Vegetarismus

Die Lust am Schmerz – Teil 2

18. August 2014

Die ideologische Ebene

Begeben wir uns also einmal auf die ideologische Ebene. In diesem Zusammenhang ist vor Kurzem ein sehr interessanter Beitrag von Elisabeth Raether im Zeitmagazin erschienen (zeit.de/zeit-magazin/essen-trinken/2014-07/fleisch-argumente-vegetarier-veganer).

Sie meint: »Nur weil es andere modern und großstädtisch finden, kein Fleisch zu essen, muss ich nicht Vegetarierin werden.« Recht hat sie! Nur in zwei Dingen widerspreche ich ihr, auch wenn sich die entsprechenden Stellen als Stilmittel herausstellen: »Alle Argumente scheinen die Vegetarier und Veganer auf ihrer Seite zu haben, das Wohl der Tiere, die Umwelt, die eigene Gesundheit. Wer nicht nur Pflanzen, sondern auch Fleisch isst, dem ist nur ein einziges Argument geblieben: Es schmeckt. Fleischessen ist der Genuss der Ignoranten geworden, die SUV fahren und Kette rauchen.« Ich rauche nicht, schon gar nicht Kette, fahre keinen SUV, die Dinger sind mir verhasst – und wer ignorant ist und was gut für die Gesundheit, werden wir noch sehen! Aber, es stimmt: Es schmeckt. Und es ist mir egal, wenn Anderen etwas entgeht, weil sie kein Fleisch essen. Ich tue es! Auch weiterhin. Und umso mehr, je mehr es mir vermiest werden soll.

Und zweitens: »Vielleicht ist es Mode. Dann könnte ich warten, bis sie vorbei ist, so wie ich es mit Tätowierungen handhabe.« Der Mensch ist zwar ein Herdentier. Aber muss ich denn immer jeden Quatsch mitmachen, den ein paar juvenile Halbstarke (herdentechnisch gesehen!) anstellen, um das erfahrene Leittier von seinem Platz zu verdrängen? Wer nun an das Stichwort Lemminge denkt und ob man’s denen an Klippen nachmachen sollte, kennt die Antwort! Mein Rat: Ein wenig mehr Selbstbewusstsein bitte, nicht alles ist schlecht, was nicht progressiv oder modern ist. Denn was heute modern ist, ist morgen schon wieder out.

Raether schreibt: »Die Anti-Fleisch-Bewegung würde mich „speziesistisch sozialisiert“ nennen. Speziesismus bedeutet, dass man Lebewesen in Spezies unterscheidet, also zum Beispiel in Mensch und Tier, wobei das Tier meistens den Kürzeren zieht. […] Der Begriff Speziesismus ist in der Alltagssprache noch nicht angekommen, aber das Denken in den Kategorien Mensch und Tier wird von der Tierrechtsbewegung mit Sexismus und Rassismus gleichgesetzt.« Und auch hier würde ich sagen: Warten wir einmal die nächsten paar Absätze ab. Ich bezweifle, dass der Begriff jemals in die Alltagssprache wird Einzug halten können…

Abgesehen davon ist dann jeder Biologe Speziesist: Er kategorisiert die Lebewesen gerade anhand ihrer Art. Und nicht nur daran.

»Viele Vegetarier sind Antispeziesisten – sie glauben, man darf Tiere nicht töten, nur weil sie Tiere sind.« Wenn dieser Glaube Grundlage des Antispeziesismus wäre, wäre ich dessen Erfinder: Man darf in der Tat Tiere nicht um des Tötens willen töten oder weil es Tiere sind! Doch wer außer einigen reichen Minderbemittelten auf Safari, die über so viele Minderwertigkeitskomplexe oder Selbstüberschätzung verfügen, dass sie ihre vermeintliche Bedeutung in erlegten Trophäen ausdrücken müssen, tut das schon? Wer ist schon Tierquäler, der die niedlichen Haustierchen der Oma im Stock über einem malträtiert? Und was hat das alles mit Töten zur Nahrungsaufnahme zu tun, einem der natürlichsten Dinge, die es gibt? Wer keine Photosynthese betreibt (betreiben kann), ist auf das Töten angewiesen: tierisches oder pflanzliches Leben beenden, damit das eigene weiter gehen kann. Auch Veganer töten! Wir haben nun einmal leider keine Chloroplasten wie die Pflanzen, also bleibt uns nur dieser „grausame“ Weg. Aber selbst die naturnahesten Religionen verbieten den Genuss von Fleisch und damit das Töten von Tieren zur Nahrungsaufnahme nicht! Was also bilden sich die Vegetarier ein?

