Allgemein, Gesellschaft

Domhnach na Fola

27. September 2015

Es war wieder einmal nötig! Ich musste wieder einmal, wenn auch nur kurzfristig und um meine entsprechenden Akkus aufladen zu können, in eine Gesellschaft eintauchen, in der nicht Ellenbogen und Gewinnoptimierung höchstes Ziel täglicher Betätigung sind sondern Craic. Craic (sprich: [kræk]), das steht für Austausch von Neuigkeiten, Tratschen, Spaß haben, Unterhaltung und erfreuliche Gespräche. Gerne bei einem (oder zwei, drei…) Guinness und Jamesons im Pub um die Ecke. Egal um welche Tageszeit. Also ab nach Irland. Diesmal zog es mich in den äußersten Norden. Und dahin kommt man, wenn man nicht einen riesen Umweg über einen wenige Kilometer breiten republikanischen „Korridor“ an Irlands Westküste bei Ballyshannon in Kauf nehmen möchte, nur, indem man mindestens zweimal die Grenze zum Vereinigten Königreich überquert.

Das hatte ich bislang gerne vermieden, sodass der Nordosten der Republik für mich eine weiße Stelle auf der Landkarte war.

Der Grund dafür war, dass ich es aus emotionalen Gründen bislang nicht fertig gebracht hatte, in diesen Teil der schönen Insel zu reisen. Zu tief waren die Gefühle gegen Nordirland gewesen, zu richtungsweisend die gemachten Erfahrungen.

1978

Es geht zurück in die letzten Jahre der 1970er, als ich das erste Mal mit meinem Auto nach Irland reiste. Damals junger Student, hatte mich die Insel und ihre Menschen seit meinen Aufenthalten als Sprachschüler in Dublin zuvor längst in den Bann gezogen. Und naiv, wie man als junger Mensch ist, hatte mich nicht geschreckt gehabt, dass nur wenige Jahre zuvor ein sehr einschneidendes Ereignis in Derry stattgefunden hatte: der blutige Sonntag, der Bloody Sunday von 1972: Domhnach na Fola (sprich: [donach na fol’a]), dem sogar U2 einen Song gewidmet hat.

Derry – allein schon mit der Bezeichnung dieser Stadt erhitze ich Gemüter und beziehe Stellung. Denn Derry heißt die zweitgrößte Stadt Nordirlands bei den Republikanern. Das ist nicht eine politische Partei wie in den USA, sondern die Bezeichnung der Bewohner der Republik Irland, also des größten Teils der Insel, und eines nicht kleinen, meist katholischen Anteils der Einwohner des Mitglieds des Vereinten Königreichs, Nordirland, deren Ziel es ist, dieses in die (katholisch dominierte) Republik zu re-integrieren. Also eine Sache von Ideologie! Traurige Berühmtheit hat die republikanische Bewegung durch die Aktivitäten der IRA, der Irish Republican Army gewonnen.

Ihnen gegenüber stehen die, die die Stadt als Londonderry bezeichnen: die Unionisten, die für einen „Verbleib“ möglichst ganz Irlands, was aber aussichtslos ist, dann aber zumindest Nordirlands im „Vereinigten Königreich“ stehen. (Die Loyalisten sind eine zur Gewalt, zumindest aber extremen Handlungen neigende Gruppe innerhalb der Unionisten.) Es sind meistens Protestanten, und sie haben sich ebenfalls radikal organisiert: im Orange Order, dem Oranier-Orden, der auch heute noch für die Krawalle verantwortlich zu zeichnen hat, die alljährlich im Juli in Belfast und Derry stattfinden, weil sie behaupten, im Recht zu sein, wenn sie ihre Märsche unter Bezug auf „Gewohnheitsrecht“ durchführen, die durch die am dichtesten besiedelten Gebiete der katholischen Bevölkerung gehen.

Man könnte ja, wenn man wollte, das auch unterlassen oder andere Routen durch „eigene“ Gebiete nehmen… Aber das geht nicht. Denn es ist ja Tradition. Oder, mit meinen Worten, praktizierte Hirnwäsche.

