Digital Natives

Generation Kopf Unten – Teil 1

12. August 2014
Foto Generation Kopf unten Teil 1

Immer wieder neu – Das Generationenproblem

Derzeit leben wir in einer merkwürdigen Situation: Wir haben zwei Gesellschaften! Die „übliche“ Gesellschaft, wie es sie seit Menschengedenken gibt. Und eine Schattengesellschaft. Ähnlich wie in der Politik: Jede aktuelle Regierung muss sich mehr oder weniger intensiv mit einer Schattenregierung auseinandersetzen, die nur darauf wartet, an die Macht zu kommen. Und da üblicherweise die Regierung die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit besitzt, nimmt man diese Schattenregierung in der Regel nicht, höchstens kaum wahr. Was ihr Problem ist, da sie dadurch nicht in der Lage ist, ihr Profil zu zeigen, falls sie überhaupt eines hat; das aber wäre heutzutage eh schon ungewöhnlich.

Das ist in unserer Gesellschaft heute leider nicht anders. Neben der am Ruder sitzenden Generation – meiner –, die die heute 40- bis 70jährigen umfasst, gibt es eine Schattengesellschaft, gebildet von Mitgliedern der jungen Generation. Manche bezeichnen sie als Generation der „Digital Natives“: Die ab 1980 geborenen, heute also bis 35 jährigen, die in einer Zeit sozialisiert wurden, in der es das Internet schon gab. Andere verwenden dafür mit Generation „Y“ einen soziologischen Alias.

Für Viele aber ist es die Generation „Kopf Unten“ in Anspielung auf ihre permanente Internetpräsenz und ihr ununterbrochenes „Herumwischen“ auf den Smartphones. Arroganter kann man diese Gesellschaft nicht missverstehen. Das muss sich im Interesse meiner Generation, der aktuell „herrschenden“, schnellstens ändern. Denn nicht wir werden es sein, die weiterhin gesellschaftliches Leben definieren werden, auch wenn die Demoskopie sagt, dass wir weiterhin der dominierende Anteil der künftigen Gesellschaft bleiben werden. Sie, die Digital Natives, werden es sein, ob uns das recht ist oder nicht. Und es wird ihnen ziemlich egal sein, was wir dagegen zu sagen haben, so wie es zurzeit uns egal ist, was die zu sagen haben. Wir, die Alten, sollten uns aber erinnern: Auch uns war egal, was die Generation vor uns von unserem Umbau der Gesellschaft hielt – wir haben ihn vollzogen. Wenn wir also, immer älter werdend, nicht ein Leben am Rande einer künftigen Gesellschaft fristen wollen, müssen wir umdenken lernen! Und dazu müssen wir sie verstehen (wollen!), die Gesellschaft, die künftig das Sagen haben wird.

Die Schattengesellschaft

Nun mag man einwenden, dass dies nichts Neues ist. Zu jeder Zeit gab es in der „herrschenden Gesellschaft“ Menschen, die mit der aktuellen Situation nicht zufrieden waren, sich nicht in „die Gesellschaft“ eingliedern wollten oder ließen. Meistens die Jungen.

Richtig: Aktive Andersdenkende sind nichts Neues. Vereinzelt gab es sie zu jeder Epoche bis weit zurück in die Antike. Konnten sie einige Mitstreiter gleicher Einstellung um sich scharen, führten sie sie zu oftmals gewaltsamen Umstrukturierungen einer Gesellschaft: zur Französischen Revolution, zu einem selbstbewussten Polen, zum Ende der DDR; und in letzter Zeit erleben wir leider einen hohen Blutzoll in verschiedenen Staaten dieser Welt, weil es zunehmend Menschen gibt, die nicht dem Mainstream folgen, nicht mit der herrschenden Gesellschaft einverstanden sind, und etwas ändern wollen. Und, anders als angepasste Mitläufer, daher aktiv wurden und werden. Blieben sie alleine, ereilte sie meist ein nicht so schönes Schicksal wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 in Peking. Aber bildeten diese Minderheiten denn schon eine „Schattengesellschaft“?

