Geplante Obsoleszenz

Ewiges Wirschaftwachstum – Teil 4

7. September 2014

  Geplante Obsoleszenz, wohin man schaut

 Nun also die Reifen! Ich hatte überlegt, ob ich meiner Frau raten sollte, einfach weiter zu fahren. Vermutlich musste nur wieder ein Messfühler abgeklemmt werden, wie beim Kuper S (siehe Beitrag Super Kuper). Sorge um ihre Gesundheit oder die der Reifen machte ich mir nicht. Das waren solche, mit denen man mit reduzierter Geschwindigkeit, die immer noch höher liegt als die in Innenstädten erlaubte, selbst mit „Plattem“ noch eine ganze Weile weiterfahren konnte – und ausdrücklich durfte. Aber ein rotes Warnsymbol? Meine Frau jedenfalls weigerte sich standhaft, weiter zu fahren. Frau eben! Keine Risikobereitschaft.

Red Alert!!

In der Werkstatt hatte man mir irgendwann einmal eingebimst, dass alles OK wäre, solange Warnungen in „gelb“ erfolgten. So wie mein Leistungsabfall im Motor. Das hieß: „Da stimmt was nicht, lass das lieber einmal prüfen. Aber du musst dir keine Sorgen machen.“ Erst wenn sie rot abgegeben wurden, sei sofort anzuhalten, um Schlimmeres zu verhindern. Ein rotes Ölkännchen, z.B., das vor dem Risiko eines Kolbenfressers infolge eines zu niedrigen Ölstandes warnen soll. Hier war es rot. Also höchste Alarmstufe! Und weil die Boliden von heute ja jeden Pups im „Fehlerspeicher“ protokollierten – außer den wirklichen Problemen wie eine nicht funktionierende Standheizung, versteht sich – wollte ich mir bei einem künftigen Werkstattaufenthalt zum Wechseln der Standlichtbirnchen von einem freundlichen Servicemenschen nicht vorwerfen lassen müssen, dass Getriebe und Zylinderkopf defekt seien, weil ich damals die rote Reifen-Warnung ignoriert hatte.

Also fuhr ich hin und wir tauschten die Autos. Ich fuhr ganz vorsichtig – wirklich vorsichtig! – zur nächsten Tankstelle und überprüfte den Reifendruck. Alles normal, jeder Reifen hatte den Solldruck. Obwohl kein Fachmann aber mit der Erfahrung von ca. 10 Vorgängerfahrzeugen und ihren Reifen konnte ich keinen sichtbaren Schaden feststellen, der die Warnung rechtfertigte.

Bug or Feature?

Ein Anruf bei der Werkstatt dann brachte die ersehnte Klarheit!

»Bei den niedrigen Temperaturen …«,  wir reden von sibirischen -15°C, »… die wir in den vergangenen Tagen hatten, kann es schon einmal vorkommen, dass der Reifendruck um 0,2 bis 0,3 Bar schwankt. Und das registriert eben der Computer und warnt vorsichtshalber! Zu ihrer Sicherheit.«

Die unrichtige Warnung war also kein Fehler, sondern ein Feature. Warum aber in rot? Hätte gelb nach dem Motto „Vorsicht, könnte ein Problem vorliegen“ nicht gereicht? Dient eine falsche, „vorsichtshalber“ abgegebene Warnung eigentlich wirklich der Sicherheit? Oder könnte sie nicht eher dazu führen, dass man sie künftig nicht mehr beachtet?

Und dann war da noch…

Das Problem bei dieser Begründung, die wohl jeder Andere in unserem schönen Land akzeptiert hätte, ist: Ich mag ein bemitleidenswerter Kostverächter sein, der es gar nicht wert ist, ein solch edles Schmuckstück fahren zu dürfen. Aber ich hatte auch eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Und damit Physik.

