Digital Natives

Generation Kopf Unten – Teil 2

12. August 2014
Generation Kopf unten - Teil 2

Eine Jahrtausenderfindung: Das Internet

Für die Generation Schwanz Oben ist der Computer eine intelligente Schreibmaschine. Er hilft, „perfekte“ Briefe ohne Tippfehler zu schreiben, da man, dank kluger Textverarbeitung, die im Hintergrund korrigiert, diese vor dem Ausdruck am Monitor sehen und ausmerzen kann. Heraus kommt ein Schreiben, das früher von hoher Setzkunst einer guten Druckerei gezeugt hat. Das scannen wir nach Unterschrift ein (oder übernehmen gleich das elektronische Original und versehen es mit gescannter Unterschrift) und senden es per Email an den Adressaten. Ja doch, es hat sich schon etwas getan seit den alten Postkutschen: Heute ist der so geschriebene Brief Sekunden nach der Absegnung der Vorschau beim Empfänger, egal, wo auf der Welt der sich gerade aufhält. Wahrlich ein ideales und dem Stand der Technik entsprechendes Mittel der professionellen Kommunikation!

Für uns ist der Computer eine gigantische Bibliothek. Egal, was wir wissen wollen: Google hilft. Oder Youtube. Spätestens Wikipedia. In der Tat, für uns hat das Internet seine Berechtigung und ist nicht mehr wegzudenken, nachdem man sich daran gewöhnt hat, auch wenn viele schlimme und schmuddelige Dinge dort passieren und möglich sind und es eine neue Art gibt, Andere von ihrem Besten zu trennen: ihrem Geld. Er, der Computer, ist also als mein Ende der Internetverbindung, mein Zugang zu einer Neuen Welt, ein ideales Hilfsmittel bei der Informationsbeschaffung. Denn schließlich leben wir ja im Zeitalter der Informationstechnologie, weshalb Meyer und Brockhaus ähnlich obsolet sind wie ein Periodikum. Und selbst die Tageszeitung gibt es ja heute online. Alles sehr bequem dank eReader und Tablet.

Für uns ist der Computer ein tolles Telefon! Und so billig. Man kann weltweit skypen und mit Gott und der Welt tratschen – ohne dass es etwas kostet. Denn Computer und Internetzugang sind ja schon da. Und wir kennen noch aus eigenem Erleben die abschreckende Zeit ohne Handy und mit unterschiedlichen Telefontarifen: Orts-, Fern-, Auslands- und Überseegespräche, die sekundenweise in Takten zu 20, später 23 Pfennig abgerechnet wurden. Nicht selten kostete ein Ferngespräch von München nach Hamburg mehr als eine DSL-Flatrate heute: Noch 1996 rechnete die Telekom für ein Ferngespräch 32 Cent/min ab: 19,20 Euro pro Stunde. Wenige Jahre zuvor waren es bei der Bundespost noch 47 Cent/min (28,20)… Und wir kennen sie noch, die Telefonhäuschen, die allerdings häufig nicht nutzbar waren, weil irgendein netter Mitmensch der Auffassung war, seinen Frust oder Hass daran auszulassen.

Dank Internet kann man heute selbst über weite Entfernungen mit seinen Lieben daheim in Kontakt bleiben, was vielen Familien hilft, bei denen der oder ein Einkommensträger berufsbedingt für mehr oder weniger lange Zeit auf „Dienstreise“ ist – zum Beispiel auf Montage wo auch immer. Und man muss dabei noch nicht einmal ortsgebunden sein: Dank eingebauter Kamera in praktisch jedem Laptop heute, zumindest aber jedem Handcomputer namens Smartphone, haben wir heute sogar Bildtelefonie an jeder nur denkbaren Stelle. Früher brauchte man dazu Ressourcen, die sich so manches erfolgreiche mittelständige Unternehmen nicht leisten konnte, und das auch noch ortsfest! Über mindestens zwei gebündelte ISDN-Leitungen.

Über Hotspots sind wir heute jederzeit und an den meisten Orten Teil des Netzes. Irgendeinen offenen Netzwerkzugang kann man immer nutzen. Sogar im Zug und selbst im Fernbus.

Ja, Computer und Internet haben die Art unserer Kommunikation und die Art unserer beruflichen Aktivitäten massiv geändert. Wahrlich eine digitale Revolution! Und das wollen wir uns nicht mehr wegdenken müssen.

