Gesellschaft

Deutsche können nicht lachen!

9. August 2015

Auf der Rückfahrt von meinem Termin in Hamburg, über dessen An- und Abreise ich gestern bereits berichtet habe, hat es eine Situation gegeben, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Die Sache an sich mag albern sein. Und ich war auch geneigt, sie mit einem „Schlag ein Ei drüber“ wieder zu vergessen. Und doch ließ es mich nicht ruhen.

Promibonus?

Am Hamburger Hauptbahnhof versammelten sich kurz vor Einfahrt des ICEs nach München ein paar Reisende im Abschnitt für die Wagen der ersten Klasse. Unter anderem auch ein Promi, den Viele vielleicht noch kennen, dessen Namen ich aber hier nicht nennen werde. Alter: Weit über Siebzig, sehr schlank, rote Jeans, rote Jacke, blond gefärbte, kurze Haare, tiefe Stimme. In seiner Begleitung war ein etwa 12-jähriges Mädchen mit Rollenköfferchen, er selbst hatte kein Gepäck.

Als der Zug dann stand, standen die beiden ein Stück weg vom Eingang. Was sie aber nicht davon abhielt, herbeizueilen und sich an den vor der Tür stehenden Wartenden vorbeizudrücken, um als erste in den Wagen zu kommen. Denn Ziel war offenbar, einen der wenigen Sitze mit Tischchen zu ergattern. Und so kam es.

Nachdem ich, ich bin leider noch so erzogen worden und mag das auf meine alten Tage nicht mehr ablegen, den weiblichen Mitreisenden den Vortritt gelassen hatte, obwohl auch ich wegen Schlepptop gerne einen Tisch gehabt hätte, betrat ich den letzten Wagen des Zuges. Unser Promi hatte sich in der Einzelplatzreihe am letzten Tisch niedergelassen. Der Tisch in der Zweierreihe war noch frei und laut Anzeige auch nicht reserviert. Also ließ ich mich dort nieder – direkt neben dem Promi.

Die Unterhaltung zwischen dem Promi und seiner Enkelin, wie ich annahm, war recht laut ein wenig rücksichtslos. Kurz vor Abfahrt kam dann ein junger Mann, der einen der beiden Plätze am Tisch reserviert hatte. Er bat daher sehr freundlich, ihm doch den reservierten Platz freizumachen.

Es dauerte eine ganze Zeit und sehr vielen verbalen Hin- und Hers, bis der Promi sehr erzürnt (vermutlich, weil der größere Tisch neben ihm nun von mir besetzt war) seiner Tochter sagte, sie solle die Spielsachen wieder zusammenräumen. Der junge Mann entschuldigte sich freundlich und meinte noch, er wäre sonst nicht so, hätte sich aber heute extra diesen Platz reservieren lassen, um an seiner Semesterarbeit arbeiten zu können. Was den Promi nicht daran hinderte, recht unverhältnismäßig herumzu- ja, ich kann das nicht anders nennen – pöbeln.

Nachdem ich den großen Tisch hatte, an dem noch jede Menge Platz für die zwei gewesen wäre – man hätte noch nicht einmal fragen müssen, da die restlichen drei Plätze nicht reserviert waren, entschied sich der Promi für die Reihe hinter mir – ohne Tisch.

Bereits kurz nach der Abfahrt in Hamburg wusste ich dann alles über die Familie. Es war nicht seine Enkelin, es war seine Tochter. Und Promi ließ sich im Fünf-Minuten-Takt von Töchterchen bestätigen, dass die ihn noch mochte. Zeitversetzt ebenfalls im Fünf-Minuten-Takt ließ er sich auch bestätigen, dass sie Mami noch liebte. Famillienrituale, die, etwas dezenter dargebracht, Rührung, so aber gebremste Aggression herorriefen

Sie waren gerade auf dem Weg nach Hannover zur Mutter. Das musste entsprechend intensiv abgestimmt werden: Erst rief der Promi seine vermutliche Ex an, und teilte ihr die letzten Details der Reise inklusive des typisch deutschen Verhaltens seiner Mitreisenden mit. Dann meinte Töchterchen, über Handy ihrer Mutter die Handlung des Films auf ihrem iPad schildern zu müssen. Danach war wieder unser Promi dran, der mitteilen musste, wo wir gerade waren.

Kurz: Die Fahrt nach Hannover war recht kurzweilig, vor allem auch, weil die Ex und die Mutti wohl ebenfalls sehr mitteilsam war und daher eines der beiden Handys permanent klingelte. Die Situation gipfelte darin, dass Töchterchen unbedingt über Smartphone das selbstgedrehte Filmchen über die Fete mit anderen Kindern übermitteln musste, was nur möglich war, indem der Lautsprecher des iPad voll aufgedreht wurde. Nun aber kaum außer Krächzen und Rauschen nichts Wahrnehmbares mehr heraus.

Dies brachte die beiden Reisenden hinter den Beiden zu der Bitte, doch etwas leiser zu sein. Was den Promi endgültig aus der Fassung brachte. Ab diesem Zeitpunkt lamentierte er über die sturen Deutschen, die nicht lachen könnten. Dies war ihm so wichtig, dass er seine Ex anrief und ihr das brühwarm mitteilte. Und wie kinderunfreundlich wir doch seien. Damit nicht genug, auch Töchterchen musste ihr das anschließend noch einmal lautstark übermitteln. Bis zum Ausstieg in Hannover erklärte er nun immer wieder seiner Tochter, wie humorlos die Deutschen doch seien. Selbst noch auf dem Gang kurz vor Erreichen des Bahnhofes.