Der Konflikt ist Jahrhunderte alt und geht auf den Bürgerkrieg zurück, der Irland teilte. Offiziell religiös motiviert, und nur das „rechtfertigt“ eine „Tradition“ in diesem Zusammenhang, weshalb das auch auf diese Weise praktiziert wird – Kampf der Katholiken und Protestanten gegen einander -, ist er das niemals gewesen. Er ist und war der verzweifelte Versuch einer Nation, den sich abzeichnenden Weg in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern. Von der Weltmacht mit riesigen Kolonien über Common Wealth, United Kingdom und Großbritannien hin zu einem künftigen England mit den „befreundeten“ Nationen Schottland, Irland und Wales.

So wie in den letzten Monaten London alles in Bewegung gesetzt hat, Schottland an der Abspaltung zu hindern, indem z. B. damit sehr offen gedroht wurde, eine nach Abspaltung der Schotten geplante Aufnahme Schottlands in die Europäische Union zu boykottieren, hat es immer schon versucht, Verlust an Einfluss zu verhindern. Früher eben mit Kriegen und Tod, wovon die Iren ein Lied zu singen wissen. Bis in unsere heutige Zeit, wie der Falklandkrieg 1982 zeigt: Nur um Argentinien und der Welt ihre Macht zu demonstrieren, warf Maggie Thatcher ihre gesamte Kriegsmaschinerie gegen Argentinien ins Feld, um zwei Fliegenschisse auf der Südhalbkugel vor der Küste Argentiniens mit 1.900 menschlichen und ein paar mehr tierischen Bewohnern in Form von Schafen, um die es immer schon Streit gab, vor der zugestandenermaßen völkerrechtlich zweifelhaften Annektion durch die der Argentinier zu schützen. Ergebnis: 900 Tote und 2.500 z. T. schwer Verwundete. War es das wirklich wert?

Ihnen stehen gegenüber die Nachfahren derer, die besagte zunehmend bedeutungslos werdende Nation über Jahrhunderte diskriminiert und ausgebeutet, ja ausgeblutet hat. Viele mussten ins Ausland, in die USA emigrieren. Andere blieben. Und mit ihnen ihr Hass. Ihr Hass auf die Grausamkeiten, die englische Eroberer nicht nur im Namen des Königs begangen hatten. Der vermeintlich religiös motivierte Konflikt war daher seit jeher ein Konflikt der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker. Und nur aus einem Grunde spielt hierbei Religion eine Rolle: Die Mehrheit der Unterdrückten war und ist katholisch, da Irland seit Jahrtausenden eine der katholischsten Gegenden Europas war (St. Patrick!). Und die Mehrheit der Unterdrücker kam eben aus dem protestantischen England. That’s it!

1978, sechs Jahre nach dem Blutigen Sonntag, war ich noch zu naiv, das zu sehen. Und so fuhr ich sorglos mit meinem Auto von Rosslare, wo ich mit der Fähre ankam, über Dublin nach Dundalk – unmitelbar vor der Grenze nach Nordirland. Mein Ziel: Derry.

 Big Bang

Haben Sie schon einmal in die Mündung einer Maschinenpistole geblickt, die, mit Finger am Abzug, auf Sie gerichtet war? Ich sage Ihnen: ein tiefgreifendes Erlebnis; vor allem für einen Twen, der von seinen (Groß-) Eltern einiges über Krieg erzählt bekommen hat. Und so machte ich mir tatsächlich in die Hose, als ich, an der Grenze angekommen, von einem britischen Soldaten auf diese Weise angehalten wurde. In kurzen, kaum verständlichen Worten wurde ich dazu aufgefordert, mit erhobenen Händen auszusteigen. Sofort machten sich drei seiner Kollegen daran, mein Auto auseinanderzunehmen. Und wenn ich sage: auseinandernehmen, meine ich das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Rückbank wurde ausgebaut, die Sitze, ja die Türverkleidungen. In den Tank wurde gespiegelt, die Radkappen abgenommen und der Kofferraum ausgeräumt. Die NVA der ehemaligen DDR hätte hier noch etwas lernen können! Wenige Minuten später lagen meine Wäsche und persönlichen Gegenstände neben den leeren Koffern und ausgebauten Autoteilen im Gras am Straßenrand. Und davor stand ich, immer noch in das kleine schwarze Loch blickend.