Wenn wir Computer und Internet betrachten, erleben wir beides durch einen Filter. Einen Filter, der aus dem Wissen und den Erfahrungen besteht, die wir bisher in unserem beruflichen und privaten Leben gemacht haben. Und die haben wir zum überwiegenden, zumindest aber einem großen Teil ohne Computer und Internet gemacht. Und so fasziniert uns an Computer und Internet eben der Teil unserer gefilterten Wahrnehmungen, der neu für uns ist. Und wir sehen skeptisch und manchmal geradezu ängstlich, was wir aufgrund dieser Filter nicht verstehen. Unser Problem also: das gefilterte Wahrgenommene entspricht nicht dem, was ist.

Für uns ist das Internet toll, wir stehen teilweise wie Kinder mit plattgedrückter Nase an den Scheiben eines Spielzeugladens vor dem Monitor ob der beeindruckenden Möglichkeiten, die wir häufig gar nicht verstehen und ausreizen können: schöne Neue Welt; für uns besteht es somit aus einer Reihe von mehr oder weniger nützlichen Tools, sich das Berufsleben zu vereinfachen, aber auch die Freizeit mehr oder weniger sinnvoll zu gestalten. Aber auch aus Gefährdungen in Form von first-person shooters (= „Egoshooter”); denn, an unsere Kinder denkend: Die können eine große Gefahr sein; zu schnell kann man süchtig werden und abstumpfen. Ja, die Konsolen sind schuld, dass wir militärisch abstumpfen, nicht, wie wir mit unseren Kindern umgehen, sie erziehen! Drohnen sind ja nichts anderes als Reality-Egoshooter, und wer zuhause rumballert, hat niedrigere Hemmschwellen, wenn er zum Militär geht. Argumentieren wir und basteln uns damit billige Begründungen.

Und dann erheben Fachleute die Stimme, die vor dem Süchtigmachen des Internets warnen. Von digitaler Demenz ist die Rede. Und wissenschaftliche Belege werden herangeführt. Ähnlich billig!

Das Internet und die Digitale Demenz

Ich selbst habe eine naturwissenschaftliche Ausbildung hinter mir. Ich weiß also, was von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu halten ist und wie sie zu interpretieren sind. Es mag ja alles „wissenschaftlich belegbar“ sein, was da geäußert wird. Und dennoch ist es hier Quatsch! Auch wenn es von den größten Experten kommt, der Creme der Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Grund ist, dass Wissenschaftler ebenfalls besagte Filter und darüber hinaus auch einen Tunnelblick haben, ja haben müssen: ihr Fachgebiet, und oftmals sogar nur Teilbereiche eines Fachgebietes. Ihnen fehlt zu häufig der Blick auf das Gesamte, in das entsprechende Erkenntnisse einzuordnen sind, um „richtige“ Aussagen machen zu können. Dafür gibt es in der Medizin viele, sehr viele Beispiele, auf die ich aber an anderer Stelle eingehen werde.

Hirnforscher, und nicht nur sie, die solche dämlichen Schlüsse wie „digitale Demenz“ als Resümee ihrer Arbeit ausspucken, sind Extremfälle von Tunnelblickern. Ihnen ist offenbar nicht klar, dass sie als Mediziner prinzipiell an zwei Beschränkungen nicht vorbei kommen: Erstens: sie können nicht experimentieren, sondern nur studieren. Der Unterschied ist nicht trivial: Wer studiert, sammelt Daten, ohne irgendwie auf deren Entstehung Einfluss nehmen zu können. Z.B. in Form des Herstellens definierter Ausgangsbedingungen. Und aus solchen Daten, sehr beschränkten Daten, müssen sie versuchen, etwas Sinnvolles herauszudestillieren.

Wer experimentiert, kann dagegen die Randbedingungen dessen, was er dann studiert, selbst und beliebig einstellen und die Experimente immer und immer wieder wiederholen. Mediziner forschen also passiv, ungezielt; sie müssen es tun, während der Naturwissenschaftler aktiv, gezielt forschen kann. Das macht ihn zwar nicht zu einem besseren Forscher oder gar einem besseren Menschen. Es relativiert aber die Ergebnisse aus medizinischen Untersuchungen, genannt Studien, prinzipiell. Denn man kann z.B. nicht am gleichen Objekt prüfen, wie es sich verhielte, wären die Ausgangsbedingungen andere. Konkret: Wie sähen die Hirne der digital Dementen einmal mit und einmal ohne permanente Internetpräsenz aus? Und vor allem: Wie korreliert, was ich im MRT sehe, mit dem, wie der Proband „ist“?