Heute ist das etwas anders. Es sind nicht mehr wenige Einzelne! Es ist eine ganze Generation. Wir Alten bemerken von dieser Schattengesellschaft nicht viel. Warum nicht? Ist sie passiv? Scheut sie, anders als wir damals, die Auseinandersetzung? Reden sie nicht miteinander, weil sie nur im Internet unterwegs sind, also virtuell träumen, weit weg jeglicher Realität? Nein! Der Grund ist, dass die Generationen aneinander vorbeireden. Weil wir einander nicht verstehen, ja verstehen können. Warum? Hat nicht jede Generation bislang an der vorhergehenden „vorbeigeredet“ und umgekehrt? Ja und nein! Denn damals geschah es im übertragenen Sinn: Man hörte und sah sich physikalisch, aber man verstand nicht, was der jeweils andere damit ausdrücken wollte. Oder wollte es nicht verstehen.

Heute haben wir das Problem: Meine Gesellschaft funktioniert komplett anders als die nachfolgende! Wir haben unterschiedliche, teilweise radikal (also bis zur Wurzel gehende) andere Ziele, Vorstellungen, Vorlieben, Pläne und Überzeugungen. Soweit alles beim Alten. Aber, und das ist neu, auch die Mittel, das alles umzusetzen. Und zwar gewaltlos.

Bislang bekam man die Aktionen und Reaktionen gegenseitig mit: Jede Demonstration der 68er wurde im Fernsehen gezeigt und ausführlich kommentiert. Der gewaltsame Tod von Benno Ohnesorg war Monate lang Thema in Presse, Radio und Fernsehen, die Spiegelaffäre auch. Esther Vilar und Alice Schwarzer schlugen sich bildlich die Köpfe ein, und die Presse noch auf beide drauf. Über Vietnam wurde berichtet, schlimme Bilder gezeigt – das berühmt gewordene nackte und vor amerikanischem Napalm flüchtende Mädchen habe ich heute noch vor Augen – und die weltweiten Demonstrationen, die wenig bewirkt haben. Über Petting statt Pershing und die Vertreibung des Schahs. Und die teilweise militanten Demonstrationen gegen Kernkraftwerke. Alle Mitglieder der damaligen Gesellschaft, egal welchen Alters, welcher Bildung und welcher Einstellung, hatten den gleichen Kenntnisstand, wenn sie wollten, weil die gleichen Kommunikationswege: Es gab keine anderen.

Die aber waren eine Einbahnstraße. Wollte, nein musste man aufgrund seiner Überzeugung darauf reagieren, musste man demonstrieren – das einzig wirklich funktionierende Mittel damals, seine Meinung kundzutun. Eine andere Möglichkeit, als „Normalbürger“ die Stimme zu erheben, gab es nicht: In den frühen Talkshow und deren Vorläufer wie dem legendären Internationale Frühschoppen wurden mit ganz wenigen Ausnahmen nur Promis eingeladen. Aber selbst das war die nächste Einbahnstraße: Denn wurde über Demonstrationen berichtet, hörte die herrschende Generation über die Gründe desinteressiert weg und behielt nur die leider oftmals gewalttätigen Randerscheinungen im Gedächtnis. Die Folgegeneration, meine, war entsprechend abgestempelt, über Inhalte diskutieren nicht (mehr) möglich. Und so kommunizierte meine Gesellschaft über Einbahnstraßen: eine kontrolliert durch die herrschende Gesellschaft, eine durch die „Revoluzzer“ – wenig effektiv und dadurch gefährdet, immer wieder erneut gewalttätig auszuufern.

 Eine unpolitische weltentrückte Generation?