Wir Menschen sind in erster Hinsicht Tiere – Raubtiere. (Allein dieses Wissen um unwiderlegbare Tatsachen outet mich bereits als Nicht-Speziesist: Ich geselle uns zu den Tieren!) Damit ist aber das Verzehren von Fleisch eines der natürlichsten Dinge eines Menschen. Würde man einem Löwen verbieten, eine Gazelle zu reißen? Warum also dem Menschen? Was uns von Löwen und Orcas unterscheidet, ist, dass wir abseits dieser nicht diskutablen grundlegenden, animalischen Bedürfnisse auch ethisch und moralisch aktiv werden können. Allerdings in anderer Hinsicht als von den Vegetariern in Form von Generalverweigerung proklamiert: Bevor wir große Fleischstücke aus dem Tier reißen (soll heißen: es im Schlachthaus zerlegen), wie es viele Raubtiere am lebenden Objekt tun (was im Schlachthaus nicht passiert), töten wir es möglichst schmerzfrei, um ihm Leid zu ersparen. Professionell durchgeführt, merkt ein Schlachttier bis zum Schuss mit dem Bolzenschussgerät nicht, was auf es zukommt; und den Schuss selbst auch nicht. Im Gegenteil zum Beutetier eines Löwen, das oftmals sehr ausdauernd getrieben wird und in höchster Panik und Angst um sein Leben versucht zu fliehen. Zwar töten Löwen vor dem Verzehr auch, allerdings nicht schmerzlos – die Beute wird in der Regel erstickt – und aus ganz praktischen Gründen: Damit es nach anstrengender Jagd nicht doch noch abhaut. Und Orcas spielen sogar mit ihrer Beute, Robben, bevor sie sie fressen: Sie lassen sie immer wieder frei, um sie erneut zu fangen! Das ist der Unterschied!

Die Büffel und Gnus in Afrika wissen bei ihren Wanderungen um die Gefahren von Flussdurchquerungen in Form von Krokodilen sehr wohl. In wilder Panik hetzen sie mit angstgeweiteten Augen durch die Furt. Einige schaffen es nicht, und die anderen werden dadurch so panisch, dass sie sich bei dem Versuch, das rettende andere Ufer zu erklimmen, selbst tot trampeln. Dagegen aber schreit kein Tierrechtler. Warum nicht? Weil das der Gang der Natur ist. Ich lasse mich nicht gerne beschimpfen oder missionieren, weil ich, wie Krokodile und Löwen, meiner Natur folge. Und das sehr moralisch und ethisch, weil mir die Natur das Werkzeug dazu gegeben hat: meinen Verstand.

Dass Vegetarismus keine Frage von Vernunft ist sondern nur ideologische Hintergründe hat, drückt sich nach Raether auch darin aus, dass »kein Argument für den Fleischverzicht […] der Überprüfung stand [hält]. Mir scheint, dass er auf zusammengegoogelten Gerüchten und überstürzter Empörung beruht. Kein Fleisch essen – es ist ein Slogan, der nicht schadet, aber auch nicht viel bedeutet. Keine einzige Studie hat nachgewiesen, dass die fleischlose oder vegane Ernährung gesünder wäre als die abwechslungsreiche Vollwertkost […].« Das stimmt! Im Gegenteil: Es gibt genügend Hinweise darauf, dass vegetarische Lebensweise zwar möglich, aber Aufgrund der Einseitigkeit nicht erstrebenswert ist. Es ist wie so häufig in unserer Gesellschaft: Einer schreit laut, lauter als andere, und dem wird unreflektiert gefolgt. Weil man dann selbst nicht mehr denken muss: »Weil Denken die schwerste Arbeit ist, die es gibt, beschäftigen sich auch nur wenige damit.« Henry Ford.

