Digital Natives

Generation Kopf unten – Teil 3

13. August 2014
Generation Kopf unten - Teil 3

Metarealität

Und nun folgt etwas, das zu verstehen, ich eine ganze Weile und viele Gespräche mit den Digital Natives meines Vertrauens und anderen brauchte. Die junge Generation lebt in einer hochkomplexen Symbiose aus realer Welt und einer Abstraktion davon! Anders formuliert: Auf zwei Ebenen gleichzeitig – einer realen und einer Metaebene. Letztere wird getragen und ermöglicht durch das Internet. Und diese erweitert ihre Wahrnehmung der Welt, schränkt sie also nicht etwa ein, wie Viele glauben: Das Internet reduziert die Welt nicht auf eine virtuelle, es verschmelzt eine abstrakte mit der realen.

Virtuell oder metareal?

Das ist etwas komplett Anderes! Virtualität ersetzt Realität: Man hält die virtuelle Welt irgendwann für die reale (zumindest in der jeweiligen Situation). Das ist das Gefährliche! Auf einer Metaebene in einer Metarealität wandelnd, ist man sich aber dessen und der eine Ebene darunter liegenden realen Welt jederzeit vollständig bewusst. Sitze ich im Flugsimulator, glaube ich nach kurzer Zeit je nach Qualität des Simulators, tatsächlich in einem realen Cockpit zu sitzen. Das ist schließlich auch Sinn der Sache; nur deshalb freue ich mich, wenn Verkehrspiloten einen nicht unerheblichen Teil ihrer Flugpraxis auf diese Weise gewinnen, weil Extremsituationen trainiert werden können, ohne jemanden zu gefährden! Quatsche ich dagegen per Facebook mit meinen „Freunden“, weiß ich, dass die mir gerade in diesem Augenblick zwar sehr nahe sind, schließlich kommuniziere ich ja in „Echtzeit“ mit ihnen – aber doch so fern; räumlich betrachtet. Meine Generation hätte und hat ohne Internet das gleiche über eine Telefonkonferenz gelöst. Technisch erheblich aufwendiger…

Und daher ist es billig, wenn Leute, die den Digital Natives digitale Demenz unterstellen, dies dadurch begründen, dass Soziale Netzwerke mit virtuellen Freundschaften lockten, das Sozialverhalten beeinträchtigten und Depressionen förderten! Da hat wohl jemand überhaupt nicht verstanden, was abgeht. Wie waren nochmals die Ein- und Ausschlußkriterien? Offenbar derart, dass die potentiellen Probanden, die ich tagtäglich zuhause, in Bus und Bahn und an Schule und Uni oder im Beruf antreffe, ausgeschlossen wurden und nur solche untersucht wurden, die 24/7 rumballern. Fragt sich, wer die realistischere repräsentative Stichprobe hat…

Digital Natives gehen genauso gerne auf Konzerte wie wir, wenn auch häufig, allerdings auch nicht immer (!), von anderen Gruppen. (Der Musikgeschmack meines Digital Natives und meiner haben eine erstaunlich große Schnittmenge!); sie (der weibliche Teil) gehen genauso gerne Shoppen wie wir oder nicht (der männliche Teil). Sie gehen auch in Ausstellungen wie wir, genauso gerne wie wir oder auch nicht. Sie sitzen auch gerne in Kneipen und trinken ihren Hugo, wo wir unseren Prosecco, früher den Kir Royal schlürf(t)en. Das Kino steht bei Vielen höher im Kurs als bei uns, die wir zuließen, dass DVDs, Maxdome und Entertain viele Kinobetreiber in die Insolvenz brachten. Grund: Man erlebt es gemeinsam. Gemeinsamkeit ist ein wesentliches Bedürfnis dieser Generation.

Wer einen oder mehrere Digital Natives in seinem engeren Umfeld hat und sie wirklich fair beurteilen möchte, kommt nicht darum herum, zugeben zu müssen, dass sie nicht wesentlich andere reale Dinge tun und ebenso ausführlich wie wir Alten auch. Inklusive Streit mit den Eltern. Manchmal vielleicht sogar ein wenig intensiver. Inklusive sich mit Freunden treffen. Depressionen? Nicht mehr als wir, die wir gerne burn-out sind, weil’s den Zeitgeist trifft.