Die junge Generation heute kommuniziert nicht über Fernsehen und Zeitungen und damit über Einbahnstraßen. Sie haben etwas Besseres, weil Interaktives. Das passt zu ihrer aktiven Art: Sie konsumieren nicht wie wir, sie prosumieren. Das bedeutet: Sie nutzen ihre Kommunikationskanäle nicht nur als Konsument sondern auch als Produzent. Voraussetzung dazu: Das in zwei Richtungen funktionierende Internet. Das Internet ist mehr als nur eine andere Art der Kommunikation und Informationsvermittlung. Es ist der Grund dafür, dass sich eine komplette Generation von der vorangehenden vollkommen entkoppeln konnte – und wohl auch wollte; so war und ist man unter sich, da man bislang wenig Zustimmung zu der eigenen Lebensphilosophie finden konnte. Trotz Internet. Was eigentlich ein Anachronismus ist: Das freie, anarchische Internet, in dem jeder sagen kann, was er will, und das auch tut; wo alles transparent ist – und dennoch im „Verborgenen“? Ja, die Sozialen Netzwerke und Dinge, die wir nicht kennen – z.B. Blogs – machen es möglich.

Leider muss ich zugeben: es erfolgt(e) zu Recht im Verborgenen, denn wir Alten haben da mit unserer Ignoranz und Arroganz in der Vergangenheit viel falsch gemacht. Und das ist, für beide, nicht gut! Denn es gibt, ob man das nun will oder nicht, gegenseitige Abhängigkeiten, die man durch gegenseitiges Nichtbeachten nicht aus der Welt schafft.

Auch diese Generation demonstriert. Vielleicht auch auf der Straße. Aber wichtiger weil effektiver ist die Demonstration im Netz. Anonymous! Und shit storms! Wem aus meiner Generation sagt der Begriff Hacktivismus etwas? Oder „smart mob“? Flash mobs kennen wir vielleicht, zumindest vom Hörensagen! Es sind scheinbar spontane, in Wirklichkeit jedoch durchaus gezielt abgesprochene und von Einzelnen organisierte, initiierte und kontrollierte Treffen in der Öffentlichkeit. Die Teilnehmer müssen sich nicht notwendigerweise kennen – es reicht, wenn man von einem geplanten flash mob hört, sich damit identifizieren kann und einfach mitmacht. Kommuniziert wird über das Internet. Über flash mobs werden bestimmte Aktionen organisiert, in der Regel unpolitisch: Es können Kissenschlachten sein, Darbietungen irischer Folklore, Inszenierungen, alles Mögliche. So „spontan“ sie beginnen, so „spontan“ enden sie in der Regel auch auf ein zuvor vereinbartes Zeichen, und die Akteure gehen anschließend wieder ihrer eigenen Wege, als sei nichts geschehen. Daher auch „flash“: Wie ein Blitz kommt er, wie ein Blitz geht er. Für Nichteingeweihte ein durch und durch irritierender und unverständlicher Ablauf.

Wird es weltanschaulich, politisch oder in Richtung einer Demonstration gehend, nennt man einen flash mob “smart mob”. Smart ist hier nicht in der deutschen Lieblingsbedeutung „elegant“, „schick“, „gepflegt“ zu verstehen sondern als „gerissen“, „listig“, „geistreich frech“, „intelligent“. Vielleicht erinnern Sie sich an „Occupy Wall Street“, die Demonstration im Oktober 2011, die lokal als größte Protestbewegung in Nordamerika an der Wall Street begann und sich rasend schnell weltweit ausbreitete. Das war so ein smart mob, im Rahmen dessen sich Leute trafen, um auf soziale, wirtschaftliche und politische Missstände aufmerksam zu machen mit direktem Bezug auf den „Arabischen Frühling“; Anonymous war aktiv mit dabei! So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben!

Wer also glaubt, die junge Generation sei passiv, unpolitisch, mische sich nicht ein, nehme alles hin, zeigt, wie weit weg er von ihr ist, wie wenig er sie verstanden hat. Und wahrnimmt. Anonymous kann mehr als lokale Demonstrationen mit Hunderttausenden es jemals könnten. Denn Anonymous ist global, hat somit mehr Macht. Und das ist ein Problem! Denn wir Alten denken noch in regionalen, lokalen Dimensionen, auch wenn wir das niemals zugäben: Wichtig ist das eigene Umfeld, eigene Belange. Die Digital Natives denken wie ihr Medium: global! Und erheblich altruistischer als wir.