Sind Pflanzen keine Lebewesen?

Vegetariern, die auf tierische Nahrung verzichten, weil sie es nicht „mit ihrem Gewissen vereinbaren können“ oder das zumindest vorgeben, möchte ich nur folgende Fragen als Anstoß stellen, einmal nachzudenken und die eigene Position zu überprüfen: Was unterscheidet eigentlich Tier von Pflanze? Sind die Unterschiede tatsächlich so groß, dass man eine Seite diskriminieren darf? Warum habt Ihr so viel Respekt vor dem Tier, dass Ihr es aus Gewissensgründen nicht essen könnt, nicht aber vor der Pflanze – die zu essen ihr ja keine Skrupel habt? Habt Ihr, wenn Ihr an Pflanzen denkt, nur Rucola im Hirn? Seid nicht auch Ihr Speziesisten, die nur andere Unterscheidungskriterien heranziehen?

Glaubt Ihr z.B. wirklich, nur Tiere könnten Schmerz empfinden? Und warum rollt sich dann ein Mimosenblatt ein, wenn man sich ihm mit dem Feuerzeug nähert; und nicht nur dieses, sondern alle der gesamten Pflanze? „Schmerz“ ist nichts anderes als eine Empfindung, also eine individuelle Wahrnehmung eines Reizes aus der Umwelt, der Gefahr signalisiert. Und einen solchen Reiz wertet offenbar auch die Mimose aus, „empfindet“ ihn also, da sie darauf reagiert! Ist das dann nicht per definitionem „Schmerz“? Reagiert ein Tier auf einen Schmerz, soll damit Schlimmeres verhindert werden, indem es z.B. flieht. Und warum rollt die Mimose ihre Blätter zusammen? Um Schlimmeres zu verhindern! Oder, anders gefragt, was unterscheidet das Verhalten der Mimose von dem eines Kindes, das eine heiße Herdplatte anfasst? Beide ziehen sich möglichst schnell zurück, damit der Schaden, der bereits eingetreten ist, begrenzt bleibt!

Liegt es dann am Bewusstwerden? Können Pflanzen keinen Schmerz empfinden, weil der ihnen nicht bewusst wird? Wird er denn einem Menschen, dem Kind „bewusst“? Oder erst die Situation nach dem Ereignis, wenn die Reaktion, der auf den Schmerz folgende Reflex, längst erfolgt ist? Kommt es zu schlimm oder kann er in der jeweiligen Situation Schmerz nicht gebrauchen, schüttet ein Mensch Endorphine aus, die ihn schmerzunempfindlich machen, Schmerzen nicht mehr bewusst werden lassen. Und nun? Wer Pflanzen Schmerzempfinden abspricht, ist arrogant!

Sind Tiere „mehr wert“, weil sie, wie das Kind, ihren Schmerz akustisch sehr dramatisch kundtun können, Pflanzen aber nicht? Weil Tiere sich wehren, wenn man sie mit dem Messer traktiert, die Kapseln des Schlafmohns oder die Kautschuk-Bäume aber nicht? Der Milchsaft dieser und anderer Pflanzen (Wolfsmichgewächse, Korbblütler, Maulbeergewächse) dient ihnen zur Verteidigung und Abwehr: Er ist meistens giftig, zumindest aber bitter, und verhindert dadurch, dass die Pflanzen gefressen werden. Die Opiate des Schlafmohns dienen nicht dazu, dem Menschen einen mehr oder weniger netten Trip zu verschaffen, sondern aufgrund der Halluzinationen dafür zu sorgen, dass er den Mohn in Ruhe lässt. Tiere halten sich daran, weil die Halluzinationen doof finden. Der Mensch (manchmal) nicht, weil er (manchmal) Halluzinationen geil findet. Auch ist der Milchsaft Teil des pflanzlichen Immunsystems, da er antibiotisch wirkt. Und er erfüllt bei der Pflanze das, was unser Gerinnungssystem tut: das Ausbluten verhindern, indem durch Gerinnen des Saftes Wunden verschlossen werden.  Der Milchsaft ist das Blut der Pflanzen. Schade, dass er nicht wie das höherer Tiere rot ist – das hülfe vielleicht!