Nach einer Zeitspanne, die mir wie Ewigkeiten erschien, bedeutete mir mein Gegenüber mit einer unmissverständlichen Geste seiner MP, dass ich die Sachen wieder in das Auto packen sollte. Auf meine Frage, wer mir dabei hülfe, bekam ich die überzeugende Antwort in Form des kleinen Lochs, dass man davon ausginge, ich könne das alleine. Und, glauben Sie mir: Ich konnte es, obwohl ich noch niemals zuvor ein Auto in Einzelteilen gesehen hatte.

Scheiß auf die Erziehung meiner Mutter in Sachen Koffer packen und Kleider zusammen legen! Egal, ob der Sitz bei der Fahrt wackelte oder nicht – ich hatte den Grenzübergang in Rekordzeit hinter mir gelassen. Das mit dem Auto ließ ich in einer Hinterhof-Werkstatt in einem kleinen Dorf in Nordirland von einem alten Nordiren für ein paar Irische Pfund wieder richten. Seitdem weiß ich, dass man nicht unbedingt markenspezifisches Werkzeug braucht, wenn man ein Auto reparieren will…

Nachdem ich etliche Meilen hinter mich und die britische Armee gebracht hatte, dachte ich mir, es hinter mir zu haben und wollte in Derry in einem Pub meinen Stress ertränken, bevor ich wieder in die Republik wechseln und mich um mein B&B für die Nacht kümmern wollte. Der Pub war gesellig, die Leute freundlich – auch zu mir. Doch plötzlich fragte der Barkeeper, ob jemandem der Anwesenden der weiße BMW da draußen gehörte. (Nicht dass Sie jetzt auf falsche Ideen kommen: Es war ein uralter 2000er aus – ich weiß nicht mehr – zehnter Hand, den ich mir mit meinem Studentenbudget gerade noch leisten konnte!) Ich meldete mich. Er meinte nur, ich solle schnell nach draußen gehen.

Draußen angekommen war man gerade dabei, mithilfe eines Selbstladers einen Stahlcontainer mit offenem Boden über mein Auto zu stülpen. Mit Händen und Füßen fuchtelnd überzeugte ich die Soldaten, ihr Werk zu beenden. Denn sie hatten vorgehabt, mein Auto unter der Käseglocke kontrolliert in die Luft zu jagen. Schrottreifer BMW und das noch mit fremdem Kennzeichen…

Wie gesagt: Ich war naiv und jung. Und so hatte ich den Blutigen Sonntag von 1972 und die Angst auf allen Seiten unterschätzt, ja noch nicht einmal wirklich wahrgenommen. Nachdem Pass und Gepäck kontrolliert worden waren, ließ man mich ziehen – mit der eindringlichen Warnung, das Auto nicht mehr unbeaufsichtigt stehen zu lassen. Dem kam ich postwendend nach – so schnell, dass ich nicht mehr daran dachte, mein angefangenes Guinness zu bezahlen. Ich glaube, der Wirt wird es verkraftet und mir verziehen haben.

Das war das letzte, was ich von Nordirland gesehen hatte. Ich bezweifle, das jemand jemals schneller ein Land verlassen hatte als ich damals Nordirland. Und seither war ich niemals mehr dort gewesen.

2015

Aber irgendwann muss einmal Schluss sein. Die IRA gibt’s nicht mehr, Friede herrscht über der Insel. Hört man. Stimmt das? Vordergründig ja! Spricht man Iren, hüben wie drüben, heute auf das Thema an, gibt es nur noch wenige, die heftig reagieren. Die meisten halten das Thema ein für alle Mal erledigt. Sagen sie zumindest.

Wer aber etwas genauer hinschaut, stellt fest: Das ist nicht so! Die Konflikte sind immer noch da, die Fronten unverändert hart. Zwar wird nicht mehr so viel getötet, das ist richtig. Aber das ist nur die Ruhe vor dem Sturm, wie mir scheint. Die Iren sitzen auf einem Vulkan. Einem, bei dem nicht sicher ist, wann er ausbrechen wird. Und wie heftig. Bei dem aber klar ist, dass er ausbrechen wird. Und ich befürchte, wenn er dann ausbricht, wird wieder getötet. Wieso ich das annehmen muss? Während meines Aufenthaltes wurde in Templebar in Dublin, dem Vergnügungsviertel, ein junger Mann bei einer Schlägerei mit vier anderen Jugendlichen getötet. Und schon gab es Sondersendungen im Fernsehen und Nachrichten, in denen diskutiert wurde, ob das das Aufleben der IRA zeigen könnte…