Man mag zu Hacktivisten stehen, wie man will – auch ich mag DDoS-Angriffe und Spam nicht! Aber man kann ihnen nicht absprechen, dass sie höchst effektiv sind: Kleine Ursache, große Auswirkung – größer, als wir es jemals konnten!

Bei solchen „Distributed Denial of Service”-Angriffen ist Ziel der Aktion der Webserver der zu treffenden Organisation. Geht man normalerweise auf deren Website, reagiert dieser, um die „Anforderungen“ des Surfers erfüllen zu können. Das ist der „Service“ oder „Dienst“ des Servers. Zum denial of service, der Verweigerung solch eines Dienstes, kommt es, wenn parallel so viele „Anfragen“ eingehen, dass der Sever diese wegen Überlastung nicht mehr bedienen kann – er stürzt ab, die Website ist lahmgelegt. Und bleibt es, solange dieser Zustand andauert. Das trifft die Organisation häufig essentiell – wenn sie auf eine funktionierende Website angewiesen ist, z.B. bei Online-Shops. Damit man „genügend“ solcher Anfragen an einen Server stellen kann, bedient man sich „distributed“, „verteilter“ Rechner. Diese „bots“ (von robot) bilden ein „Netz“, ein „Botnetz“ und können somit, gesteuert von einem „Master“, diese DoS-Angriffe koordiniert ausführen: Ein DDoS-Angriff.

Da man sich in dieser Version (Hunder)tausender fremder Rechner bedient, muss in diese zuvor über illegale Eingriffe ein Trojaner oder Wurm eingebracht worden sein, der es dem Master erlaubt, die Kontrolle zu übernehmen. Diese Art ist damit kriminell und wird von mir in keinster Weise gut geheißen.

Eine Variante bedient sich eines speziellen Programms, das solche Serveranfragen gleichzeitig über verschiedene Kanäle an den Zielserver sendet. Allein ist es ebenso wenig in der Lage, sehr viel auszurichten wie ein einzelner bot. Da es aber in einen Modus versetzt werden kann, sich mit „Kollegen“ auf anderen Rechnern zu koordinieren, ist es möglich, auch auf diese Weise Server lahmzulegen. Im Unterschied zu Botnetzen bedarf es hier keines kriminellen Eingriffs auf fremden Rechnern: Über einen smart mob beispielsweise können Tausende Menschen dazu gebracht werden, freiwillig das Programm aktiv herunterzuladen, sich kurzfristig zu vernetzen und in diesem Modus zu starten. Geschehen z.B. im Dezember 2010, als MasterCard, Visa und PayPal attackiert wurden, da diese WikiLeaks nach den von den USA verdammten Veröffentlichungen der Machenschaften der USA ihre weiteren Leistungen verweigert hatten.

Diese „legale“ Nutzung fremder Rechner zu (illegalen, zumindest nicht legalen) DDoS-Angriffen wird daher von Gruppen angewandt, die eben nicht kriminell agieren sondern lediglich ihren Protest ausdrücken wollen. Und so ist die Frage, inwieweit diese Form der DDoS-Angriffe nicht dem „Zivilen Ungehorsam“ entspricht, den meine Generation durch (illegale, zumindest nicht legale) Besetzungen und ähnlichem auch praktiziert hat. Kennen Sie Aktionen meiner Generation, die dem Betreffenden auch nur andeutungsweise so weh getan haben wie solche und ähnliche der heutigen Generation? Die Macht hat sich verschoben!

Nur damit keine Zweifel aufkommen: In Deutschland und vielen europäischen Staaten ist das dennoch eine Straftat, die mit hohen Strafen bis zu mehrjähriger Haft geahndet wird, da der Angriff hier von Standpunkt des Angegriffenen aus gesehen wird und somit der Tatbestand der Computersabotage angenommen wird. Kein juristischer Kinderkram, also: nicht mitmachen!

