Nervendes

Ich denke ja gar nicht daran, Du Krüppel!

30. Oktober 2014

Behindert – ja, aber wer?

Am Flughafen gibt es, in unmittelbarer Nähe zu den Ausgängen in das Flughafengebäude, Plätze in den Parkhäusern, die für Schwerbehinderte reserviert sind. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass z. B. eine Rampe auf die Gehbereiche führt, diese breit genug sind, dass ein Gehbehinderter seinen Rollstuhl problemlos nutzen kann und so direkten Zugang zum Flughafenterminal hat.

Diese Vorteile sind natürlich auch für andere äußerst interessant. Wir sind ja alle sehr bequem geworden. Daher werden diese reservierten Plätze, die, nebenbei bemerkt, auch deutlichst als solche gekennzeichnet sind, praktisch immer besetzt. Nur nicht mit Fahrzeugen von Behinderten!

 

Vom Sonnenschein, …

Ich habe mich über diese Gefühlskälte schon häufig geärgert. Kürzlich aber wurde ich zufällig Zeuge einer Szene, die für uns Deutsche leider sehr typisch ist, und die meinen Ärger – nun sagen wir mal: nicht gerade kleiner werden lässt.

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen war ein solcher reservierter Platz leer. Und das vormittags um 10.30 Uhr! Aber nicht lange, denn so etwas darf einfach nicht sein. Es näherte sich ein Fahrzeug eines süddeutschen Automobilherstellers, das sich durch eine gewisse Exklusivität auszeichnet und diese auch stolz auf der Kühlerhaube präsentiert: „Zu Wasser, zu Lande und in der Luft“. Der Fahrer sah den Parkplatz und rangierte sein Fahrzeug trotz des erheblichen Platzes, der zur Verfügung stand, etwas ungelenk und schwerfällig hinein.

Ja, der Fahrer war offensichtlich schwerstbehindert. Er muss wohl an einer besonders schweren, chronischen und therapieresistenten Hypervorandose, also einer massiven Überfunktion seiner Glandula voranda major, der Großen Fressdrüse, gelitten haben (glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich rede!), denn selbst bei maximal geöffneter Fahrertür konnte er den Fahrersitz nur schwer verlassen. Er bot einen erbarmungswürdigen Anblick, schwitzte, was das Zeug hielt und japste nach Luft.

Ich war geneigt, ihm meine Hilfe anzubieten, ja sah mich schon bei wiederbelebenden Maßnahmen. Verständlich also, dass er diesen Parkplatz nutzen wollte, denn in einem normal dimensionierten hätte er die Tür nicht weit genug öffnen können, um seine Körpermasse aus dem entstehenden Spalt quetschen zu können. Dies vor allem, da sein Fahrzeug nicht zu den schmalsten gehörte.

Nun aber geschah dummerweise das Unwahrscheinliche. Es näherte sich ein anderes Fahrzeug. Keine Nobelklasse, ein einfacher Mittelklassewagen. Der Fahrer hielt an und beobachtete eine Weile, wie unser armer Mitmensch unter Aufbietung der letzten Kraftreserven eine der schicken, kleinen Managertäschchen aus dem Kofferraum wuchtete, bei denen mir nicht klar ist, warum die als Handgepäck durchgehen.

»Verzeihen Sie bitte, haben Sie einen Ausweis für Behinderte?«, fragte der Fahrer des Mittelklassewagens durch die geöffnete Seitenscheibe. Zunächst stutze ich, denn ich hätte einfach gefragt „Verzeihen Sie bitte, sind Sie auch behindert?“ Aber sogleich wurden mir zwei Dinge klar: Erstens war unser Sonnenschein ja behindert, sogar schwerstbehindert, das sah man überdeutlich. Und zweitens: Man kann behindert sein, ohne einen Behindertenausweis zu haben. So ist man auch behindert, wenn man nach durchzechter Nacht einen Kopf hat, der jedem Heißluftballon Ehre machen würde. Oder wenn die Anabolika in den Muckibuden dafür gesorgt haben, dass man vor Kraft nicht mehr laufen kann.