Sind Tiere mehr wert, weil sie in ihrer Not versuchen können, zu fliehen, Pflanzen aber nicht und daher, weil sie eben nicht fliehen, vermeintlich keine Not empfinden (können)? Glauben Sie wirklich, ein Baum würde vor einem Waldbrand nicht auch fliehen, wenn er könnte? Weil Pflanzen „phlegmatischer“ sind, Tiere agiler? Und stimmt das wirklich? Denkt man an die Venus-Fliegenfalle, die ihre Fangblätter so schnell schließen kann, dass sogar eine Fliege, die selbst schon über eine der kürzesten Reaktionszeiten im Tierreich verfügt, ihr nicht entkommen kann – eine Leistung, die kaum Mensch hinbekommt –, muss man sagen: nein! Zumal, wenn man es mit der Agilität eins Dreizehenfaultiers oder einer Seeanemone vergleicht, die, obwohl Tier, sich nicht fortbewegen kann.

Sind Tiere mehr wert, weil man ihr Leiden, wie auch immer hervorgerufen, wahrnehmen kann? Durch geschundenes Fell, gebrochene Augen, atypisches Verhalten. Oder interpretieren wir vielleicht in bestimmte tierische Verhalten mehr Menschliches hinein als wir sollten? Kann man nicht auch geschundene Pflanzen wahrnehmen mit halbvertrockneten, blattlosen Zweigen und Ästen, mit den sichtbaren Narben von Verletzungen, von Amputationen, damit sie „schön“ aussehen? Sehen nicht Pflanzen, um die sich die Nachbarn während der Abwesenheit in den Ferien entgegen der Vereinbarung nicht gekümmert haben, auch zum Erbarmen aus? Und, hat die Pflanze aufgrund Wassermangels nicht auch gelitten? Was ist Leid? Lassen wir ein Tier verdursten, sind wir unmenschlich. Lassen wir Pflanzen verdursten, nennen wir das „verwelken“. Ist es nicht ebenso grausam, einem Baum einen Ast abzuschneiden wie einem Hund ein Bein? Und, wenn nein, warum nicht? Nur, weil es „nur“ eine Pflanze ist? Wer tierisches, nicht aber pflanzliches Leiden (an)erkennt, ist arrogant!

Ein großer Strauß schöner, frisch geschnittener und damit tödlich verletzter Blumen erfreut unser Herz bis zum Ende ihrer Qualen nach vielen Tagen, weil wir die Qualen der Pflanze nicht wahrnehmen. Die Blüten der Blumen dienen ihnen aber zur Fortpflanzung. Stellte sich jemand einen Strauß frisch abgeschnittener, noch zuckender aufgespießter Rinderhoden oder Schweineeierstöcke aufs Sideboard, hätte niemand dafür Verständnis, auch nicht wir Fleischesser! So hoffe ich wenigstens. Ist das nicht mit zweierlei Maß gemessen? Sind Blumensträuße also ethisch und, wenn ja, warum?

Pflanzen und ihre tierischen Armeen

Sind Tiere mehr wert, weil sie miteinander und manchmal, bei domestizierten, auch mit uns, kommunizieren können, Pflanzen aber nicht? Und – stimmt das? Nein! Auch Pflanzen kommunizieren: Nicht nur mit den Insekten, die sie bestäuben sollen, sondern auch mit Ihresgleichen, wenn sie z.B. ihre Genossen davon über Pheromone in Kenntnis setzen, dass sie gerade von einem Schädling befallen werden, damit die sich schützen können; was sie dann auch tun! Oder sie teilen sich gegenseitig mit, wann sie auskeimen. Und sie reagieren, wenn auch nicht akustisch wie unsere Haustiere, so doch über Duftstoffe auf unsere Zuwendung: Rosen, die wir vertrocknen lassen, duften nicht, solche die wir pflegen, sehr wohl! Umso intensiver, je mehr wir das tun. Wer nicht erkennt, dass auch Pflanzen kommunizieren, ist arrogant!