Die Digital Natives – eine unpolitische, weltentrückte Generation? Edward Snowden – nur ein geldgeiler oder ruhmsüchtiger Geheimnisverräter? Oder steckt vielleicht doch mehr dahinter?

Für mich ist die nicht nachvollziehbare Positionierung unserer Politik Snowden gegenüber ein Zeichen, wie realitätsfern und der Gesellschaft entrückt sie (und damit meine Generation) inzwischen ist. Snowden hat nichts anderes gemacht, als die Mittel seiner Generation anzuwenden, um Machenschaften meiner Generation ans Tageslicht zu bringen. Was ist daran so verwerflich, dass man ihn jagt? Ist staatliches Unrecht, die Sammlung persönlicher Daten, nur deshalb kein Unrecht, weil eine Handvoll Politiker es als Recht definiert, die Bekanntgabe aber, dass, wo und wie das passiert, Verrat, weil die gleiche Handvoll Politiker das erneut als solchen definiert? Ist das Demokratie?

 Generation Schwanz Oben

Wir Alten tun der Jugend massiv unrecht. Das drückt sich überdeutlich z.B. aus, wenn wir milde lächelnd oder aber verächtlich von besagter „Generation Kopf Unten“ sprechen – ich kann diese arrogante, weil meist auf Unwissenheit beruhende Klassifizierung nicht ausstehen. So spricht von deren Mitgliedern keiner von meiner Generation und damit vielen Vertretern, die so abfällige Äußerungen vornehmen, als der „Generation Schwanz Oben“. Um die Lebensphilosophie z.B. der Kommune 1 und damit wesentliche Aspekte der Sexuellen Revolution aufzugreifen, die meine Generation entscheidend prägte: »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!« Oder von der „Generation Vögeln“ – eben wegen dieser Freizügigkeit: „Make love not war!“. Und es wurde jede Menge Liebe gemacht! Woodstock und Flower Power…

Es gibt noch eine weitere Bezeichnung, die auch sehr treffend ein Charakteristikum meiner Generation ausdrückt: Die Generation der Digital Naives, wobei ich das fehlende „t“ in „Naives“ zu bemerken bitte. (Wenn ich diesen sehr treffenden Begriff bedauerlicherweise im Folgenden nicht verwende, dann nur, weil er so schlecht von den Digital Natives mit „t“ zu unterscheiden ist.)

Und so zeigen solche Umschreibungen eines wesentlichen und immer bedeutender werdenden Teils unserer Gesellschaft, wie wenig der Betreffende sich die Mühe gemacht hat, sich ernsthaft mit den Menschen auseinanderzusetzen, die ihm einmal seine Rente zahlen müssen und ggf. den Hintern putzen. Und warum nicht? Entweder aus der Arroganz des Desinteresses, der des Unvermögens oder der des Besserwissens. Sichtbar wird das manchmal in Talkshows.

Ein Beispiel: Da sitzen sich bei Maybrit Illner im September 2013 unter anderen Andrea Hünniger, freie Journalistin, Jahrgang 1984 und damit Digital Native und ein wie üblich unter Höchstspiegeln an Testosteron stehender Hajo Schumacher, Journalist und Autor, Jahrgang 1964 und damit Mitglied der Generation Schwanz Oben, gegenüber. Und dieser machte überhaupt keine Anstalten, sich mit den Gründen auseinanderzusetzen, wenn, nachdem alle dem Mainstream folgend in das gleiche Horn stießen, doch bitte zur Wahl zu gehen, alles andere sei undemokratisch, Hünniger mutig bekennt, nicht wählen zu wollen: »Meine Generation findet überhaupt nicht in der Politik statt.« Eigentlich sollten hier die Alarmglocken klingeln. Eigentlich sollte man das als Anlass zu intensiven Gesprächen nehmen, um zu lernen, zu verstehen.