Ich habe dieses Mal näher hingeschaut. Ich bin wieder mit dem Auto gefahren. Von Dublin nach Derry. Ich habe sie wieder überquert – die Grenze. Nicht bei Dundalk, sondern Enniskillen. Zu meiner großen Freude und Erleichterung gab es keine Grenzkontrolle mehr, kein Militär. Man merkte nur am Navi und den Verkehrszeichen, dass man sich innerhalb oder außerhalb des Vereinigten Königreichs befand: Innerhalb waren die Angaben in Meilen und MPH, außerhalb in Kilometern und km/h. Erfreulich!

Das Land ist, wie soll es denn auch anders sein, das gleiche. Die Leute auch: freundlich, herzlich, aufgeschlossen und zum craicen bereit. Das Guinness schmeckt gleich, Aldi und Lidl sind auf beiden Seiten allgegenwärtig.

Entspannung im wahrsten Sinne des Wortes also. Oder? Und dann sah ich das:

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Eine Gedenkstätte an Bobby Sands, IRA-Mitglied , der in einem nordirischen Gefängnis nach einem Hungerstreik starb. Und nicht weit weg:

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Sinn Fein, der „politische Arm“ der IRA. Früher. Heute angeblich ohne Beziehungen zur IRA, da es die ja nicht gibt. Und das nicht etwa in der Republik, sondern in Enniskillen, einem der größeren Orte Nordirlands…

Im Reiseführer steht, dass Belfast heute Partyhauptstadt Irlands sei – kein Wunder, sehr viel mehr geht da auch nicht! Und dass die Bevölkerung müde abwinkte, spräche man sie auf die „Troubles“, wie der Konflikt im zum UK gehörenden Teil verharmlosend bezeichnet wird, an. Ja, man hätte dies sogar als Touristenattraktion ausgemacht und böte im Sinne von Katastrophen-Tourismus geführte Rundgänge zu den Schauplätzen des Gemetzels an.

Aber das ist weichgespült! So ist es nicht. Die Konfrontation ist da, wenn auch zugegebenermaßen sehr viel subtiler. Die Republikaner nutzen dafür ihre Kultur und damit ihre keltische Herkunft. Und so finden sich in jedem Dorf, das fest in der Hand der Republikaner ist, Informationen und Hinweise in irischer Sprache – auf Schildern, Veröffentlichungen, Werbeflächen.

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Oft dann auch zusätzlich in Englisch, und damit für den Touristen hilfreich.

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Aber es gibt auch heute noch Gegenden ganz oben im Nordwesten Donegals, wo es nur noch irisch geht.

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Diese sehr subtile Möglichkeit der Positionsbestimmung haben die Unionisten nicht. Und man kann sogar zu dem Eindruck kommen, die wollten sie auch gar nicht. Sie machen es stattdessen sehr deutlich und geradezu provokant: Der Unionjack steht an jeder Ecke und vor jedem Wohnhaus, in der Regel gepaart mit der „Red Hand Flag of Ulster“ – der Flagge der Unionisten. Und so fährt man in Nordirland von einem Dorf mit irischer Beschriftung durch ein Dorf mit Unionjack und „Red Hand Flag“ in ein Dorf mit irischer Beschriftung und das nächste mit „Red Hand Flag“.

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Wer das wohlwollend und oberflächlich interpretiert, könnte leicht sagen: »Ist doch positiv! Keine Gewalt mehr, nur noch Meinungsäußerung«. Aber das wäre genauso naiv, wie ich die Situation 1978 gesehen hatte.

Das erkennt man in Derry.

Derry ist eine wunderschöne, alte Stadt gelegen am Foyle. Das ist ein Flüsschen, das sich nördlich von Derry in einen langen und breiten, nach dem Fluss benannten Fjord, den Lough Foyle (sprich: [Loch]), ergießt, der in den Atlantik mündet. Die Altstadt ist auch heute noch von der Original-Stadtmauer umgeben. Und von ihr hat man eine tolle Aussicht.

