterien falsche Klientel gerichtet: Geschäftsleute und Firmenmitarbeiter im Außendienst mit echtem Bedarf an solchen Geräten, bei denen es nicht auf Bildchen, Filmchen und Gefummel ankommt sondern auf ernsthafte Werkzeuge des täglichen Bedarfs!«

Amelie machte Anzeichen, mich auch so zu unterbrechen wie ich sie eben. Ich gönnte ihr das aber an dieser Stelle nicht – ich war noch nicht fertig. OK, vielleicht war ich etwas ungerecht. Und insgeheim empfand ich mein Verhalten gerade auch als ziemlich machohaft. Aber wegen der Unsicherheit, wie ernst sie meinte, was sie sagte, versuchte ich, die Situation so darzustellen, wie sie wirklich war. Und ich empfand Amelies Einwürfe als ziemlich dämlich, weil nachgeplappert. So verfiel ich in meinen Doziermodus, der Einwürfe nicht zuließ, um nicht in der Entwicklung des Gedanken unterbrochen zu werden.

»Die Idee war gut, aber, wie so oft, zu früh, weil technisch noch nicht so realisierbar wie es erforderlich gewesen wäre, um außerhalb der damals adressierten Zielgruppe jemanden zu interessieren. In der „Spaßgesellschaft“. Und dieser Markt erschien den Meisten damals zu klein und daher uninteressant. Ich habe noch so ein Ding, das auch heute noch funktioniert. Und das auf vielen Gebieten sogar besser als die heutigen Geräte, weil vollständig betriebssystem- und damit anwendungskompatibel mit meinem Laptop oder Desktop. Was allerdings nur dem Business hilft, weil Daten hier von mehreren Menschen bearbeitet werden: Mal auf dem Desktop, mal im Zug auf dem Laptop und dann eben durch den Außendienstmitarbeiter auf dem Slate. Wer nur spielen will oder im Internet ’rumhängen – den interessiert diese Kompatibilität natürlich nicht! Denn solche Anwendungen gibt’s für alle Plattformen, und Daten müssen nicht ausgetauscht und weiterverarbeitet werden.«

Erneut hob Sie zu einem Einwurf an, und erneut ließ ich ihr keine Chance.

»Den Herstellern damals kam es nicht auf Design, Chic und Standesdünkel an, sondern auf Befriedigung von Bedürfnissen der Arbeitswelt. Erst als die technologische Entwicklung die Voraussetzungen geschaffen hatte, dass man mit vielen bunten Bildchen, Zaubertricks und Design den Spieltrieb einer bestimmten Bevölkerungsgruppe nutzen und auf ihre Unfähigkeit, auf ihre Sachen aufzupassen, Rücksicht nehmen konnte – oder warum muss man heute Wedeln, statt, wie früher, einen Pen zu benutzen, was technisch sehr viel einfacher wäre? Weil man den permanent verliert oder verlegt –, konnte ein Markt geschaffen werden, der in den Augen der Betreffenden ein echter Markt, ein Milliardenmarkt war. Mit dem aiPott und dem aiFöhn war das nicht anders. Nimm doch nur mal mein Mobile…«

»Hör doch auf mit deinem dämlichen Handy! Dauernd bringst du diese olle Kamelle!« drehte nun Amelie die Augen gen Himmel und tat genervt. Vielleicht war sie es auch. Doch das wollte ich ihr nicht durchgehen lassen.

»Mobile, Schatz! Mobile! Wenn schon englisch, dann bitte richtig. Und nicht diesen Denglischkäse, mit dem man nur zeigt, dass man keine Ahnung hat aber so tut, als sei man hip!«, verbesserte ich sie. »Genau diese olle Kamelle drückt es aber aus! Die Bedürfnisse eines existierenden Marktes werden unterdrückt, weil das Marketing von heute es fertig bringt, das Interesse auf ganz andere Bereiche zu lenken, die es noch nicht gibt. Heute kann sich kein Mobiltelefonhersteller mehr erlauben, die vermeintlichen, durch geschicktes Marketing generierten virtuellen Bedürfnisse von 90% zu vernachlässigen, um die real bestehenden von 10% zu befriedigen. Nur, weil alle das so machen und man nicht Gefahr laufen will, einen gewinnträchtigen Hype und in der Folge Marktanteile zu verpassen. Man hüpft heute von Hype zu Hype, ein regelrechtes Hypehopping. Ernsthaft: Wer hatte denn das aiBad wirklich vermisst, als es das noch nicht gab? Gibt es Kommunikation denn erst, seit es aiFöhn, Mobiles und Internet gibt? Hat man davor nicht kommuniziert? Es geht mir nicht darum, zu sagen: „Früher war alles besser oder mindestens genauso gut – also zurück“. Das war es nicht, und das zu fordern wäre daher Quatsch! Aber die Wege, wie man Entwicklung betrieb, waren damals natürlicher an eine gewachsene Gesellschaft wie die unsere angepasst und damit sinnvoller.«