Man tat es nicht. Macho, wie man mehr nicht sein kann, wird schnell klar, was Schumacher, aber auch die anderen Alten von Hünniger hielten: nichts! Und so kam, anstelle von ehrlicher Diskussionsbereitschaft, lediglich ein herrisches »Das ist nicht Ihre Generation«. Mehr konnte Schumacher zunächst nicht entgegnen. Ein Armutszeugnis! Wessen denn sonst – seine vielleicht mit knapp 50?

Und wie sieht meine (und damit seine!) Generation diesen Pranger? Ein Artikel aus „Die Welt“ (www.welt.de/vermischtes/article120201397/Kesse-Nicht-Waehlerin-loest-Fassungslosigkeit-aus.html) vom 20.09.13 und damit einem Medium meiner Generation: »[…] Alle am Tisch wussten natürlich: Bei der Bundestagswahl 2009 blieb jeder dritte Wahlberechtigte der Urne fern; Hünniger ist nicht allein. „Pädagogische Belehrungen“ würden da allerdings nicht helfen, mahnte Giovanni di Lorenzo. Ja, aber was dann?«

Eine andere, auch die Belange der jungen Generation berücksichtigende Politik, vielleicht, Herr Pfeffer? Wen trifft denn bei Politikverdrossenheit die Schuld: den Verdrossenen oder die Politik? Und ist Politikverdrossenheit nicht in Wahrheit Politikerverdrossenheit? Ist dann nicht der Politiker die Ursache für den Verdruss? Z.B. weil er, wie Sie offenbar, nicht zuhört? Geht das wirklich über Ihren Horizont hinaus?

»Bei Hünniger schienen Hopfen und Malz zunächst ziemlich verloren. Der Gedanke, dass Nicht-Wählen sie für die Politik erst wirklich irrelevant macht, schien ihr fremd. Stattdessen beschwerte sie sich darüber, dass die Themen, die „uns betreffen“, im Wahlkampf nicht stattfänden. Hajo Schumacher erklärte ihr dann, dass das sehr wohl der Fall sei. Die Krankenversicherung oder die Euro-Rettung beispielsweise.«

Wie bitte? Was kann die junge Generation denn für den selbstgemachten Ausverkauf unseres Gesundheitssystems, den wir verbockt haben? Was für das heutige, auf Gewinnmaximierung, Börsen und Ratingfirmen basierende Wirtschaftssystem, das als Einziges zustande gebracht hat, dass es nur noch extrem Reiche und extrem Arme gibt, aber nichts mehr dazwischen? Wenn beides korrigiert wird, ist das das Mindeste, was wir für unsere Nachkommen tun können: unsere Fehler korrigieren! Das sollten wir schnell, schweigend und in tiefer Demut tun und nicht das arrogante Lippenbekenntnis, es zu tun, als vermeintlichen Beweis heranziehen, wie sehr wir uns doch um unsere Nachrückenden kümmerten. Lächerlich! Das erinnert mich an das Münchhausen-Syndrom, eine psychischen Störung, bei der der Betroffene Beschwerden selbst hervorruft, um sie dann dramatisch zu präsentieren…

»Hünniger aber blieb stur, es müsse wieder mehr um die „Zukunft“ gehen, da hätte keine Partei ein schlüssiges Konzept. „Vielleicht gibt es keine schlüssigen Zukunftskonzepte“, sagte Schumacher ziemlich einfühlsam, geradezu bemüht verständnisvoll.«

Schuhmacher einfühlsam, bemüht verständnisvoll? Habe ich einen anderen Beitrag gesehen? Kein schlüssiges Zukunftskonzept? Uns regieren also Menschen ohne schlüssiges Zukunftskonzept? Ich hatte es bislang angenommen, so wie sich unsere Gesellschaft entwickelt hat! Aber nun weiß ich es, da von Schuhmacher aus berufenem Munde mitgeteilt.