Pflanzen können sogar noch mehr: Sie holen sich bei Schädlingsbefall die Raubinsekten zu Hilfe, deren Nahrung die die Pflanze bedrohenden Fraßinsekten sind; machen Tiere etwas Analoges auch? Lianen bitten, Lasso zu spielen? Stichworte zum googeln für die, die’s interessiert: VOC (volatile organic compounds; google.de/search?q=voc) und EFN (extrafloraler Nektar; google.de/search?q=extrafloraler+nektar). Es zeigt sich hier, dass Pflanzen ihre Unfähigkeit zur Flucht vor einem Feind sehr gut und „intelligent“ kompensieren können. Für mich ist es weit raffinierter, sich als Pflanze wehrhafte tierische Verbündete zur Hilfe zu holen und den Kampf aufzunehmen als einfach nur Fersengeld zu geben, wie es die meisten Beutetiere tun. Wer das nicht anerkennen kann, ist arrogant!

Sind also Tiere mehr wert, weil sie uns ähnlicher sind als Pflanzen? Wenn das so wäre: Betrachte ich die Mimose, ist für mich ihr Verhalten auf einen schmerzenden Reiz „menschlicher“, indem sie „die Finger zurückzieht“, als das einer Ameise, die einfach weiterrennt – auch mit verbrannter Antenne! Gibt es somit auch unter den Tieren Klassen: „menschenähnliche“, die man nicht isst, und „menschenunähnliche“, die man behandeln kann, wie man will, auch als Nahrung? Taranteln z.B. in Vietnam oder Heuschrecken in Afrika, nicht aber Rinder und Schweine bei uns. Wer zieht wo die Grenze? Und warum gerade da? Und mit welchem Recht?

Und wenn Tiere generell nicht getötet werden dürfen – denken die Vertreter dieses Glaubens dabei auch an blutsaugende, Krankheiten übertragende Stechmücken, nervende Fliegen, lästige Bandwürmer, krankheitsauslösende Schistosoma (de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A4rchenegel) oder nicht ganz ungefährliche Trichinen? Wo führt das denn hin?

Sind Tiere mehr wert, weil Pflanzen, anders als Tiere, keine Reflexe haben? Und stimmt das? Viele Menschen glauben, Reflexe setzten Nervenbahnen voraus. Und da Pflanzen keine Nervenbahnen haben, könnten sie keine Reflexe haben. Das sollten sie einmal der Venusfliegenfalle erklären, die sich prompt schließt, wenn eine Fliege in bestimmter Weise an die Auslöseborsten gerät, die auf den Innenseiten der Fangblätter stehen, um gerade das zu bewerkstelligen: Reaktion auf einen Berührungsreiz. Oder der Mimose, deren Alias „Berühr-mich-nicht“ ist. Das Phänomen bezeichnet man als Thigmonastie: Reaktion auf Berührung. Chemonastie, also die Reaktion auf chemische Reize, zeigt z.B. der Sonnentau, wenn ein Insekt an seinen Tentakeln kleben bleibt und die sich dann als Reaktion auf den Reiz über diesem zusammenrollen, um es dann genüsslich zu verdauen. Und daneben gibt es noch Reaktionen auf Erschütterungen (Seismonastie; ebenfalls Mimose), Temperatur (Thermonastie; Krokus, Gänseblümchen), Lichtintensität (Photonastie; Bäume), Feuchtigkeit (Hydronastie; ebenfalls Bäume), ja sogar auf Verwundung (Traumatonastie; wieder Mimose).