Ich machte eine Pause, um sie einmal zu Wort kommen zu lassen. Denn Dozieren ist das eine, bringt aber nicht viel, wenn es in einen Monolog ausartet und die Gegenseite abschaltet. Sie schwieg aber. Machte Sie sich ernsthafte Gedanken über meine Gedanken? Es sah so aus. Daher machte ich weiter.

»Früher hieß es aufgrund täglicher Erfahrung: die Fax-Übertragung muss schneller werden. Und man entwickelte den Fax-Standard weiter. Die ersten Mobiltelefone waren zu schwer und klobig und setzten ein Auto mit Kofferraum und Riesenbatterie voraus, also machte man sie kleiner und leichter. Aber Fax blieb Fax und Mobile blieb Mobile. Nur eben besser.«

Ich sah ihr direkt in ihre schönen Augen, die ich so liebte. Funkelte Widerstand? Signalisierten Sie Interesse? Sie nippte am Stein. Keine Reaktion. Auch ihre Mimik ließ mich nicht erahnen, was hinter ihrem Schädel vorging. Zumindest schien sie nicht derart sauer zu sein, dass ich eine Rückzugsstrategie hätte erarbeiten müssen. Denn ich wollte diesen schönen Abend nicht versauen. Und so nahm ich den Faden wieder auf.

»Heute heißt es: Wir haben 8 GByte Arbeitsspeicher in den Rechnern, Terabyte-Platten zum Speichern, 100-MBit-Glasfaserleitungen und Prozessoren, die schneller sind als die Großrechner vor 20 Jahren! So – und was kann man nun damit Schönes machen? Der Prozessor im Smartphone ist hoffnungslos unterfordert mit der reinen Mobilfunkverbindung – es gibt Unternehmen, die richtigerweise damit werben, mit der Prozessorleistung könnte man zum Mond fliegen -, und mit LTE 4G ist man sogar schneller im Internet unterwegs als via Festnetz – also: Was geht?

Und heraus kommen „Apps“, nach denen keiner gefragt hat, von denen aber jeder, irgendwann von professioneller Werbung hirngewaschen, überzeugt ist, dass er sie dringend haben muss. Und das nur, weil man die Fähigkeiten der Hardware bis zum letzten ausreizen können muss, damit man Gründe hat, weshalb sie weiterentwickelt werden muss, was zur Folge hat, dass man sich danach wieder fragt, wozu das denn nun gut sein könnte … Eine ewige Spirale, in der die nachgelieferte Rechtfertigung für eine Neuerung als Beweis für die Notwendigkeit der nächsten herangezogen wird. Klassischer Vertausch von Ursache und Wirkung. Nur, damit möglichst viel Geld gemacht wird, nicht damit es verdient werden muss.

Ich re-agiere nicht, ich agiere, ja bin sogar pro-aktiv; muss immer die Kontrolle haben! Ist zwar in vielen Dingen des täglichen Lebens durchaus sinnvoll und gut – Lethargie tötet irgendwann! Passt aber nicht zur Theorie des Kapitalismus der Form, die wünschenswert ist; nämlich der, in der der Markt, und das sind wir Verbraucher, das Sagen haben. Das aber ist nicht der amerikanische Absurdalismus, in der die Börse mit ihren Nanodeals und Leergeschäften bestimmt, wo’s lang geht. Und damit ist Kapitalismus als Wirtschaftsform genauso ad absurdum geführt wie Kommunismus, der die Gleichheit aller Menschen voraussetzt, was glücklicherweise Utopie ist, und Sozialismus, der auf „Wir haben uns alle lieb“ setzt!«

Ich schaute sie an. Noch immer keine Reaktion »Bist du nun sauer?« fragte ich, weil ich mir insgeheim Gewissensbisse machte, ihr so über den Mund gefahren zu sein.