Oder wenn die Absätze mancher potentieller Paarungspartner Dimensionen erreicht haben, dass es schon erheblicher Mühen und ausgeklügelter Balanceakte auf zwei Punkten, dem Großen Zeh und dem zur Nadel verlängertem Unterschenkel namens High-Heel- oder, älter, Pfennig-Absatz, bedarf, um die Physik Lügen zu strafen. Über all diese Behinderungen sollte man sich nicht lustig machen, da sie allesamt Grund für Wachstum, Wohlstand und eine florierende Wirtschaft sind (Orthopäden, Internisten, Pharmaindustrie, Apotheken, Fitnessstudios, Schuhdesigner, Schuhhändler und Schuster etc.), damit uns allen – auch Ihnen! – zugutekommen und wir uns damit überhaupt erst finanziell erlauben können, Behindertenparkplätze einzurichten.

Das aber ist das Dilemma. Denn Anspruch auf den Parkplatz haben nur Mitmenschen mit Behindertenausweis, und den stellen unsere in diesem Punkt sehr peniblen, engstirnigen und pedantischen Mitarbeiter in den zuständigen Behörden den oben genannten Personengruppen aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht aus.

Der Rollstuhlfahrer im Mittelklassewagen schien diese Problematik offensichtlich schon mehrmals diskutiert zu haben, denn er bleib sehr ruhig.
»Wieso?«, keuchte Sonnenscheinchen.
»Weil Sie auf einem Parkplatz stehen, der Inhabern eines Behindertenausweises reserviert ist.«
»Na und?«
»Ich bin Rollstuhlfahrer. Falls Sie also keinen Ausweis haben, möchte ich Sie bitten, den Parkplatz für mich frei zu machen, denn ich habe einen.«

Stimmte. In der Windschutzscheibe des Mittelklassewagens prangerte deutlich der blau-weiße Ausweis, und, wie sich später herausstellte, auch an Front- und Heckstoßstange klebten entsprechende Aufkleber. Nicht so in und an der Nobelkarosse.
»Ich denke ja gar nicht daran, Du Krüppel!«, sagte der und trippelte, ziemlich am Ende seiner Kräfte, keuchend, sabbernd und einem Herzinfarkt bedenklich nahe in Richtung Flugsteig. Ich vermute, er musste noch das Hemd wechseln, nachdem er die Passkontrolle passiert hatte.

Ja, ich bin ein Sensibelchen! Mir schossen die Tränen in die Augen. Ich stand ein paar Sekunden regungslos in der Landschaft und war unfähig, mich zu bewegen. Nachdem ich meine Fassung einigermaßen wieder gewonnen hatte, ging ich zum Mittelklassewagen.
»Kann ich Ihnen helfen? Ich bin eben Zeuge geworden und möchte mich für den Herrn in aller Form entschuldigen.«
»Brauchen Sie nicht, ich bin das gewöhnt. Sie können doch nichts dafür.«

Die Stimme klang in der Tat so, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt. Vor meinem geistigen Auge erschienen Bilder aus Amerika. Dort ist nicht nur verpönt, sich auf Behindertenparkplätze zu stellen, es ist sogar strafbar. Und es tut auch von sich aus keiner! Ganz im Gegenteil: Behinderte Mitbürger werden dort sehr zuvorkommend behandelt. Von jedermann. Ganz zu schweigen davon, dass sie, anders als bei uns, ein integrierter Bestandteil des täglichen Lebens sind. Wo immer möglich, ob in state parks, in malls, in amusement parks, an vista points, im fast food restaurant, und eben auch an Flugplätzen, wo immer Sie also wollen, wird Rücksicht auf die eingeschränkten Fähigkeiten behinderter Menschen genommen. Eine Szene wie diese käme in den USA nicht vor.

Ich weiß nicht, ob das immer schon so war, oder ob nicht drakonische Strafen, wie sie in den USA leicht und schnell anfallen können, über Jahre hinweg dazu geführt haben, dass das niemand macht. Denn dieser Altruismus Behinderten gegenüber ist nicht unbedingt typisch für die amerikanische Gesellschaft, die es gewohnt ist, Ellenbogen einzusetzen. Nur – selbst wenn dem so wäre, hätten die Strafen offensichtlich das bewirkt, was sie sollen. Im Gegensatz zu unserer Gesellschaft!