Apropos Freunde: Auch das ist so ein Thema, das wir missverstehen. Die Digital Natives kennen gemäß dieser komplexen Beziehungen zwei Arten von Freunden: reale Freunde und metareale Facebook-Freunde. Beides sollten wir nicht verwechseln oder gar auf einen Haufen werfen, auch wenn die realen aus praktischen Gründen Teil der Facebook-Freunde sind, weil über Facebook kommuniziert wird! Und auch hier wieder Erstaunliches: Der Digital Native hat eventuell tatsächlich weniger reale Freunde als wir, auch wenn er Hunderte von Internetfreunden hat. Nicht wegen des Internets, sondern wegen der Intensität der Freundschaft. Sehr häufig sind die „realen“ Freunde der Digital Natives nämlich sehr viel engere Freunde als bei uns. Und, wenn wir ehrlich sind und an richtige, enge Freunde denken – mehr als eine Handvoll haben wir auch nicht, oder?

So ist ein Facebook-Freund erstens nicht virtuell vorhanden, sondern sehr real, und zweitens nicht wesentlich mehr als das, was ein Durchschnittsamerikaner als „Friend“ bezeichnet. Die meisten solcher friends würde ein Deutscher als „Bekannter“ bezeichnen: Als einen, der einem namentlich „bekannt“ ist, den man schon einmal kennengelernt hat, z.B. auf dem Sitz neben sich auf dem Flug nach San Francisco; oder immer mal wieder auf Kongressen: Man kennt sich. Oder auf der täglichen Fahrt per S-Bahn ins Büro, wo man sich nett und kurzweilig unterhält und sich wundert, wenn der andere einmal nicht erscheint. Oder auf der letzten Party von Gaby und Klaus. Also: Man kennt sich vom Sehen, man kann ein Bier zusammen trinken, ein bisschen quatschen; und das war’s.

Für den Deutschen gibt es dann noch den „Freund“. Auch der kann manches sein: Ein Mitglied aus dem „Freundeskreis“, bestehend aus den nächsten Nachbarn, Gleichgesinnten aus der Babykrabbelgruppe, die man inzwischen jahrelang kennt und zum gegenseitigen Sonntagskaffee einlädt, oder Berufskollegen, die einem so „nah“ sind, dass man sich auch in der Freizeit mit ihnen abgeben möchte und daher abgibt. Diese Freunde sind im Amerikanischen auch „friends“, wenngleich der Amerikaner sie durchaus von einander unterscheidet. Das ist wie beim „you“: Das heißt auch nicht immer „du“; und selbst wenn es „du“ heißt, machen die Amis Unterschiede…

Und dann gibt es die „buddies“, die „engen Freunde“, die Kumpel. Die man aus dem Sandkasten kennt, der Grundschule oder der weiterführenden Schule. Ehemalige Studienkollegen, mit denen man schon einiges zusammen erlebt hat. Die mit einem durch Dick und Dünn gehen. Die, denen man und die einem genauso vertraut wie seinen nächsten Verwandten. Oder sogar mehr.

Wenn also ein Digital Native von einem „Freund“ spricht, unterscheidet er auf der realen Schiene sehr wohl zwischen dem Buddy, dem Freund und dem Bekannten. Auch wenn man das auf der metarealen Ebene, via Facebook, nicht unbedingt merkt. Der Irrglaube, ein Digital Native von heute hätte eine exorbitante Anzahl von Freunden, dafür aber nur „virtuelle“, basiert neben tiefem Unverständnis also auch auf der Unfähigkeit, das Wort „Friend“ richtig zu übersetzen. Und so hat die junge Generation auch nicht mehr „Freunde“ als wir, die wir in LinkedIn und Xing vernetzt sind und deren vernetzte Mitglieder nicht „Freunde“ sondern „Kontakte“ nennen!

Spricht man mit einem Digital Native, erfährt man, dass noch nicht einmal jeder Facebook-Freund überhaupt als „Freund“ in welcher Bedeutung auch immer verstanden wird. Manchmal vernetzt man sich, wie wir es absolut genauso tun, ganz bewusst mit Leuten, um gezielt etwas zu erreichen. So mag man z.B. nicht jeden aus seiner Klasse, seinem Team oder seiner Abteilung. Da aber Kommunikation heute häufig über Facebook abläuft – inzwischen stellen viele Unternehmen von Email auf Facebook um, da all die Spams und Widrigkeiten von Emails zu viel wertvoller Arbeitszeit kosten, und Informationen über Stundenplanänderungen werden, da es z.B. in der Oberstufe eines Gymnasiums keine Klassenverbände mehr gibt, nur noch Kurse, via Facebook kommuniziert –, „muss“ man selbst mit „Freunden“ verlinkt sein, die man privat nicht ausstehen kann. Und man verlinkt sich mit jemandem als „Follower“. Das ist vielleicht der einzige als „virtuell“ anzusehende „Freund“: Ein Idol, ein Schwarm, der Arbeitgeber. Das sind alles „Facebook-Freunde“! Wer sich wirklich die Mühe macht, sich mit den Digital Natives einmal auseinanderzusetzen, stellt fest, dass Vieles ganz anders ist, als man denkt, und vieles von dem, was und wie wir es tun, gar nicht so weit weg ist – und man ihnen sehr häufig unrecht tut.