Blutet ein Tier, hat man Mitleid und besucht den Tierarzt. Blutet eine Pflanze, empfindet man das noch nicht einmal als „bluten“: Harz ist das Blut der Bäume, Latex das des Kautschukbaumes, Milchsaft das mancher Blumen. Harz an einem Baum lässt uns kalt, nach Latex lechzen wir, der Milchsaft ist eklig! Man lässt also Lebewesen bluten, um Naturstoffe zu gewinnen. Mehr noch: Man verhindert, dass sich die Wunden schließen können, damit ein lebender Baum zur Latexgewinnung immer weiter blutet. Übertragen auf das Tierreich hieße das, Nutztieren zum Ablassen von Blut einen Dauerkatheter zu legen, um leichter und in größeren Mengen Blutwurst herstellen zu können. Warum geht man bei letzterem zu Recht auf die Barrikaden, bei ersterem nicht? Weil wir die Qualen der Pflanzen nicht als solche wahrnehmen wollen! Und das ist arrogant!

In der Fachsprache nennt man Pflanzenbewegungen, die Folge eines Reizes sind, „Nastien“. Es sind Bewegungen von Lebewesen, die ortsstabil sind – aber nichtsdestoweniger Bewegungen als Reaktion auf die Umwelt. Andere Bewegungsarten von Pflanzen sind z.B. Tropismen, bei denen die Pflanzen sich anhand von Umweltreizen ausrichten: So wachsen Wurzeln immer vom Licht weg und entsprechend der Schwerkraft nach unten, während Sprossen das Licht suchen und entgegen der Schwerkraft nach oben wachsen. Beobachtbar im heimischen Keller an Kartoffeln und Zwiebeln, die nicht schnell genug gegessen werden. Pflanzen können sich nach dem Licht ausrichten und sogar dem Lauf der Sonne folgen. Oder nach dem Schatten. Einige Pflanzen schließen nachts ihre Blüten, um sie morgens wieder zu öffnen. Andere lassen die Blätter hängen, um sie am nächsten Tag wieder auf- und der Sonne entgegen zu richten. Ist das nicht auch „Bewegung“? Man möge einmal die Ranken von Wein oder Kürbis, von Tomate oder Bohnen im Zeitraffer beobachten. Wenn das nicht Bewegung ist…

Und manche Pflanzen können sich sogar fortbewegen, wenn auch nur unter bestimmten Bedingungen oder in bestimmten Phasen ihres Lebenszyklus: Bei manchen Pflanzen erfolgt die Befruchtung ähnlich der von Tieren mit Spermien, die sich, gezielt angelockt über Pheromone („Kommunikation“!), einen geeigneten Partner suchen. Und denkt man an einzellige Pflanzen, Algen, sind auch diese höchst mobil!

Was schließlich das Thema Reizleitung angeht: Die erfolgt bei Pflanzen zwar nicht über Nerven(-bahnen), aber wie bei Tieren auch über Botenstoffe (siehe „Hormone“) und selbst über elektrische Impulse, also nervenähnlich. Und Pflanzen reagieren auch nicht nur auf Reize von außen, sondern durchaus auch von innen. Das ist aber eine relativ neue Erkenntnis, und daher weiß man darüber noch so gut wie gar nichts. Nur – Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, und so gilt: Respektlosigkeit Pflanzen gegenüber kann damit nicht gerechtfertigt werden!

Die Brutpflege der Pflanzen

Es gibt pflanzliche Leistungen, die erheblich komplexer und „höher stehend“ sind als so manche tierische! Zum Beispiel in der Brutpflege. So begehen manche Pflanzen sogar Selbstmord zugunsten der nächsten Generation, indem sie ätherische Öle herstellen und in die Luft abgeben, die sich in heißer Wüstensonne sofort entzünden und einen Buschbrand auslösen, den die Pflanze in der Regel nicht übersteht, aber deren Samenkapseln. Diese öffnen sich aufgrund der Verbrennungsrückstände, und die Samen fallen in frisch gedüngten und von möglichen Konkurrenten befreiten Boden. Tun unsere so schützenswerten Nutztiere das auch – sich im Interesse des Nachwuchses selbst töten? Pyrophyten nennt man solche Pflanzen, die unter Einsatz des eigenen Lebens Feuer einsetzen, um sich zu vermehren und ihrem Nachwuchs den bestmöglichen Start ins Leben zu geben. Mammutbäume oder einige Eukalyptusarten gehören dazu. Wären sie Menschen oder zumindest Primaten, würden wir dieses Verhalten als „aufopfernde Elternliebe“ im wahrsten Sinne des Wortes bezeichnen. Weil es aber „nur“ Pflanzen sind, bemerken wir das nicht einmal sondern ärgern uns über den Buschbrand und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten für uns.

