Geplante Obsoleszenz

Ewiges Wirtschaftswachstum – Teil 3

3. September 2014

Schon wieder geplante Obsoleszenz!

Das schoss mir durch den Kopf, als meine Frau mich anrief und mir mitteilte, dass sie auf der stark befahrenen Stadtautobahn mit Problemen an den Reifen stand. Der Bordcomputer hatte mit rotem Symbol und roter Warnung vor einem Druckabfall in den Reifen gewarnt und ihr das unmittelbare Anhalten des Fahrzeuges dringend ans Herz gelegt.

Abfallende Leistungen …

Das begab sich aber zu einer Zeit wenige Tage, nachdem ich den Wagen aus der Werkstatt geholt hatte, in der er aufgrund des vom Bordcomputer kommunizierten „Leistungsabfalls“ des Motors gestanden hatte.

Die Ersatzteile, die zur Beseitigung des „Leistungsabfalls“ benötigt wurden, waren mir »aus Kulanz« erlassen worden – nicht aber die Arbeitszeit; und jeder Erfahrene weiß, dass das pekuniäre Verhältnis von Material zu Gewusst-wie-einzubauen das gleiche ist wie das von Sprudelwasser von Idla zu Champagner von Heider Pipsieck. Denn die Garantie war ja weit abgelaufen bei einem 30 Monate alten Oldie mit 30.000 km. Da ist ein Leistungsabfall nun wirklich nichts Besonderes und seine Behebung nicht als Garantieleistung einzustufen! Aber immerhin ist sie noch so frisch, dass man sein großes Herz gegenüber dem Freude-am-Fahren-Empfindenden zelebrieren kann: Kulanz! Komisch, ich kenne noch eine Zeit, bei der dieses heute ubiquitäre Wort nicht bekannt weil nicht benötigt worden war. Damals war dieses Verhalten so selbstverständlich, dass keiner das herausheben musste. Inzwischen aber regiert das Dogma der Werbeindustrie: Tue Gutes und rede darüber. Je öfter, desto besser.

… und stehende Heizungen

Bei der Anmeldung hatte ich darauf hingewiesen, dass die Standheizung wieder einmal nicht funktionierte. Es war eigentlich als einfacher Kommentar gedacht, da ich mit dieser Standheizung schon zwei Jahre unliebsame Erfahrungen gemacht und akzeptiert hatte, das sich das wohl nicht mehr ändern ließ. Sie machte ihrem Namen nämlich alle Ehre: Wenn man sie benötigte, stand sie.

Es war unachtsam von mir, denn Kommentare sind Auslegungssache und insofern durchaus als Reparaturauftrag missverstehbar. Und daher darf man den notleidenden Autoherstellern von heute nicht übel nehmen, dass sie auf dem Kommentarohr taub sind. Und, ja: ich gebe es zu, wer im irrigen Glauben der Fairness einander gegenüber den Reparaturauftrag vor der Unterschrift nur überfliegt, den bestraft die Obsoleszenz…

»Wozu denn eine Standheizung?«, werden nun viele von Ihnen fragen. Gut – ich hatte die mitbestellt, weil es einfach so schön dekadent ist, im tiefen Winter morgens in ein warmes Auto einsteigen zu können und nicht die Scheiben kratzen zu müssen, leise in sich hinein grinsend die armen Nachbarn beobachtend, die dick vermummt ihr Auto freischaufelten. Schadenfreude ist eben die schönste Freude! Doch nach einigen wenigen dieser herzerfreuenden Erlebnisse blieb eines Tages das Auto kalt. Werkstatt! Nach einem Tag Aufenthalt dort, dem unvermeidlichen Ablass in Form von Wartungskosten in einer Höhe, die so Mancher heute zum Leben in einem ganzen Monat nicht hat und ein wenig Frust tat sie wieder. Ein paar Mal. Nachdem auch der nächste Werkstattbesuch mich belehrte, dass alles in Ordnung wäre und man nicht wüsste, wo mein Problem läge, begann ich, an mir zu zweifeln. Glücklicherweise kam der Frühling und mit ihm das Fehlen der Notwendigkeit, die Standheizung zu bemühen.

Bis zum nächsten Winter. Ich hatte dann irgendwann aufgegeben, sie überhaupt benutzen zu wollen und mir geschworen, dass das nächste Auto entweder keine Standheizung mehr hatte oder nicht mehr von diesem Hersteller war. Ich war mir damals noch nicht klar darüber gewesen, welchen Weg ich gehen wollte.

 Wirtschaft ankurbeln!

Für die Prüfung der Funktionalität der Standheizung – Sie werden vermutlich das Resultat kennen: »Sie funktioniert einwandfrei!« – sollte ich auch zur Ader gelassen werden.

Mit Wehmut dachte ich an mein erstes Auto, einen uralten 2K, zurück – der hatte 300.000 km auf dem Buckel und keinerlei Leistungsabfall gehabt. Auch nicht in den zwei Jahren, die ich ihn dann noch gefahren hatte. Er war irgendwie seiner Zeit vorausgewesen, weil digital: Entweder, etwas tat, oder nicht. Und so hatte irgendwann einmal der Motor einfach genug gehabt – und war still und ohne Schnickschnack mit gelben oder roten Warnsymbolen stehen geblieben. Bei der Laufleistung durfte er das in meinen Augen, auch wenn es mich in jeder Hinsicht schmerzte: finanziell und emotional. Und da ein Tauschmotor – ja, meine Lieben, das gab es damals noch! – teurer war als das ganze Auto, war sein Schicksal besiegelt gewesen.

 

Foto: © Thorsten Freyer / pixelio.de

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