Der Folye ist über viele Kilometer Grenzfluss/-fjord zwischen Nordirland und der Republik. In Höhe Derry wächst diese Stadt jenseits des Foyle wie ein Geschwür in republikanisches Gebiet: Eine Handvoll Kilometer weiter westlich liegt die Grenze zur Republik. Dieses Gebiet enthält die „Bogside“, also die „Sumpfseite“ Derrys. Gebiet der Republikaner. Von den Unionisten „West Bank“ genannt. Auf der anderen Seite die „schöne“ britische Seite, und damit Gebiet der Unionisten. Dazwischen: die Altstadt und der Foyle.

Beide Teile, Altstadt und britische Seite, verbindet seit 2011 die „Peacebridge“. Man bemerke: Erst seit 2011!

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Überquert man auf ihr, aus der Altstadt kommend, den Foyle, meint man, ein Déjà-vu zu erleben. Kennt man diese Wand da, überladen mit Graffitis, nicht aus den Bildern in den Nachrichten? Und so ist es. Beide Seiten haben ihre Monumente: die „protestantische“ die Berliner Mauer made in Northern Ireland…

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… und die „katholische“ den stehen gebliebenen Rest des Hauses, mit dem der Blutige Sonntag 1972 begann.

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Beides wird von beiden Seiten provokativ benutzt. Oberhalb der dünnen Decke, mit der der Bürgerkrieg seither verdeckt wird, sieht alles nach Mahnmal aus. Darunter sind es Mittel, den Hass aufrecht zu erhalten. Es sind die Kleinigkeiten, an denen man das sieht: z. B. die übertünchten Parolen pro und kontra IRA. Nein, das sind keine alten Graffitis. Sie sind neuesten Datums, und man beeilt sich, sie zu entfernen. Glaubt man ihnen, lebt die IRA noch genauso wie die bewaffneten Gruppierungen der Gegenseite. Und es wird unverhohlen und klar zur Positionsbestimmung aufgefordert.

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Wie gesagt: Offiziell Mahnmale, Erinnerungen an Zeiten, die sich niemand zurückwünscht. Und die IRA? Wie gesagt: die gibt es nicht mehr. Aber die IRPWA – die Irish Republican Prisoners Welfare Association…

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Was kümmert uns das?

Sehr viel! Es ist der Beweis dafür, dass wir weltweit nicht in einem kalten Krieg leben sondern auf einem Pulverfass, an dem die Lunte bereits brennt. Die Situation in Nordirland macht mir nicht Angst, weil da ein paar Idioten, die sich in einem religiös verbrämten Verein zusammengefunden haben, Tradition und Religion als Grund vorschieben, Macht ausüben zu wollen. Die Tage jedes Radikalen sind gezählt, und sie sind umso mehr gezählt, wie die nachrückende Generation u. a. aufgrund des von vielen Älteren so verteufelten Internets eine andere Sicht der Welt bekommt.

Angst macht mir, dass das Aufrechtehralten solcher Symbole, bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt, den Konflikt über die Generationen hinausträgt. Wer im „Sumpfgebiet“ Derrys unter Irischer Flagge aufwächst, die Hinweisschilder zum „Museum of Free Derry“…

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… vor Augen, täglich die immer wieder übertünchten und dennoch nicht ausrottbaren Parolen liest,

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auf dem Schulweg/beim Einkauf an den Gedenkstätten der Protagonisten des Widerstands vorbei muss, die als Märtyrer im Kugelhagel der britischen Armee 1972 getötet wurden,

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der ist hirngewaschen, er kann gar nicht anders als das Problem weitertragen. Nicht nur auf der Seite der Republikaner, das gilt auch für die Unionisten: No Surrender!

Und dann sieht man sie, die so Hirngewaschenen. Es sind die jungen Menschen, die arbeitslos sind, um die sich niemand kümmert. Die den Tag „überleben“, indem sie sich besaufen, wozu sie kriminell werden/sein müssen. Bei uns heißen sie Neonazis. Sie werden von beiden Seiten geschickt genutzt, um den Hass am Köcheln zu halten.

Angst macht mir ferner, dass das nicht ein irisch-britisches Problem ist. Exakt die gleichen Mechanismen greifen hier in Deutschland, und exakt die gleichen Ergebnisse haben wir zur Kenntnis zu nehmen. Bei uns heißt das nicht protestantisch/katholisch oder republikanisch/unionistisch, bei uns heißt es christlich/muslimisch, Flüchtling/Deutscher.