Soziale Netzwerke

Und noch etwas ist anders, um beim Thema Facebook zu bleiben: Facebook ist ein Netzwerk, ein „Soziales Netzwerk“. Auch hier darf man das leider sich eingebürgert habende „sozial“ nicht mit dem englischen Ursprung „social“ verwechseln. Im Englischen steht „social“ für zweierlei: sozial im von uns so verstandenen Sinne „gemeinnützig“ oder „hilfsbereit“; „sozial“ eben; das ist hier aber nicht gemeint! Und für das hier anzuwendende „gesellig“, „gesellschaftlich“, „in einer Gruppe/Gemeinschaft lebend“. Ein Social Network ist also ein Netzwerk, eine Gemeinschaft Gleichgesinnter und steht damit im Gegensatz zu einem beruflichen Zweckbündnis, in dem unterschiedliche Interessen das Sagen haben können und in der Regel auch haben.

Dies klar zu stellen, war mit wichtig, weil viele meiner Generationskollegen, die durchaus beruflich damit zu tun haben, die „Datenautobahn“ gerne einmal ablehnten, da wir in Deutschland schon über zu viele Autobahnen verfügten; und die daher der Meinung sind, mit dieser Ablehnung besonders den Zeitgeist weil Nachhaltigkeit praktizierend zu treffen. Und da Viele Angst davor haben, das Internet könne auch abstürzen und dann nicht wissen, wie man es re-bootet.

Dieses Netzwerk hat verschiedene Möglichkeiten, die ohne Internet nicht realisierbar wären. Eine davon ist, dass man Mitgliedern des Netzwerkes „folgen“ kann. Wenn man das Prinzip einmal richtig verstanden hat, bietet einem diese Möglichkeit eine wirkliche Erleichterung. Man stelle sich vor, man möchte auf ein bestimmtes Ereignis reagieren können. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man beobachtet regelmäßig und, je nachdem, wie zeitnah man reagieren möchte, mit hoher Frequenz die Website des Betreffenden, um das Ereignis ja und früh mitzubekommen. Das setzt dann aber voraus, dass man tatsächlich permanent den „Kopf unten“ hat, um es nicht zu verpassen. Oder man „folgt“ dem Betreffenden. Dann wird man automatisch alarmiert, sollte das Ereignis eintreten. Nun bekommt man zwar alles mit, was von dem so kommt; und so ist es in der Regel durchaus eine Frage, wem man folgt: Es gibt Mitmenschen, die kommunizieren, wenn sie auf die Toilette gehen und was und wie sie es dort tun. Und das bekommt man dann mit – und kann es sogar kommentieren. Schöne Neue Welt. Solche Beispiele werden dann durch Pauschalisieren von uns dazu benutzt, etwas ansonsten Sinnvolles lächerlich zu machen, eine Generation abzustempeln.

Das aber ist, wie gesagt, abhängig von einem selbst und wem man und warum folgen will. Teenies folgen so ihren bevorzugten Bands, wir taten das damals mit Bravo; Arbeitssuchende ihren bevorzugten Arbeitgebern, wir taten das mit FAZ und Süddeutscher. Heute bedienen wir uns dazu „Red! & Co.“ und der Websites der interessierenden Firmen. Und so sollten wir Alten nicht zu arrogant sein: Auch ohne Internet und Facebook kann man machen, was man mit Internet und Facebook auch kann – nur nicht so bequem. Geht man aber diesen (bequemen) Weg, bleibt nicht aus, dass man jederzeit online oder zumindest stand-by ist – alles andere wäre Quatsch!

Wie macht eigentlich meine Generation das heute? Nicht per Sozialem Netzwerk; na ja, vielleicht inzwischen doch. Sondern per RSS Feeds und Email, eventuell mit Push-Service und/oder SMS aufs Handy. Daher ist der Blackberry so beliebt, weil der das von Anfang an kann, und daher auch das sofortige Einschalten des Handys im Flugzeug. Ich habe zwar kein Fax mehr, aber eine Nummer, unter der man mir ein Fax schicken kann. Mein Router macht daraus eine Email. Und dank Programm kann ich Faxe aus dem Rechner versenden. Wir tun’s also mit Vor-Facebook-Technologie. Wir nutzen wieder die Tools des Internet, nicht „das Internet“. The old fashioned way, auch wenn es noch „older fashioned” geht… (Liebe Digital Natives: Ein Fax ist – nun ja, der Vorläufer eines Emails, das kein Internet braucht, nur eine Telefonleitung…)