So etwas tun zwar auch Tiere, wenn auch weniger dramatisch ohne Feuer: Das Männchen der Gottesanbieterin z.B., das sich im Rahmen der Begattung von dieser den Kopf abbeißen lässt, damit das Sperma übertragen und eine neue Generation gebildet werden kann. Oder die Spinnenmutter, die sich von ihrer Brut bei lebendigem Leibe auffressen lässt, damit die erst einmal etwas „im Bauch“ hat, bevor der harte Alltag mit Nahrungssuche sie trifft. Auch eindrucksvoll. Aber: Die meisten Tiere produzieren Nachwuchs und überlassen den, wie Pflanzen üblicherweise auch, sich selbst. Wenn Sie mich fragen, beeindrucken mich in dieser Hinsicht Pyrophyten mehr als Hühner: Das Huhn überlebt das Eierlegen…

Zu praktisch jeder tierischen Leistung, die uns staunen lässt und damit so beeindruckt, dass wir offenbar Respekt empfinden, gibt es mit ziemlicher Sicherheit im pflanzlichen Bereich ein Pendant. Man kennt es üblicherweise nur nicht, weil man sich aus Ignoranz nicht damit beschäftigt!

Pflanzen – Ursache und Garanten für tierisches Leben

Tiere gibt es erst, seit frühe Pflanzen und photosynthetisierende Bakterien auf diesem Planeten die Lebensgrundlage in Form von Sauerstoff geschaffen hatten, der unser aller Leben in der heutigen Form erst ermöglicht. Dieser Planet wäre eine leere, lebensfeindliche Wüste mit stinkenden Ozeanen, in denen höchstens ein paar anaerobe Bakterien ihr nicht sonderlich interessantes Leben fristeten. Erst die Photosynthese der Pflanzen ermöglicht uns seither und auch in ferner Zukunft das Überleben. Würde man von heute auf morgen jegliches pflanzliche Leben auf diesem Planeten zerstören, wäre unser Schicksal besiegelt: Innerhalb weniger Wochen würde, weil Pflanzen (und ein paar Bakterien) die einzigen Quellen von Sauerstoff sind, der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre derart sinken, dass alle atmenden Lebewesen, und das sind auch Fische in Ozean und Fluss, elendig ersticken würden.

Ich möchte das nochmals betonen, da ich meine, dass sich die Mehrheit nicht nur der Vegetarier dessen nicht bewusst ist: Der gesamte Sauerstoff der Erdatmosphäre seit dem ersten Sauerstoff atmendem Lebewesen vor zig Millionen Jahren ist aus Photosynthese und damit pflanzlicher Aktivität entstanden. Und das wird bis ans Ende des Lebens auf diesem Planeten, wann immer das sein wird, so bleiben, sofern nicht der Mensch oder sein Nachfolger einmal genötigt sein wird, den zum Leben benötigten Sauerstoff technisch herstellen zu müssen – z.B. weil er pflanzliches Leben in großem Maße zerstört hat („Grüne Lunge“).

Vegetarier essen also Lebewesen, die ihnen die Grundlage des eigenen Lebens geben! Sie sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Fleischesser nicht – solange sie keinen Salat zum Steak essen. Wer handelt nun ethischer und nachhaltiger, nachdem beide Lebewesen töten?

Ich meine, Pflanzen verdienen daher allein schon aus diesem Grunde mindestens ebenso viel Anerkennung und Respekt wie Tiere. Und ich persönlich verliere meinen Respekt vor beiden nicht – Pflanze wie Tier – auch wenn ich beide esse.

© Foto regenbogen56  / pixelio.de

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