»Sauer? Warum?« schaute sie mich erstaunt an. Sie kannte mich gut und wusste, dass ich es nicht persönlich gemeint hatte.

»Ich dachte ja nur.« Dann knüpfte ich an meinem vorherigen Gedankengang an.

»Und damit das alles auch schön so bleibt, ist die Nachfolgeversion eines Produktes häufig nicht mit dem Vorgänger kompatibel, sodass, wer sich mit Anderen austauschen muss, dazu gezwungen wird, permanent upzugraden. Weil man nicht weiß, ob die upgrademäßig immer up-to-date sind oder nicht. Im Zweifel sind sie es, aus genau dieser Unsicherheit heraus, nicht etwa aus Gründen der Erfordernis. Nicht nur bei Software, sondern auch bei Hardware. Beispiel für eine super Sollbruchstelle im Sinne einer geplanten Obsoleszenz: Vollständig intakte und funktionsfähige Drucker wandern auf den Sondermüll, weil der Hersteller Wachstum generiert, indem er ein Stückchen Software, den Druckertreiber, den anzupassen für seine Programmierer eine Sache von Minuten, höchstens Stunden wäre, aus genau diesem Grunde nicht an das neue Betriebssystem anpasst. Und so ist das mit Scannern und anderen Geräten ebenso: Zu jedem neuen Betriebssystem wird neue Peripherie erforderlich – unabhängig davon, ob die alte noch dicke ausreichen würde.«

»Das nennt man Entwicklung!«, warf Amelie ein.

»Nein, das ist Wachstumsmanie, die sich irgendwann rächen wird. Nur wird das dann die Leute nicht mehr interessieren, die bis dahin damit Milliarden gemacht haben. Genauso wenig, wie den Finanzjongleur die Konsequenzen interessieren, wenn der seinen Milliardendeal im Trockenen und seinen Bonus eingestrichen hat.«

Ich bemühte mich, cool zu bleiben. Aber Amelie gegenüber konnte ich mich geben, wie ich war. Und so ließ ich meinen Emotionen dann letztlich doch freien Lauf. Frustabbau!

»Im Ernst: Die Großgrundbesitzer im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts und die Plantagenbesitzer im Süden der USA mit ihren Leibeigenen und Sklaven sind heute die Führer der „Konsumgüterindustrie“ mit ihren jugendlichen Jüngern. Sie bestimmen, was getan wird, und das wird dann auch sklavisch umgesetzt und von den Leibeigenen unhinterfragt übernommen. Nur war es damals ehrlicher: Jeder wusste um diese Verhältnisse, heute werden Gurus wie Steve Jobs angehimmelt, haben gottgleichen Status, der auch noch über ihren irdischen Tod hinaus ausgereizt wird.

So steckt hinter dem Kürzel „4S“ des aiFöhns die diskret vermarktete, amerika-typische Abkürzung „fo(u)r Steve“ – es kam als „Tribut“ an Jobs als Variante des Modells „4“ nach seinem Tod auf den Markt und konnte zwar Spracherkennung, der Akku lieferte aber im Vergleich zum Vorgänger nur zwei Drittel Bereitschaft. Weil man, die Mitleidswelle surfen wollend, nicht ausreichend Entwicklungszeit hatte: Ein Tod, selbst Jobs, ist schnell vergessen! Und weil der Prozessor stromfressender werden musste, um die Sprache erkennen zu können.

Super Marketing: Du kannst zwar mit deinem Telefon reden, aber dafür musst du eineinhalb mal so häufig den Akku laden! Tu’s „für Steve“. Sich so ein Teil kaufen, aber dann beklagen, dass die Stromrechnung höher wird, weil der Stromverbrauch 50% zunimmt. Denn das passiert ja nicht nur bei Mobiles. Waren die Fernseher vor zehn Jahren noch mit einem Ausschalter versehen, an dem man sie vollständig vom Netz abhängen konnte, verbrauchten sie danach permanent Strom, wenn auch wenig, da man sie nur noch „soft-ausschalten“ konnte. Sie blieben in Bereitschaft, da man sie ja via Fernbedienung wieder einschalten könnten wollte.