Ich persönlich kommuniziere mit meinen Freunden lieber verbal über Telefon, brauche den gesprochenen Feedback, die vertraute Stimme am anderen Ende. Manche meiner Freunde sind lieber Schreiberlinge. Während ich also meine Geburtstagsglückwünsche akustisch übermittle, antworten mir meine Freunde häufig „optisch“ – sie schreiben Kärtchen oder Briefe, liebevoll gestaltet und mit teilweise schriftstellerisch wertvollem Inhalt. Daran halte ich, halten wir fest, da es ein Teil meiner/unserer Persönlichkeit ist. Die junge Generation kombiniert das zum „Chatten“. Und das ist Teil ihrer Persönlichkeit. Was über Facebook abläuft, ähnelt mehr einem schriftlichen Telefonat als einem Brief oder einer Email. Erfüllt aber den gleichen Zweck. Wo ist das Problem?

Wir verdammen, dass das Smartphone dieser Generation 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr auf „stand-by“ steht, aber wir belächeln höchstens den Geschäftsmann, der so wichtig ist, dass er noch nicht einmal die fünf Minuten warten kann, sein „Handy“ einzuschalten, die er benötigt, um von seinem Platz im eben angedockten Flugzeug ins Terminal zu gelangen. Es könnte ja sein, dass in den 5 Minuten, die das dauert, ein extrem wichtiger Anruf oder eine noch wichtigere Email verpasst werden könnte. Ich bin sicher: Wenn der Flug aufgrund leicht stärkeren Gegenwinds fünf Minuten länger gedauert hätte – die Welt wäre untergegangen! Und so ist in noch rollenden Fliegern der Ablauf immer der gleiche: Abgurten und aufstehen, um sich wie Sprinter in eine gute Startposition zu bringen, um der Masse vorauseilen zu können, wenn die Tür offen ist, und dann, in den Startblöcken, das Ziehen des Handys aus dem Halfter samt Einschalten. Wer seine Bedeutung noch besonders herausstreichen möchte, wählt sofort eine Nummer und beginnt lautstark ein Gespräch, das keinen der anderen Anwesenden interessiert: „Hallo, ich bin jetzt da! War was?“, dem sie sich aber nicht entziehen können.

Wir belächeln die Selfies, die die junge Generation ins Internet stellt; aber nicht die gestellten Aufnahmen, wenn wir uns vor Sehenswürdigkeiten ablichten und dazu evtl. gar uns Wildfremde bitten, doch bitte auf den Auslöser zu drücken. Und sind japanischen Besuchergruppen gegenüber sehr gerne bereit, das auch für die zu tun. Wir verstehen nicht, dass die Digital Natives ihre per Handy gemachten Aufnahmen in Facebook stellen, damit die „Freunde“ am Leben teilnehmen können; aber wir haben keine Probleme, unsere Freunde (früher) zu Dia- oder (heute) PowerPoint-Vorträgen einzuladen – ob die unsere Urlaubsfotos sehen wollen oder nicht!

Könnte es sein, dass wir mit zweierlei Maß messen?

Und noch etwas ist anders. Der Like-Button. Eigentlich ist er etwas zutiefst Basisdemokratisches, und nach meiner Wahrnehmung wurde er auch als solches eingeführt. Er dient der Rückmeldung, dem Feedback – etwas, was in meiner Generation vordergründig zwar begrüßt, ja sogar gefordert wurde/wird, hintergründig aber abgelehnt: Es gibt nur wirklich sehr wenige Leute, die von anderen wissen wollen, wie die sie sehen. Und daher reagieren die Meisten eher negativ auf Feedback, wenn der sie nicht in ihrer Selbsteinschätzung bestätigt.

Der Like-Button ist da weniger aggressiv! Drückt man ihn, meint man damit von „ja, ist ganz ok!“ bis „exakt das ist meine Meinung!“ alles Mögliche. Das heißt, der Feedback per „Like“ ist, wenn gegeben, diffus, aber positiv. Manchmal dient er auch nur dazu zu sagen: Ich habe deinen Post gelesen! War man nicht einverstanden, drückt man ihn eben nicht. Zusammen mit meist möglichen Kommentaren ergibt sich hier eine sehr fein und subtil abstuf- und nutzbare Form, dem Anderen zu sagen, was man meint. Wenn man es kann, weil man das System verstanden hat.

Leider ist, weil viele diesen Button missverstanden haben, er in der Zwischenzeit zu einem Ärgernis mutiert. So gibt es Firmen, die potentielle Mitarbeiter anhand der Anzahl von Like-Klicks auf ihrer Website ranken oder anhand der Anzahl ihrer Follower. Offenbar haben die überhaupt nichts verstanden…

 

©  Foto Lupo  / pixelio.de

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