Zweitens: Medizinische Ergebnisse basieren auf Statistik. Und da gilt als erste Annäherung: Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. (Euphemistischer heißt das: Man muss schon die Daten und wie es dazu kam kennen, um mit ihnen durchgeführte Statistiken richtig würdigen zu können. Das aber setzt Kenntnisse voraus, die kaum jemand hat. Und daher sind Statistiken in der Regel etwas für den Müll, da man zu sehr mit ihnen manipulieren kann.) Da Ergebnisse eben nur aus Beobachtungen stammen können, diese Ergebnisse aber vom Individuum abhängen, muss versucht werden, durch Statistik, also einem mathematischen und damit abstrahierenden Verfahren wie „Mittelwertbildung“, das  Individuelle zu eliminieren, ein Ergebnis zu finden, dass für „alle“ gilt (Prinzip: pars pro toto, ein Teil erklärt das Ganze).

Je größer nun aber die inter-individuellen Unterschiede sind, desto größer ist der Bereich, aus dem so ein „Mittelwert“ gebildet werden muss und umso weniger trifft er dann auch tatsächlich zu. Der Fachmann trägt dem Rechnung, indem er bei der Interpretation des Wertes z.B. die Standardabweichung heranzieht, ein Maß für die Streuung der Messwerte um diesen Mittelwert. Je höher diese Abweichung, desto weniger entspricht der Mittelwert der Realität und umso mehr Vorsicht ist geboten, ihn zu benutzen.

Hinzu kommt, dass in klinischen Studien selektiv vorgegangen wird. Das heißt, dass bei der Auswahl der Probanden bestimmte „Ein- und Ausschlußkriterien“ zum Tragen kommen. Diese Kriterien aber können großen Einfluss auf die Ergebnisse haben. Um das klar zu machen: Die Frage, wie lange eine Schwangerschaft durchschnittlich dauert, könnte zu leicht zu niedrigen Ergebnissen führen, wenn als ein Ausschlußkriterium „weiblich“ definiert wurde.

Ich habe also größte Bedenken, solche Aussagen wie „digital dement“ zu akzeptieren, wenn sie (1) aus medizinischer und nicht naturwissenschaftlicher Forschung, also purer Beobachtung stammen, (2) sie aus Studien mit Ein- und Ausschlusskriterien kommen, und (3) an vergleichsweise wenigen Probanden durchgeführt wurden. Es ist grundsätzlich ein Problem, von einer „Stichprobe“ von wenigen Hundert Teenies auf all die Teenies dieser Welt zu schließen… Und Hundert Teenies wollen erst einmal untersucht werden! Wenn man nun noch berücksichtigt, dass zu den Digital Natives die 35-jährigen auf der einen, auf der anderen aber auch die Teenies und damit Pubertierende gehören, deren Hirn sich gerade im Umbau befindet, was man an MRT-Aufnahmen verfolgen kann, wird’s besonders kompliziert. Denn die Hirne sind, anders als andere Organe, sehr, sehr individuell und alles andere als statisch: Schließlich sind sie es, die unsere Persönlichkeit tragen!

Die (Neue) Welt und wie wir sie wahrnehmen

Filter! Wenn aus meiner Generation jemand privat eine Fete geben will, so erzeugt er am Computer sehr liebevoll mit selbst digital geschossenen Fotos mehr oder weniger vorteilhaft abgelichteter Personen, Photoshop und Outlook ein Mail mit einer Einladung, die er dann an die einzuladenden Freunde und Bekannte versendet. Vielleicht verwendet er dazu sogar Serienbrieffunktionen oder Verteilerlisten. Aber dann muss das schon ein Freak sein, das kann schon nicht mehr jeder! Und er freut sich dann, wenn in den nächsten Stunden von allen oder zumindest denen, auf die es einem ankommt, Zusagen eintrudeln in die Inbox des Mailers.

Ja, wir blicken milde lächelnd auf die Zeiten zurück, als wir noch ein Telefon brauchten, die Telefonnummern der Leute im Kopf oder auf einer Liste haben mussten, die man einladen wollte und dann hofften, sie innerhalb der nächsten Stunden alle an der Strippe zu haben, damit man planen konnte. Fax, ja das waren noch Zeiten…

Und so verhalten wir uns auch im Beruf. Das Internet: Old business in new feathers. Als Quintessenz könnte man formulieren: Dinge, die meine Generation „mit dem Internet“ macht, könnte sie locker auch ohne, wenn auch bei weitem nicht so bequem und schnell.

Und die Digital Natives? Die haben, natürlich, auch ihre Filter! Nur: Deren Filter sind beeinflusst durch deren Erfahrung und Wissen. Basierend auf einer Welt, in der es das Internet und seine Möglichkeiten gibt, seit sie denken können. Sie kennen keine Welt ohne Internet. Für sie ist aufgrund ihrer Filter der Blick zurück genauso verstörend wie für uns mit unseren Filtern der Blick voraus.