Und heute haben wir eine weitere Stufe erreicht: Da sie ja auch ins Internet gehen können, müssen sie, wie die Computer, permanent an sein. Und wenn’s nur darum geht, die neuesten Updates immer parat zu haben und Spielfilmlisten aktuell zu halten. Ich bin sicher, die nächste Generation wird man gar nicht mehr abschalten können, weil sie immer irgendetwas tun „müssen“, was wir heute noch nicht brauchen. Aber dann. Ein Schritt in dieser Richtung ist, dass ein führender Hersteller inzwischen vor seinen eigenen Geräten warnt, da die über ein Mikro mithören, was im Raum erzählt wird.«

»Quatsch!«, meint Amelie. »Jetzt übertreibst du. Leidest du unter Verfolgungswahn?«

»Nein wirklich! Grund: Der Fernseher wartet auf das Auftreten von Stichworten, so wie bei Star Treck das Wort „Computer“, und reagiert dann darauf. Damit die Fernbedienung überflüssig wird und man das Gerät per Sprache bedienen kann. So im Stil: „Sumsang!“ Piep – Püüp! „Dschungel-Camp!“ Piep – Püüp. Und weil das dann via Himmel oder Magneta Ohne „on demand“ geliefert wird, ist man sofort mittendrin in dem Käse, egal wann das ist. Fehlt nur noch die Holographie wie auf dem Holodeck der Enterprise.«

»Geil!!«

»Meinst du? Denn der Pferdefuß kommt nun: Damit das funktioniert, muss das gesprochene Wort analysiert werden. Das aber kann der Fernseher nicht, und daher sendet er den aufgenommenen Audiostream via Internet zu einer Firma, die das dann macht und in entsprechende Befehle umsetzt, die dann an den Fernseher wieder zurückgesendet werden. Und damit er auf „Sumsang“ reagieren kann, muss eben alles analysiert werden. Das bedeutet: Ganz legal und von dir auch noch gewollt ist Big Brother nun endgültig zuhause angekommen. George Orwell mit einem 1984 ist kein Horrorszenario mehr, es ist Realität. Und es hören nicht Schlapphüte mit, sondern Geschäftsleute wie die von Sumsang und Kuukel… Und damit das auch breitflächig funktioniert, brauchen wir 100-Terabit-Hyperglasfaser-Kabel und neue Satelliten für LTE 8T«

Das Gespräch nahm immer mehr Fahrt auf und hatte das Potential, mich in die übliche Erregung zu bringen, in die ich kam, wenn ich mit anderen über unsere Gesellschaft und unsere ach so freie Wirtschaft redete.

»Du bist doch nur neidisch!«, provozierte sie mich. Denn es musste Provokation sein, weil sie es nach all den Jahren einfach besser wissen müsste. Und, wie üblich, tappte ich in die Falle!

»Nein, ich bin nicht neidisch! Ich gönne Steve Jobs, Bill Gates und wem auch immer jeden Cent, den sie verdient hatten, haben oder noch verdienen werden. Wenn einer so blöd ist, sich verblenden zu lassen, so soll er das durchaus tun – sich verblenden lassen. Schließlich leben wir hier in einer Demokratie, in der jeder das Recht hat, sich das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. Kein Problem damit, solange es Unbeteiligten nicht schadet.

Nur: Deren Geschäftsprinzip ist es, Märkte zu schaffen, nach eigenen Vorstellungen, Stichwort Gewinnoptimierung; sie maßzuschneidern, anstatt sie zu bedienen. Je bunter und sinnloser desto besser, weil ansonsten schnell auffiele, welchen Mist, welche schillernden, zu nichts wahrhaft nutzenden Seifenblasen das den Besitzer wechseln. Wenn da überhaupt ein Besitzer gewechselt wird: Heute erkauft man sich für sein reales Geld ja lediglich das Recht, etwas zu nutzen. Und das betrifft dann eben nicht nur die, die dämlich genug sind, sich das gefallen zu lassen, sondern auch die, die das nicht wollen. Auf diese Weise wird das System „Kapitalismus“ ad absurdum geführt. Denn das basiert auf Angebot und Nachfrage. Und dazu muss, natürlicherweise, erst einmal eine Nachfrage bestehen, die dann bedient wird. Gibt es die nicht, gibt’s auch nichts anzubieten.