»Vielleicht können Sie hier aus dem Auto aussteigen, ich könnte es dann für Sie in eine andere Parklücke einparken«, schlug ich vor.
»Nein, das ist keine gute Idee. Wenn ich dann spät abends wiederkomme und niemand da ist, der mir helfen könnte, habe ich keine Chance mehr, in das Auto zu kommen.«
»Und was machen Sie nun?«
»Zunächst einmal weiter suchen, vielleicht habe ich ja woanders Glück.«
»Und wenn nicht?«
»Dann muss ich mir etwas überlegen.«
»Soll ich die Aufsicht holen?« Ich war, ehrlich gesagt, ein wenig ratlos, was zu tun sei.
»Nein, die helfen mir ja doch nicht.«

Sprach’s, winkte mir freundlich zu und gab Gas.
»Trotzdem danke.«

 

… sexuellen Praktiken …

›Die helfen mir ja doch nicht.‹ echote mein Hirn immer wieder. Ja, das stimmte. Eines Tages war ich beim Einkaufen in einem dieser großen Einkaufstempel am Rande der Stadt gewesen. Sie kennen sie. Auch hier eine ähnliche Situation. Alle Behindertenparkplätze direkt vor dem Eingang voll, ausgiebig genutzt von hirnlosen Jungerwachsenen mit ihren Kultautos eines bestimmten Herstellers, aufgemotzt nicht nur mit Stereoanlagen, deren Schalldruck die Höchstgeschwindigkeit des Autos ins Gigantische erhöhen musste. Aber auch andere Fahrer schienen für diese Plätze eine Vorliebe zu haben. Auch hier stellte ich fest, dass vor allem die Fahrer einiger deutscher Nobelmarken die Sonder- und Standrechte bereits beim Entrichten des Kaufpreises des Autos erworben hatten. Für alle Ewigkeiten.

Auch in diesem Fall versuchte ein Gehbehinderter verzweifelt, einen dieser bevorzugten Parkplätze zu bekommen. Er war offensichtlich nicht rollstuhlabhängig, man sah aber ganz deutlich die Krücken im Fond. Keine Chance. Er wartete geduldig. Offensichtlich so lange, wie ich zum Einkaufen brauchte. Denn als ich das Zentrum verließ, stand sein Auto immer noch in zweiter Reihe. In diesem Moment parkte ein Auto aus. Der Behinderte merkte dies, startete das Auto und wollte rückwärts in die frei gewordene Parklücke fahren. Denkste! Mit quietschenden Reifen, untermalt von den Bässen einer am Anschlag aufgedrehten Stereoanlage schoss eines dieser Kult-Monster gezielt zwischen die Nachbarautos. Ganz cool stieg ein Möchtegern-Schumacher aus, grinste überlegen in Richtung Behindertenfahrzeug und ging provokativ langsam, ganz locker und seiner Bedeutung bewusst um das Heck seines Fahrzeuges herum, um seine ebenfalls ausgestiegene Freundin eindeutig zweideutig zu befummeln. Beide konnten nicht wesentlich älter als 18 Jahre alt sein.

»Finden Sie das OK?«, ich musste mich einfach einmischen!
»Klar!«, kam die Antwort zwischen Kaugummis hervor gequetscht. »Is affengeil!« Seine Flamme himmelte ihn an und kicherte.
»Und der andere?«
»Was geht’s Dich an?«

Ja, was ging es eigentlich mich an? Ich wurde unsicher. Ich schaute in Richtung Behinderten. Der hatte seelenruhig den Motor wieder abgestellt und wartete. ›Das geht dich etwas an‹, dachte ich.
»Es geht mich etwas an«, antwortete ich daher.
»Fick Dich ins Knie!«

Er musste wohl seiner blonden Schönheit imponieren. Dafür hatte ich durchaus Verständnis. Doch machte mich etwas betroffen, wie schlecht die Allgemeinbildung, die man an deutschen Schulen heutzutage erhält, sein muss. Denn von biologischen und medizinischen Grundkenntnissen hatte er offensichtlich sehr wenig mitbekommen. Auch Blondchen schien mangels Informationen nichts aufzufallen.