»Roland Tichy war weniger feinfühlig. „Ich find das ein bisschen weinerlich“, befand er, nachdem Hünniger länger geschildert hatte, wie wenig animiert sie sich durch die Politik fühle. Auch das Verständnis von Franziska Augstein bewegte sich in engen Grenzen: Das sei hier doch kein „Disney-Film“.«

Was hat Augstein gegen Disney? Vielleicht sollte sie einmal googeln, was für Filme, von Komödie über Drama, SciFi, Western bis hin zu Fantasy von Disney produziert wurden. Und Dokus! Manche realistischer als was unsere Politik so gebiert. Frau Augstein: Haben Sie vergessen, wofür Ihr Vater ins Gefängnis gegangen ist? Falls ja: Für die Machenschaften der Politik! War die Situation damals weniger Disney-like als heute?

Das Resümee: »Insgesamt sprang die Runde aber echt nett mit Hünniger um. Und das, obwohl sie sich über den „unglaublichen Dünkel von älteren Leuten“ beschwerte, die ihr vorhielten, sie müsse an der Demokratie teilnehmen. Sie inhaltlich bloßzustellen wäre wohl jedem Einzelnen ein Leichtes gewesen. Denn natürlich muss sich niemand, der sich selbst als „politisch sehr gebildet“ begreift, an der Demokratie beteiligen. Nur wie sich ebendiese Demokratie dadurch zum Besseren wandeln soll, bleibt eine offene Frage. Das dämmerte irgendwann im Verlauf der Sendung wohl auch der erklärten Wahlgegnerin.« Wenn sich der Autor des Artikels, Sebastian Pfeffer, da nur nicht täuscht!

Wie „echt nett“ die Runde mit Hünniger tatsächlich umsprang, sieht man daran: »Jörg Quoos hatte ihr nämlich vorgeschlagen, selbst eine Partei zu gründen. „Ich werde jetzt darüber nachdenken“, sagte Hünniger gegen Ende. Na immerhin. Und damit es beim nächsten Mal vielleicht sogar mit dem Wählen klappt – auch wenn sie gerade nicht in Berlin ist –, hatte Hajo Schumacher noch einen Tipp parat: Briefwahl. Das sei wie Facebook, „nur ohne Papier“.« Lieber Herr Schuhmacher, Facebook ist ohne Papier, eine Briefwahl mit! Oder sollte Pfeffer da etwas verwechselt haben? Übrigens: Pfeffer, der Schuhmacher so in Schutz nimmt, ist Kollege von Schuhmacher. Der nämlich schreibt auch für Die Welt…

»Wer bislang stolzer Nicht-Wähler war, dem sollte diese Sendung eine Lehre gewesen sein.« Sebastian Pfeffer.

Da ist er wieder, der arrogante, besserwisserische Hammer der herrschenden Gesellschaft in Form seiner meinungsbildenden Organe, hier: Die Welt. Wer sich so herablassend mit der jungen Generation auseinandersetzt, darf sich nicht wundern, wenn die sich abkoppelt: »Für uns wird sich nichts ändern. Das finde ich erschreckend.«. Andrea Hünniger.

 Die Macht der Digital Natives

Exakt in diesem Moment entstand bei mir das Bild der Schattengesellschaft: Sie überließ den Silberrücken die Bühne und zog sich vordergründig zurück – so konnte man den Eindruck haben, so hatte Pfeffer offenbar den Eindruck. Wer aber versucht, sich den Digital Natives ein wenig zu nähern, weiß, wie naiv diese Annahme wäre. Sie sind es bloß leid, in aller Öffentlichkeit als kleine Dummies hingestellt zu werden, sich dauernd rechtfertigen und beschimpfen lassen zu müssen. Die Reaktion erfolgte, wie für diese Generation üblich, nicht in den von meiner Generation dominierten Medien Fernsehen und Zeitung, sondern im Medium, was untrennbar mit den Digital Natives verbunden ist. In Form von Blogs, z.B. Und da wenige aus meiner Generation hauptsächlich aus Unwissenheit und Ignoranz die Blogs der Jungen lesen, blieb es weitgehend unbemerkt. Wie so Vieles.