In der Physik gibt es einen Bereich, die Thermodynamik, in der einige interessante fundamentale Gesetze zum Verhalten von Gasen definiert sind. Und Reifenluft ist ein Gas, exakter: ein Gasgemisch aus Sauerstoff, Stickstoff, Kohlendioxid und ein paar weiteren, in Spuren vorhandenen Gasen, das wir im täglichen Leben Luft nennen! So z.B. die „Thermische Zustandsgleichung idealer Gase“, von der Sie vielleicht noch aus Ihrer Schulzeit als „Allgemeine Gasgleichung“ eine vage Erinnerung haben. Sie wissen schon: p · V = n · R · T. Diese Gleichung fasst einige Gesetze zusammen, die einen Zusammenhang zwischen Druck, Temperatur, Menge und Volumen eines (idealen, aber diese Einschränkung kann hier getrost vernachlässigt werden!) Gases herstellen. So z.B. das Gesetz von Boyle-Mariotte, das sagt: Das Produkt aus Druck und Volumen ist konstant. Oder: Gay-Lussac! Der Quotient aus Volumen und Temperatur ist konstant.

Und, und das ist hier von Bedeutung, das Gesetz von Amontons: Der Quotient von Druck und Temperatur ist konstant. Damit ist aber der Quotient von Druck und Temperatur zum einen Zeitpunkt gleich dem zu einem anderen Zeitpunkt, weil eben konstant – sofern sich das beobachtete System nicht und bei diesem ansonsten nichts ändert. Und wenn das so ist, und das kann man bei einem unversehrten Reifen innerhalb von vielleicht zehn Minuten durchaus voraussetzen, kann man ziemlich leicht feststellen, welchem Temperaturunterschied ein Druckunterschied von 0,2 bis 0,3 Bar entspricht. Legt man die damals geherrscht habende Temperatur von -15°C und einen Reifendruck von 2,2 Bar zugrunde, sind das laut Amontons 23,5 bzw. 35,2°C.

Schulphysik  und -mathematik

Und hier eine kleine Nachschulung für die Servicemitarbeiter meines Lieblingsherstellers – ja, ich gebe zu, manchmal so kleine Anwandlungen von sadistischen Neigungen zu haben. Da müssen Sie jetzt durch!

Stellen Sie sich vor, sie säßen wieder in der 8. Klasse Ihrer Schule. Dann kennen Sie, je nach Schultyp, evtl. Amontons (noch) nicht, sollten aber mit der Vereinfachung von Gleichungen zurechtkommen. Und daher leiten wir einmal den Zusammenhang zwischen einem Druck- und einem Temperaturunterschied her. Das passt auch deshalb sehr gut, da ich nun mit meinem Textverarbeitungsprogamm protzen kann, das die Darstellung von Formeln beherrscht – und ich kann Klugscheißen:

Formel1

wobei δp der Druck- und δT der Temperaturunterschied zwischen p1 und p2 bzw. T1 und T2 ist. Dann ergibt sich

Formel2

Das war noch keine Vereinfachung einer Gleichung, nur eine Umformung. Stoff der Klasse 6/7 – vergessen Sie nicht, ich habe Kinder! Die Vereinfachung kommt jetzt, zu Lehrzwecken schön ausführlich:

Formel3

Das merkwürdige Gleichheitszeichen vor dem letzten Ausdruck liest sich als „ist identisch mit“. So! Wenn wir nun Ausgangstemperatur T1 und Ausgangsdruck p1 kennen – kennen wir! –, können wir zu jedem Druckunterschied einen Temperaturunterschied ausrechnen. Und wenn wir nun die Zahlenwerte von oben hier eintragen, erhalten wir:

Formel4

Das kann man ja fast ohne Taschenrechner! Die einzige Falltür ist dabei, dass die Temperatur nicht in °C eingegeben werden darf, sondern in °K, also als absolute Temperatur. Aber das wissen Sie ja: Die Celsius-Skala ist eine relative Temperaturangabe, nämlich bezogen auf den Schmelzpunkt von Eis. Und relative Angaben gibt’s in der Physik so gut wie nicht. Sie wissen natürlich auch, dass der Zusammenhang zwischen der absoluten Temperatur und der Celsius-Temperatur einfach ist, da der absolute Nullpunkt, wie allgemein bekannt ist, bei -273,15 °C liegt, die Schmelztemperatur von Eis somit bei +273,15°K. Und damit ist: T1 [°K] = 273,15 + T1 [°C]. Der Rest ist banal. Q.e.d., wie der Mathematiker üblicherweise einen Beweis abschließt: quod erat demonstrandum. Was zu beweisen war … Hausaufgabe: Machen Sie das einmal mit 0,3 Bar Druckunterschied. Ich prüfe das nächste Stunde nach.

Und Amonton sprach:

Nun werden Sie einwenden: »Na und? Kann doch sein, wenn man eine Weile lang gefahren ist.« Und richtig! Beim Fahren heizt sich der Reifen auf, und sogar recht stark, ja manchmal sogar weit mehr als um 35°C – auf Autobahnen bei langer und freier Fahrt über 200 km/h, zumal bei starker Sonneneinstrahlung und im Hochsommer. Das Argument des Servicemitarbeiters scheint also prima vista logisch zu sein, und daher wird er es wohl nicht das erste Mal erfolgreich angebracht haben, um den Kunden zu beruhigen.

Nur: Wir hatten Winter. Und einem Druckabfall, wie es der Computer angezeigt hat, entspricht ein Temperaturabfall von 23 bis 35°C. Meint Amontons. Und man hat ihm bislang nicht widersprochen! Während der Fahrt wohlgemerkt, also nicht etwa zu Fahrtbeginn, hätte also plötzlich ein Temperatursprung von -15°C auf ungefähr -45°C stattfinden müssen, und das, obwohl sich durch die Fahrt die Reifen erwärmen. Im Ernst: so etwas hätten meine Frau und selbst ich bemerkt, auch wenn ich ansonsten kein Sensibelchen sein mag.

Hinzu kommt, dass die -15°C nachts geherrscht hatten, meine Frau aber am Vormittag unterwegs war – da herrschten „nur“ -3°C. Wie auch immer, an der Begründung des netten Servicemannes konnte etwas nicht stimmen. Und so musste ich die Bemerkung des „Fachmanns“ als das verstehen, was sie wohl war: Als unqualifiziertes Blech, das einem so häufig aufgetischt wird im Bewusstsein, der Gegenüber ist bekloppt oder faul genug, sich eigene Gedanken zu machen: »Ach so, na dann ist ja alles in Ordnung!« Erstaunlich, was man Menschen alles unterjubeln kann. Die Serviceleitung, später einmal darauf angesprochen, vermied jeglichen Kommentar zu diesem Thema. Sie wird gewusst haben, warum…

Apropos: Ich fahre diese Marke nicht mehr! Das heißt: Stimmt nicht ganz. Ich habe noch ein 20 Jahre altes, sehr einfaches Modell mit zwei Türen und Heckklappe, das nicht tot zu kriegen ist. Es stand viele Jahre in der Garage. Sein Motor hatte (bis jetzt!) noch keinen Leisutungsabfall, es hat keine Standheizung, die kostenpflichtig resettet werden muss, und auch keinen Computer, der Druckverlust in Reifen melden könnte. Ein Modell also aus einer Zeit, in der auch dieser Hersteller den Begriff Geplante Obsoleszenz nicht kannte und Autos baute, keine Designstudien für Leute, die Anderen zeigen müssen, wie erfolgreich sie sind – zumindest vordergründig. Einer Zeit, als man dessen Produkte also noch kaufen konnte. Das werde ich pflegen, so gut ich kann! Vielleicht hält es ja nochmals 20 Jahre…

 

Foto: © Wilhelmine Wulff  / pixelio.de

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