So erfüllen weder mein linkes noch mein rechtes Knie die anatomischen Voraussetzungen: Nirgends an beiden Stellen sind bei mir Öffnungen vorhanden, die ich hätte nutzen können, um seiner Aufforderung nachzukommen. Auch erschienen mir die erforderlichen Winkel und auftretenden Strecken sehr irreal und nicht besonders gut dafür geeignet, seinem Vorschlag zu folgen. Könnte ein wenig mehr Erfahrung in Kamasutra helfen? Ich äußerte ihm gegenüber meine Bedenken und mein Bedauern, dass ich mich aus besagten Gründen nicht in der Lage sähe, zu tun wie geheißen. Verzweifelt wegen meiner Unfähigkeit bat ich ihn, mir doch zu zeigen, wie das geht.

»Wenn Du Prügel willst, hol’ sie Dir jetzt ab!« Grinsend gingen beide zum Pommes-Frites-Stand, der vor dem Einkaufszentrum aufgestellt war. Blondchen warf mir noch den Blick des Triumphators beim feierlichen Einmarsch der siegreichen Heere ins Alte Rom zu, himmelte in Richtung Verbal-Rambo und stöckelte umknickend an seiner Seite ab. Vorhang. Ende der Vorstellung. Ab diesem Zeitpunkt war ich Luft.

Die Jugend kann einem schon leidtun. Nicht nur, dass wir, die Eltern und Lehrer, sie in den letzten Jahren offensichtlich daran gehindert haben, sich grundlegende Kenntnisse in Biologie und Sexualkunde anzueignen – ich wäre in seinem Alter aufgrund der damaligen, spätestens im Fach „Sexualkunde“ vermittelten Erkenntnisse niemals auf die Idee gekommen, sexuelle Bedürfnisse auf diese Weise befriedigen zu wollen. Wir haben sie durch den Zwang zu Discobesuchen und Auto-Stereoanlagen, die denen bei Open-Air-Konzerten verschiedener Rockgruppen in Fußballstadien alle Ehre machen würden, auch noch um die Hörfähigkeit gebracht. Denn ich hatte nicht um Prügel gebeten, sondern um Aufklärung darüber, wie ich mir „ins Knie ficken“ kann. Ja, ich gestehe es ein: Ich dachte mir, vielleicht entgeht einem ja tatsächlich etwas, wenn man diese sexuelle Praxis nicht kennt.

Was mich dann beim folgenden Nachdenken noch ein wenig mehr betroffen machte, ist, dass es sich offensichtlich um eine Praxis handelt, die man alleine betreibt oder zumindest betreiben kann. Denn er sagte ausdrücklich: „Fick Dich ins Knie“, nicht „Fick Deine Partnerin ins Knie“ oder zumindest „Fick jemanden ins Knie“, was zwar aufgrund der anatomischen Voraussetzungen bei meiner Frau oder einem anderen potentiellen sexuellen Partner, er konnte ja nicht wissen, wie meine Vorlieben in dieser Richtung sind, auch nicht möglich gewesen wäre, immerhin jedoch das Problem mit den Winkeln und Strecken gelöst hätte.

Bedenklich war für mich auch, dass die Nutzung solcher Praktiken die Menschen nur noch mehr vereinsamen lässt – mit Konsequenzen. Soll heißen: Welchen Grund haben Jugendliche und Jungerwachsene heute eigentlich, unter Menschen zu gehen? Pizza kann man sich via Internet ins Haus bringen lassen, gezahlt wird per Telefonbanking oder Kreditkarte und den Zeitvertreib holt man sich via Kabel und T-Home an den heimischen Bildschirm. Da man mit der Knie-Methode offenbar auch sexuelle Bedürfnisse schnell, sauber und zufriedenstellend befriedigen kann, entfällt eine weitere Notwendigkeit, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen – Blondchen sollte auf der Hut sein. Sehr bedenkliche Entwicklung für die Gesellschaft, es sei denn, die Knie-Methode führt in den Fällen, in denen man nicht safer sex betreibt, also verhütet, zu Knie-Schwangerschaften. Orthopädische Parthenogenese.