So mag manch einer ihr Verhalten als Schwäche empfunden und sich, je nach Einstellung, gefreut oder geärgert haben. Ich hatte einen anderen Eindruck. Möglicherweise interpretiere ich nun zu viel in ihr damaliges Verhalten. Aber mir schien sie nonverbal zu kommunizieren: Genieße es, alter Mann! Du hast dein Leben hinter dir, ich vor mir. Ich habe Zeit, du nicht. Und genau das ist der Eindruck, den ich von unserer Schattengesellschaft heute habe. Sie wartet nur geduldig darauf, uns abzulösen. Um es dann offen so zu machen, wie sie es für richtig hält und heute schon im Verborgenen tut. Ob das jedem von uns recht sein kann, steht in den Sternen. Vielleicht einmal sogar Herrn Schuhmacher nicht.

Dieses Abwarten erfolgt nicht überall, wie sich am Arabischen Frühling zeigt. Dort und in andern Ländern hat die junge Generation sehr selbstbewusst gezeigt, wozu sie fähig ist, wenn man sie dazu zwingt. Und das länderübergreifend. Vor Ort können sich die Agierenden der Unterstützung ihrer Altersgenossen weltweit sicher sein. Nicht nur psychologisch, häufig auch sehr konkret physisch, ohne dass Waffen oder Geld im Spiel sein müssen. Diese offen gezeigte Unterstützung ist manchmal wichtiger als die finanzielle – oder sogar die kämpferische.

Da ändert ein Musiker aus Konstanz, unterwegs mit seinem Flügel, spontan die Rückreiseroute von einer Tingel-Tour und fährt nach Istanbul auf den Taksim-Platz, um die bis zum Zerreißen angespannte Lage zwischen Polizei und Demonstranten durchaus mit dem Risiko, selbst körperlichen Schaden zu erleiden, zu entschärfen. Er spielt John Lennons „Imagine”. Und siehe da, Demonstranten wie Polizei lauschen ihm, die Situation entspannte sich. Lange hat dieser Zustand leider nicht angehalten. Was aber, wäre ihm ein Saxophonist gefolgt, der Paul McCartneys „Let It Be” gespielt hätte? Und so weiter.

Man mag nun auf die Solidarität meiner Generation hinweisen, als es in den 80er Jahren in Polen und der DDR darum ging, gesellschaftliche Änderungen vorzunehmen. Nur damals ist es bei schönen Worten und einer guten Presse hier im Westen geblieben, die Leute dort waren auf sich selbst angewiesen. Kein Musiker ist nach Ost-Berlin gereist, als die Russen dort am 17. Juni 1953 die Proteste und Demonstrationen mit Panzern blutig niederwalzten! Gut, damals lagen meine Generationskollegen noch alle in den Windeln. Nur wo waren sie 1968 im Prager Frühling, als die Sowjetunion zum dritten Male Proteste und Demonstrationen blutig niederzuschlagen bereit war? Und das ist heute anders. Es ist auch mehr, als wir auf die Beine gestellt hatten, als es um Vietnam ging: Solidarität durch Demonstration. Fakten geschaffen, wie die junge Generation, vor allem in unterdrückten Staaten heute, haben wir nicht.

Das soll unsere damaligen Handlungen nicht klein reden: Damals ging eben nicht mehr. Aber es soll zeigen, dass heute nicht weniger, vielleicht sogar eher mehr abläuft. Und die wenigsten von uns merken das. Wenn, dann nur, wenn’s so brisant wird, das es wie das Klavierkonzert in unseren Medien kommuniziert wird – also in der Regel viel später als in den Medien der jungen Generation. Und wir sitzen dann passiv auf dem Sofa vor dem Fernsehsessel und staunen oder schimpfen.

©  Foto Lupo  / pixelio.de

 

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