Und das ist die Gefahr, die von Pegida, AfD & Co ausgeht. Sie sind die Hetzer, die den Hass am Kochen halten, die Hirngewaschenen aktiv! Ihre tatsächlich oder vorgegebene Angst vor Überfremdung oder Konkurrenz um Arbeitsplatz oder Sozialleistungen ist das Feuer, das wie die Symbole oben den Vulkan am Leben erhalten.

Zurzeit erleben wir eine großartige Welle der Hilfsbereitschaft, der Menschlichkeit und der Brüderlichkeit. Pegida und die Nazis beherrschen nicht mehr die Nachrichten, sondern deutsche Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. So, wie es sein soll, und so, wie es auch tatsächlich ist. Und das ist verdammt gut! Denn genau das ist, was die irische Gesellschaft ausmacht und was ich an ihr so liebe: Da steht nicht Profitgeilheit und Selbstverliebtheit im Vordergrund sondern Empathie und Gemeinsamkeit.

Denn wenn ein Land aus Krieg, Verfolgung und Flucht gelernt haben sollte, dann unseres! Und die aktuellen Zeichen sprechen dafür, dass wir gelernt haben.

Aber morgen? Was, wenn es nicht die eine Million sind, die dieses Jahr zu uns kommen? (Ja, das hat die Kanzlerin kürzlich in einem Nebensatz fallen lassen…) Was wenn es jährlich 1 Million sind? Richtig: Syrien ist irgendwann einmal leer. Aber es gibt noch den riesigen afrikanischen Kontinenten, in dem es auch mehr als genügend Bürgerkriege gibt.

Wir sollten ob der aktuellen Euphorie nicht vergessen: Das Problem als solches besteht weiter! Genau so, wie das irische Problem weiter besteht. In beiden Fällen wird/wurde nur kaschiert, eine glänzende Oberfläche über den brodelnden Vulkan gelegt.

Solange wir nicht jetzt, in der Euphorie und dem Stolz auf uns selbst, anfangen, die Wurzeln des Problems anzugehen, solange können wir uns zwar in der internationalen Reaktion auf unser Vorpreschen sonnen. Es wird aber nicht mehr sein als Photoshop-Optik.

Unsere Politik ist gefordert, jetzt aktiv zu werden! Es geht nicht darum, den jetzt kommenden Flüchtlingen zu helfen. Das können unsere Politiker gar nicht, da der Tanker Politisches System zu groß und schwerfällig ist, sich wendig wie kleine Schnellbote auf die täglich wechselnden Situationen einstellen zu können. Hier ist tatsächlich das Ehrenamt gefragt, die riesige Menge hilfsbereiter Menschen, die sich immer wieder zusammenfinden, wenn es akut gilt, das Versagen der Politik in Ordnung zu bringen.

Die Politik kann in der Situation zweierlei machen: Jetzt die Weichen stellen für eine drastische Änderung der Situation, damit künftig niemand mehr genötigt wird, sein Land zu verlassen. Und wenn es dann sein muss, und das sage ich als Pazifist, mit Waffengewalt. Denn Pazifismus und militärische Zurückhaltung sind solange gut, wie ein potentieller Gegner sich den fundamentalsten gesellschaftlichen Errungenschaften wie Menschenwürde und Menschlichkeit verpflichtet fühlt. Der Terrorismus von heute tut das nicht. Er kennt nur eine Sprache: Gewalt. Und Gewalt lässt sich nicht mit der Blume im Gewehrlauf beantworten.

Und sie kann als zweites und wesentlich wichtigeres jetzt dafür sorgen, dass die, auf deren Schultern die Flüchtlingsproblematik jetzt liegt, zumindest das tun können, was eigentlich Aufgabe der Politik ist und was diese schlichtweg verschlafen hat. Ich denke da weniger an die jährliche Ehrung einer Auswahl von Mitbürgern mit Festchen beim Bundespräsidenten, Ehrennadel, warmem Händedruck und gesalbten Worten von eben diesem sondern an ganz konkrete finanzielle Hilfe, dem Abbau von Bürokratie und Hemmnissen und der Hilfe bei der Koordination der ehrenamtlichen Aktivitäten.