Doch wozu, wenn es nur um die eigene Begattung geht, safer sex? Mit Gummi? Rennen wir als Konsequenz demnächst alle mit schwangeren Knien herum? Und noch wichtiger: Was tun die armen weiblichen Wesen, die sich schon allein deshalb nicht ins Knie ficken können, weil ihnen dazu etwas fehlt? Müssen die dann Dildos bemühen? Und was ist bei ihnen mit Parthenogenese?

Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich! Vor lauter Angst um meine Rente, Wissensdurst nach neuen Methoden der Selbstverwirklichung und Bedauern für meine jüngeren Mitmenschen hatte ich fast vergessen, was der eigentliche Anlass war, der mich nun in tiefe Depressionen stürzte. Ach ja: Behindertenparkplatz.

›Was tust Du nun?‹, dachte ich. Ich war mir unschlüssig. In eine weitere Diskussion mit Jung-Schumi wollte ich nicht treten. Aus reinem Selbstschutz! Denn was man nicht kennt, vermisst man auch nicht. Und man weiß ja nicht, welche Praktiken die Jugend von heute noch so drauf hat … Petting mit dem Zäpfchen? Wäre eine plausible Erklärung für das Zungenpiercing, das sich in gewissen Bereichen breit gemacht hat.

Irgendwie war die Sache für mich jedoch noch unbefriedigend, irgendwie fühlte ich mich verpflichtet, meinem sozialen Gewissen noch etwas zu folgen. Auf der einen Seite wollte ich wahrlich kein Denunziant sein. Auf der anderen Seite konnte ich aber auch nicht tatenlos zusehen, wie Menschen vergewaltigt werden – schleichend, zunehmend und von Menschen, die erst einmal lernen müssen, dass die Welt nicht nur für sie da ist. Letzteres wog schwerer. Also ging ich zur Aufsicht und schilderte ihr die Szene, die ich beobachtet hatte.

»Geht mich nichts an!«, war die lapidare Antwort.
»Geht Sie wohl etwas an«, konterte ich. »Sie haben schließlich die Parkplätze für Behinderte reserviert.«
»Nö, ich nicht.«
»Nein, Sie nicht persönlich. Aber Ihr Brötchengeber.«
»Dann beschweren Sie sich doch bei dem.«

Der Filialleiter erklärte mir deutlich, dass er Wichtigeres zu tun hätte, als dauernd auf die rechtmäßige Nutzung der Behindertenplätze zu achten.
»Wozu weisen Sie sie dann als solche aus? Als Alibi?«
»Wollen Sie mir etwas unterstellen?« Die Stimme wurde aggressiv.
»Nein. Ich frage mich nur, in welcher verlogenen Gesellschaft ich lebe!« Mit diesen Worten ließ ich ihn stehen. Es war nichts zu machen.

Draußen war in der Zwischenzeit ein Polizeiauto vorgefahren. Einer der Beamten notierte die Kennzeichen von ein paar Autos, die auf den Zu- und Abfahrtswegen unvorschriftsmäßig parkten. Sie kennen das. Der andere saß gelangweilt hinter dem Steuer. Ich ging zu ihm und schilderte, was ich erlebt hatte.

»Da kann ich nichts machen, das ist Privatgrund. Hier können wir nicht aktiv werden.« Ich konnte nicht entscheiden, ob der Unterton in der Antwort Desinteresse oder Widerwillen ausdrücken sollte.
»Ja aber sie schreiben doch die anderen Autos auf.« Ich verstand das nicht.
»Richtig.«
»Bei denen dürfen Sie aktiv werden? Das verstehe ich nicht.«
»Es geht Sie zwar nichts an, …« Komisch. Immer wenn es unbequem wird, geht es einen nichts mehr an! »… aber wir wurden gerufen, um die Fahrer der Fahrzeuge zu ermitteln, die hier schon seit Stunden im Halteverbot stehen.«
»Ist das Parken von Nicht-Behinderten auf Behindertenparkplätzen nicht auch zumindest eine Ordnungswidrigkeit?«, fragte ich erstaunt.
»Nein, das ist hier Privatbesitz!« Meine Penetranz nervte den Beamten offenbar ungemein. »Wenn Sie sich beschweren wollen, dann gehen Sie doch zum Hausherren des Grundstückes.«
»Von da komme ich doch eben. Den interessiert das nicht.«
»Na sehen Sie. Was also hat das uns zu interessieren?«