Genau hier setzt nun der „moderne Kapitalismus“ amerikanischer Prägung an: Man hat irgendeinen Quatsch, den man vergolden will, also gilt es, diese Nachfrage zu schaffen. Und das kann man bei Älteren, die sich, auch heute, schwieriger verschaukeln lassen, weil sie, zumindest manchmal, ihr Hirn einschalten und selbst nachdenken statt sich alles vorkauen zu lassen, wesentlich schlechter als bei unreifen Heranwachsenden, die noch vollständig Gruppendruck und –dynamik unterliegen, up-to-date sein zu müssen. Beispiel: Die Kamera im aiFöhn 4 hat eine Auflösung von fünf Megapixeln, die im aiFöhn 5 acht Megapixel. Also fast eine Verdoppelung, was gerne als Verkaufsargument herangezogen wird. Doch wozu? 99,9% aller mit diesen Klugscheißertelefonen …«

»Du musst nun nicht aggressiv und beleidigend werden, nur weil dir etwas nicht passt!« Amelie war nun richtig sauer.

»Werde ich doch gar nicht! Schau ins Lexikon. „Smart“ heißt zwar intelligent, patent, geschickt, modisch und elegant, aber eben auch geschäftstüchtig, gerissen – und klugscheißerisch! Also: 99,9% der mit diesen – Dingern – geschossenen Bilder bleiben elektronisch und werden niemals auf Fotopapier gedruckt. Sie werden also auf irgendwelchen Displays dargestellt und angezeigt. Auf dem des aiFöhn 5 des Freundes zum Beispiel, dem man das Foto per MMS oder Gesichtsbuch schickt. Das aber hat eine Auflösung von 1136 x 640, also 727040 Pixel – und somit rund 800 Kilopixel gleich 0,8 Megapixel. Nur jeder zehnte Pixel, den die Kamera liefert, kann daher auch angezeigt werden, 90% werden weginterpoliert. Die Mobilfunkanbieter freut’s: Dadurch braucht man das 10-fache der eigentlich erforderlichen Bandbreite für die Übertragung, weil die zu transportierenden Daten zehnmal größer sind als nötig. Und weil irgendwann einmal immer mehr auf den Trichter kommen, wird es dann im Betrieb umso langsamer, je mehr das nutzen. Das Ergebnis: Ein wunderschönes Argument, um weiter an der Noch-mehr-noch-besser-Spirale drehen zu können.

Und selbst bei Betrachtung auf dem 40 Zöller eines Multi-Media-Computers mit einer Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln und damit HD können nur 2 Megapixel dargestellt werden. Hier müssen also immer noch drei von vier Pixel dran glauben. Warum also diese Pixelmanie bei mobilen Telefonen?«

»Vielleicht will ja einer einmal einen Abzug von einem Bild machen. Dann ist diese Auflösung doch wünschenswert!« Auch Amelie schien nicht nachzudenken!

»Eben nicht! Papierfotos haben ein Standardformat von 10 x 15 cm = 3,9 x 5,9 Inch. Bei einer sehr guten Auflösung von 300 dpi – dots per inch, also 11,8 Punkte pro Millimeter – sind das somit 1170 x 1770 = 2 Megapixel. Also: von allem, was 2 Megapixel liefert, kann man gestochen scharfe Papierfotos machen. Erst wenn man Poster mit exzellenter Auflösung machen will, sind die heute gängigen Kameraauflösungen interessant: Ein Poster von 30 x 45 cm = 8,5 x 17,7 Inch stellt bei 300 dpi 2550 x 5310 = 13 Megapixel dar, bei immer noch sehr guter Auflösung von 200 dpi, also 7,9 Punkte pro Millimeter, besagte 8 Megapixel eines aiFöhn 5. Nur: Wer will wirklich ein Poster dieser Auflösung und der mickrigen Schärfe und Tiefenschärfe eines Smartphones?«

»Ja, das stimmt! Gut ist die nicht, und Poster würde ich mir von solchen Fotos niemals machen lassen.« stimmte sie mir nun zu. Ja, ja, nachdenken müsste man. Kann jeder, jeder hat die Hard- und Software dazu. Man müsste die nur regelmäßig einschalten, nutzen und updaten …

»Also ist die Zielgruppe bei so ziemlich jeder technischen „Revolution“ die Jugend, die noch begeisterungsfähig und für jeden Schrott zu haben ist, ohne nachzudenken! Typisches Beispiel auch hier: aiFöhn Version 5 kann nicht die Bohne mehr als aiFöhn Version 4S. Und jeder weiß das! Und trotzdem stellen sich die Leute Tage vor dem Erscheinungstermin vor den einschlägigen Läden an und kampieren dort sogar, egal, welches Wetter herrscht – nur um einer der ersten zu sein, die es haben. Irrsinn pur!