Und noch eine Idee: Wir haben und hatten den Zivilschutz. Seine Aufgabe: Die Zivilbevölkerung im Falle außergewöhnlicher Situationen zu schützen. Primär im Hinblick auf Kriege etabliert, waren das später auch Katastrophen, seien es Naturkatastrophen oder die Situation nach Flugzeugabstürzen.

Was spricht eigentlich dagegen, dem Zivilschutz einen neuen Namen zu geben und seine Aufgaben dahingehend zu erweitern, sich auch um Flüchtlinge und Situationen wie die aktuelle zu kümmern? Hier hätten wir eine äußert potente Möglichkeit, staatliche Strukturen mit ehrenamtlicher Tätigkeit zu verbinden.

Wer immer noch nicht verstanden hat, dass Deutschland kein in sich selbst abgeschlossenes Fleckchen auf dem Globus, Einwanderung eine Reanimation unserer katastrophalen Demographiesituation und die aktuelle Situation bei aller Abscheu vor den Verursachern und Mitgefühl den Betroffenen gegenüber ein Segen ist, kein Fluch, da hier hoch gebildete und ausgebildete junge Menschen kommen, die sich hervorragend integrieren lassen, der ist hirngewaschen wie die bornierten Ideologen auf beiden Seiten der irischen Problematik.

Es ist schön, wenn wir uns derzeit auf die Schultern klopfen, wie toll wir doch sind. Und das dürfen wir, meine ich, auch ein wenig. Aber wir dürfen es nicht übertreiben und dabei nicht bewenden lassen.

Und noch etwas…

2017 ist Wahljahr. Das bedeutet: Demnächst beginnt wieder der Wahlkampf. Und dann geht es um die liebgewordenen Mandate im Bundestag, die Ministerpöstchen, das gegenseitige Gerangel, die Schuldzuweisungen und die Schmutzwäsche. Und damit um ganz andere Dinge als die Flüchtlingsproblematik. Ich befürchte, in wenigen Monaten ist daher das Flüchtlingsthema, wie so oft, kein Thema mehr, das die Politik umtreibt.

Auch ich bin kein Freund von großen Koalitionen. Aber die letzte hat in meinen Augen mehr erreicht als viele Regierungsbündnisse zuvor. Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, ob die aktuelle Koalition nicht über dieses Wahljahr hinaus bestehen bleiben sollte. So schlecht, wie manche das darstellen, ist der Job nicht, den die Regierung da macht. Ja, auch ich habe genügend Punkte, die ich kritisiere. TTIP und Abhöraffäre sind nur zwei. Unser sehr einseitiges Verhältnis zu den dominanten USA ein weiter.

Aber ich meine, die aktuelle Situation des Leids von Millionen und Abermillionen von Flüchtlingen und die Aussicht auf weitere lassen es anraten, solche in normalen Zeiten durchaus wichtigen Dinge als Nebensache zu betrachten. Man kann TTIP, das nun wirklich für keine der Seiten überlebenswichtig ist, solange auf Eis legen, bis die Lebensgefahr für die Menschen in den aktuellen Krisengebieten einigermaßen vorbei ist. Was interessieren mich Handelserleichterungen für die Amerikaner, und von mir aus auch für BMW und Daimler, so sie nicht wie VW die Motor-Software manipuliert haben (bis vor wenigen Tagen wusste ich nicht, dass sogar der Motor heutzutage Software braucht 😉 wenn Millionen Menschen getötet werden?

Und daher sollte man einmal nachdenken, ob die tradierten vier Jahre Legislaturperiode heute noch zeitgemäß sind. Denn das sind nur brutto vier Jahre: Nach der Wahl braucht man sechs Monate, um den Koalitionsvertrag, ohne den es heute (zum Glück!) nicht mehr geht, auszuarbeiten und sich aneinander zu gewöhnen und Pöstchen zu verteilen, und sechs Monate vor der Wahl beginnt die heiße Phase des Wahlkampfes. Das Jahr davor muss man sich von seinem Koalitionspartner langsam aber sicher zunehmend abgrenzen, damit man bei der Wahl „Profil“ zeigt. Und das will durchdacht sein. Netto besteht also eine Legislaturperiode aus zwei Jahren. Und in denen soll es möglich sein, Probleme wie die aktuellen anzugehen?

Fotos:
Beitragsbild: Wikipedia
alle anderen: © Trutz Podschun

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