Ich gab auf! Ich hatte zwar noch einige Gedanken im Kopf. Solche wie „Öffentliches Interesse“, auf das sich Staatsanwälte und Richter ja gerne zurückziehen, um Schnellfahrer aburteilen oder aburteilen lassen zu können. Oder „Solidargemeinschaft“. Oder beides! Chance vertan: Hier hätte man öffentliches Interesse demonstrieren können. Oder eine gelebte Solidargemeinschaft. Oder beides.

 

… und ein Schwan

Der Laden, in dem ich die Dinge zur Befriedigung der Bedürfnisse des täglichen Lebens (nicht meiner sexuellen!) besorge, wenn ich aus purer Faulheit nicht die Tempel am Rande der Stadt aufsuche, liegt in einer Passage. Diese hat, wie bei Passagen häufig so anzutreffen, vorne und hinten einen Ein- bzw. Ausgang – je nachdem woher man gerade kommt. Parallel zu dieser Passage führt die Straße, und an dieser Straße liegen Parkplätze, die, weil das ganze Ensemble Teil eines „Einkaufs- und Geschäftszentrums“ ist, praktisch immer belegt sind.

Aber es gibt großzügig dimensionierte Parkhäuser. Diese haben jedoch gegenüber den Parkplätzen auf der Straße den Nachteil, dass man dafür etwas bezahlen und ein paar Schritte gehen muss. Nicht viel zwar (ich meine beides: Geld und Distanz), aber offensichtlich immer noch zu viel! Denn es scheint vielen Zeitgenossen weniger Umstände zu bereiten, sich in zweiter oder dritter Reihe vor die wenigen legalen Parkplätze auf der Straße zu stellen und ggf. ein saftiges Ticket zu bekommen, als die paar Schritte ins Parkhaus zu gehen.

Dementsprechend sind auch regelmäßig alle Feuerwehrzufahrten zu- und die Einfahrten in die Parkhäuser halbzugeparkt, was dazu führt, dass man schon ein wenig Auto fahren können muss, um diese benutzen zu können – vielleicht ist ja auch genau das der Grund für die Parkhausphobie meiner Mitmenschen: mangelndes Fahrvermögen. Kurzum: Für Politessen ist dies ein wahrer Garten Eden, und die Gemeinde freut sich ob der reichlichen Mittel, die da fließen. Diese könnten zwar noch weitaus größer sein, doch leider kann eine Politesse nur eine begrenzte Anzahl von Autos pro Minute aufschreiben. Und aus Gründen der Wahrung des Gleichbehandlungsprinzips darf sie nicht lokal tätig werden, sondern muss zumindest in gewissen Umfang auch andere Stellen besuchen. Vielleicht sollte sich die Gemeinde einmal überlegen, ob nicht das Geld für eine zweite Politesse, ja gar für drei oder vier, schnell wieder hereingeholt wäre. Aber lassen wir das.

Und nun raten sie einmal, was mit den wenigen Behindertenparkplätzen vor einem der Eingänge in die Passage los ist. Richtig!

Neulich wollte ich ’mal wieder einkaufen. Als ich, um ins Parkhaus zu fahren, die Straße mit den Parkplätzen hinunterfuhr, geschah das Unglaubliche: Ein Parkplatz war leer! Das war mein Glückstag – denn auch ich hab’s lieber bequem. Daher nichts wie rein in die Parklücke, bevor noch jemand anderes kam: Um freie Parkplätze kann es schon mal bittere Revierkämpfe geben, männliche Autofahrer haben durchaus die gleichen Verhaltensschemata drauf wie Gorillas im Kampf um den Harem! Und ich warne jeden ausdrücklich davor, sich in so einen Haremskampf einzumischen. Das kann tödlich enden.