Sie stehen nicht mit plattgedrückter Nase an den Scheiben eines Spielzeugladens! Für sie ist es nicht die Neue Welt, für sie ist es einfach die Welt. Und damit normal. Sie wissen aus eigener Erfahrung nicht, dass und wie die Welt ohne Internet funktioniert und funktionieren kann. Da sie bislang niemals in die Situation kamen, es herausfinden zu müssen. Und wer nun von ihnen verlangt, dass sie doch aufgrund ihrer Intelligenz uns Alte zumindest verstehen können müssten, wenn sie schon keine eigenen Erfahrungen haben, dem sei gesagt: Warum bemühst du dich nicht aufgrund deiner Intelligenz, die Jungen zu verstehen, wenn du schon nicht weitere eigene Erfahrungen sammeln willst?

Weder kennen sie die alten schwarzen Bakelit-Monster, die ich noch kennengelernt habe, noch die „modernen“ Einheitsnachfolgemodelle mit Wählscheibe, später Tasten des damaligen Monopolisten Post. Sie kennen sie nicht, die IBM Kugelkopfmaschine oder ihre mechanischen Vorgänger, die damals revolutionär war, da man mit ihr via Hardware, Kugelkopf, das machen konnte, was heute via Software gemacht wird: die Schriftart ändern. Für einen Chemiker z.B. nicht unwichtig, da er hoch- und tiefgesetzte Ziffern braucht und manche Sonderzeichen. Sie kostete damals mehr als ein High-End-Laptop heute. Und sie kennen sie nicht, die Briefe mit oder ohne Einschreiben und/oder Rückschein, haben sie doch die Check-Boxen in Outlook und Konsorten, mit denen man den Zielserver veranlassen kann, den Eingang der Mail zu bestätigen und den Empfänger das Öffnen des Mails. Sie wissen nicht, woher das „cc“ in den Email-Köpfen stammt, das der Liste der Adressaten voransteht, die die Mail in Kopie erhalten sollen, weil sie niemals Kohlepapier und das Herstellen einer Kopie eines Schreibens via „Carbon Copy“ kennengelernt haben. Und wenn sie es wissen, dann, weil sie sich dafür interessiert haben und ins Internet gegangen sind…

Wer das nicht sieht, sollte sich erinnern: Wir kannten es damals nicht, dass man vor unserer Zeit Telefongespräche noch vom „Fräulein vom Amt“ handvermitteln lassen musste und, obwohl man uns davon erzählte, konnten wir das nicht verstehen; dass man teilweise sogar noch Telefonate voranmelden musste. Ja dass es sogar sein konnte, dass man überhaupt kein Telefon hatte. Vereinzelt auch bei uns, Regel in der DDR. Es war normal für uns, den Hörer aufzunehmen und zu wählen – selbst in die USA oder nach Australien. Oder die Glotze anzuschalten – eine Errungenschaft, die unsere Eltern noch nicht für „normal“ hielten. Wir kannten es nicht, noch mit Tusche, Feder und Löschpapier handschriftlich Briefe schreiben zu müssen, wenn wir schriftlich kommunizieren wollten, wie man uns erzählte. Wir hatten eine Schreibmaschine, vielleicht sogar eine sehr gute mit integriertem TippEx-Band. Mindestens aber einen Füllfederhalter oder Kugelschreiber. Daher konnten wir es nicht verstehen.

Für uns Alte ist das Internet somit eine Hightech-Schreibmaschine, Hightech-Post, Hightech-Telefon, Hightech-Kino, Hightech-Kaffeekränzchen, Hightech-Zeitschrift, usw. in einem. Ausgedrückt in Telekoms Produkt Entertain: VDSL-Anschluss mit Flatrate, damit man Filme sehen und „ins Internet“ kann. Das ist das Internet: Ein Hilfsmittel, mit dem man alles machen kann.

So gibt es, wie bereits gesagt, nichts, was man nicht auch „klassisch“ realisieren könnte. Und genau das drückt sich aus auf den meisten Websites, die wir Alten erstellen oder besuchen. Und da wir ja, anders als die junge Generation, nicht permanent im Internet ’rumhängen, würde es auch keinen wesentlichen Unterscheid machen, würde man die Shopangebote, den Klatsch und Tratsch und die neuen Stellen usw. in der nächsten Zeitung am nächsten Tag lesen und den Film am Abend. Hatten wir ja alles, und war für uns auch ausreichend. Ist nur nicht so bequem und nicht „in“ und folgt nicht unserer Wahrnehmung des Zeitgeistes, dass man immer und überall ansprechbar sein muss: Ein Email muss beantwortet werden, bevor der Sender es überhaupt losgeschickt hat. Und jederzeit und allerorts bestens informiert.

©  Foto Niko Korte  / pixelio.de

Vielleicht gefällt Dir auch

Keine Kommentare

Kommentar schreiben