Das wurde selbst dem jungen Studenten zu viel, der ihn fragte, wie er denn auf die Idee käme und warum er sich als Deutscher derart über seine Landsleute ausließ. Er, als Ausländer, könne das nicht verstehen!

Das machte unseren Promi nur noch ärgerlicher. Unser aller Glück war, dass der Zug gerade in Hannover hielt.

Eine Zusatzinformation

Soweit die Geschichte. Es fehlt noch eine kleine Zusatzinformation. Das alles trug sich in einer Wagonhälfte zu, die als „Ruheraum“ ausgewiesen war. Die Benutzung von Handys war verboten, und überall hingen kleine Sticker mit „Psst!“.

Wenn man also das Ganze nüchtern betrachtet, empfand ich uns Deutsche eigentlich als sehr tolerant. Keiner hat gemeckert, dass Promi und Töchterchen die ganze Zeit über entweder in ihre Handys brüllten oder Papi abteilunterhaltend aus Töchterchens Büchern vorlas. Noch nicht einmal besonders gut – man muss wohl als seine Tochter geboren worden sein, um verstehen zu können, was er da lautstark murmelte. Und keiner hat sich darüber aufgeregt, dass er immer und immer wieder seiner Tochter recht beleidigend erklärte, was er von seinen Landleuten hielt.

Selbst der Auslöser des gesteigerten Unmutes, die Bitte, doch die Lautstärke des iPads etwas herunterzuschrauben, war daher in Wahrheit ein Zeichen von ziemlich viel Toleranz – man hätte ja, mit Hinweis auf die „Ruhezone“, den Gebrauch dieser Teile ohne Kopfhörer ganz verbieten können.

Wie sind wir Deutschen?

Sind wir Deutschen also intolerant? Penibel? Vorschriftenreiter? Ja! Sicherlich mehr als andere. Aber ist das verkehrt?

Ich habe mir den Rest der Reise meine Gedanken gemacht. Vor 40 Jahren hätte die Szene sich ganz anders abgespielt. Da wäre selbst der Versuch, das Handy ans Ohr zu bringen, im Keim erstickt worden! Da hätte es kein lautes Vorlesen von Kinderbüchern gegeben! Und da hätte man nicht die beleidigenden Äußerungen kommentarlos überhört.

Wir Deutschen achten auf Regeln und Vorschriften. Ist das intolerant? Ist es intolerant, wenn man in Zonen mit Tempolimit 30 sich an dieses hält? Ist es intolerant, wenn man an roten Ampeln hält – auch und gerade als Radfahrer?

Die Ruheräume sind von der Bahn nicht ohne Grund eingerichtet worden. Es sind Räume, in denen Reisende, warum auch immer, ihre Ruhe haben wollen. Das ist ein Service der Bahn. Ist es also intolerant, wenn man auf seine Rechte hinweist und damit das Selbstbestimmungsrecht anderer einschränkt?

Der Ruheraum ist nichts anderes als das Zwei-Klassen-System. Wer gerne Erster Klasse fährt und diesen Service in Anspruch nehmen möchte, muss selbst tolerant genug sein, Ruhebereiche zu akzeptieren – andernfalls sollte er konsequenterweise zweiter Klasse fahren.

Der Zug war nicht voll! Unser Promi hätte nur zehn Reihen weiter vorne hinter einer Glastüre sogar ein Vierertischchen in der Ersten Klasse für sich und seine Tochter gehabt. Da hätte er, sogar mittels Sticker unmissverständlich als Telefonzone ausgewiesen, seiner Mitteilungsfreude ungehindert nachkommen können.

Was mich aber so fertig macht in dieser Sache: Hier wird ein Mensch geprägt – seine Tochter. Hier wird der böse Deutsche implementiert, obwohl der so böse doch gar nicht zu sein scheint. Hier werden Ressentiments, ja vielleicht sogar die Wurzeln für Hass gelegt. Warum? Weil ein Promi glaubt, Sonderrechte zu haben? Oder weil er nicht mehr im Rampenlicht steht, niemand mehr ein Autogramm von ihm will?

Wir Deutschen sind nicht besser als der Rest der Welt! Daher gibt es keinen Grund, anderen zeigen zu wollen, wie man es macht. Aber wir sind auch nicht schlechter als der Rest der Welt. Es gibt also ebenfalls keinen Grund, uns zu beschimpfen oder beschimpfen zu lassen, auch nicht aus den eigenen Reihen heraus.

Wir sind eben – anders! Und Vielfalt ist das Spannende im Leben! Es wäre öde, wenn die Welt so wäre wie wir. Aber es wäre auch öde, wenn wir so wären wie die Welt.

Übrigens: So weit weg von den anderen sind wir doch gar nicht. Gut – in Amerika hört man vielleicht niemanden, der bittet, die Lautstärke herunterzudrehen. Aber jetzt gibt es zwei Gründe, warum nicht:

(1) Die Amis sind toleranter und nehmen das einfach hin.

(2) Die Amis verhalten sich von vorneherein akkurat.

Ich war lange genug drüben, um (1) ausschließen zu können! Dort steht niemand auf Parkplätzen, die für Behinderte reserviert sind. Zum einen, weil man das einfach nicht macht. Und zum anderen, weil es verdammt teuer wird, wenn man es macht.

 

 

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