Beim aiFöhn 6 war’s noch witziger: Einmal fallen lassen, aiFöhn kaputt! Weil die Aluminium für das Gehäuse verwendet hatten, das empfindlich reagiert. Und so ist nun ein super Verkaufsargument, dass das demnächst erscheinende aiFöhn 7 ein stabileres Gehäuse hat. Sag‘ mal – bin nur ich bescheuert? Fällt nur mir auf, wie sehr wir doch verar… – verschaukelt werden?

Denn Jobs Kalkül geht wieder einmal auf, auch nach seinem Tod: die Kassen klingeln. Es lebe die verordnete, virtuelle Obsoleszenz: Mit dem Tag des Erscheinens auf dem Markt ist die Haltbarkeit besiegelt – auf die Entwicklungszeit des Nachfolgers beschränkt, die entsprechend kurz ist, weil die Fehlerbeseitigung mit Hilfe des Käufers erfolgt – wenn überhaupt! Das ist Qualitätsdumping: Nach geplanter Obsoleszenz nun die virtuelle: Das Ding ist nur solange interessant, bis der Nachfolger auf dem Markt ist.

Es fragt heute kein Mensch mehr: „Wozu brauche ich das?“, weil einem gesagt wird: „Du brauchst das!“ – und man das unreflektiert glaubt. Modernes Mittelalter. Damals hat sein Fürst oder der Pfarrer einem auch gesagt, was man tun sollte – und man tat es. Wo sind Errungenschaften der Aufklärung wie Selbstbestimmung geblieben? Vordergründig im Grundgesetz verbrieft. In Wahrheit aber sind wir so unfrei wie noch nie.«

Wir nahmen beide einen Schluck. Ich begann erneut, mich ernsthaft zu erregen.

»Den Kiddies wird solange erzählt, dass sie permanent im Internet rumhängen und sich gegenseitig zuzwitschern müssen, dass sie gerade auf dem Klo sitzen und die Blähung partout nicht abgehen will, gerne auch mit dazu passendem, unnötig hyperaufgelöstem Foto, ja vielleicht sogar mit Filmchen, auf dem nur der Produzent weiß, was passiert, da alles bis zur Unkenntlichkeit verwackelt ist – dafür aber in HD! –, bis die glauben, so funktioniert die Welt. Weil man 1000 Idioten, genannt follower, hat, die das konsumieren, weil der Tag sonst zu langweilig wäre. Nimm heute einmal einem dieser Erbarmungswürdigen sein Klugsch… – sein Smartphone auch nur kurzfristig weg: Er entwickelt sofort Entzugserscheinungen wie jeder Heroinabhängige.  Nur wer den Knopf „Gefällt mir“ drücken kann, mehr um „dabei zu sein“ als aus echter Anteilnahme, lebt. Man ist umso bedeutender, je mehr Freunde man auf Facebook & Co hat. Man stelle sich vor: Der Durchschnitts-Gesichtsbuchjünger hat 130 „Freunde“. Wer kann sich schon ernsthaft um 130 Freunde kümmern? Was also heißt heutzutage „Freund“ und „Freundschaft pflegen“?«

»Das sagst ausgerechnet du?« grinste sie mich an. Touché! Ich grinste ertappt zurück, zuckte mit den Schultern und tat naiv.

»Na ja, man muss sich halt der jeweiligen Situation anpassen! So geht das eben heute. Tust du es nicht, isolierst du dich selbst.«

»Eben!« strahlte sie mich nun an. »Eben. Aber die Klappe aufreißen!«

»Trotzdem ist das nicht gut. Es ist Nötigung: Ich werden gezwungen, etwas zu tun, was ich nicht will, weil ich anders keine Chance habe! Und es sollten wieder andere Kriterien wichtig sein, nach denen unsere Gesellschaft lebt. Dieser ganze Wachstums-Hype ist doch Wahnsinn. Wohin soll das noch führen? Und vor allem: Was machen unsere Kinder und Enkel? Auf diesem Raumschiff namens Erde sind die Ressourcen begrenzt. Und was wir heute sorglos verschwenden fehlt morgen – und damit denen, die auf diese Entwicklung keinen Einfluss nehmen können. Das nenne ich verantwortungslos!«

»Lass uns gehen! Heute änderst du die Welt nicht mehr.« Wir tranken aus, ich zahlte und wir standen auf. Erstaunlich, wie sie es immer schaffte, mich zu erden. Eine tolle Frau, diese Amelie…

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