Ich stieg aus und ging in Richtung Eingang zur Passage. Als ich zu diesem Zwecke die Straße bereits dreiviertel überquert hatte, schoss ein Cabrio eines süddeutschen Herstellers, wir kennen die Marke schon von weiter oben, knapp an mir vorbei auf den letzten Behindertenparkplatz, der – welch ein Zufall, was war los? – auch noch frei war. Sah schon schnieke aus, das Geschoss. Gefahren wurde es von einer jener weiblichen Mitglieder aus der immer Partys feiernden Schicht, für die die Stadt, in der ich zur Zeit wohne, berühmt ist. Sah auch nicht schlecht aus! Als die Highheels im Minirock und knappem Top sich aus ihrer 400-PS-Verschalung gelöst hatten, bemerkten sie meinen Blick auf sich gerichtet. Reflexartig und wie auf Knopfdruck nahmen alle Gelenke die in langen Jahren vor dem Spiegel eintrainierten Winkel ein, reckten sich alle runden und durch Nachhilfe noch runder gewordenen Formen in die aufwendig herausgefundenen, optimalen, vordefinierten Richtungen und rückten alle Züge im Gesicht in die ihnen zugewiesenen, in langwieriger und mühseliger Arbeit erarbeiteten und mit Skalpell und Giftspritzen begradigten Abstellgleise ein. Jeder balzende Pfau wäre vor Neid erblasst. Ja, man war sich seiner vermeintlichen Wirkung voll bewusst.

War nur Wunsch Vater des Gedankens oder war es tatsächlich so – ich glaubte bemerkt zu haben, dass Luft aus dem perfekt in Pose gesetzten Körper entwich, als dieser bemerkte, dass mein Blick nicht auf ihm ruhte und kein Anlass zur Sorge um meinen Blutdruck bestand sondern meine Augen zwischen diesem Bündel von Minderwertigkeitskomplexen (anders lässt sich meiner Meinung nach diese allgegenwärtige Gier nach Aufmerksamkeit nicht erklären!) und dem Schild hin und her wanderten, das diesen Parkplatz als für Behinderte reserviert auswies – genau wie bei dem alternden Gigolo in der Werbung, nachdem die jungen Mädchen am Strand an ihm vorbeigegangen waren, ohne ihm die erwünschte Aufmerksamkeit zu schenken. Ich gebe es zu: Mich interessierte nicht dieses Möchtegern-Sexsymbol, sondern vielmehr brennend, an welchem Typ von Behinderung es litt.

Es bedurfte keines Wortes, wir verstanden uns spontan und blindlings! Um mir zu zeigen, dass Mrs. Highheel (Miss war sie wohl aus Gründen nicht mehr, die wenig schmeichelhaft sind – ich bin Gentleman – und die hier darzustellen zu weit führen würde) ernsthaft behindert und daher überhaupt nicht daran zu denken war, dass man vielleicht doch eine andere Parkgelegenheit suchen könnte oder sollte, Bemerkungen in diese Richtung also absolut zwecklos wären, humpelte sie in einer Weise über die Straße in Richtung Sparkasse, dass einem schon die Tränen vor Mitleid in die Augen schießen konnten. Es bot sich mir das Bild eines sterbenden Schwans, der sich bereits kaum noch auf den Beinen halten konnte. Mitleid empfand ich auch aus einem anderen Grund: Das Humpeln wollte so gar nicht zu den Mörderstilettos und dem mühsam eintrainierten Bewegungsablauf passen, der wohl üblicherweise dem in Szene gesetzten Aussteigen folgte, weshalb die ganze Situation immer lächerlicher wurde. Aus dem Schwan wurde zusehends ein hässliches Entchen in Entscheidungsnot: Humpeln, um die Belegung eines Behindertenparkplatzes vermeintlich zu rechtfertigen oder stöckeln, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Welch ein Dilemma. Sie tat mir wirklich leid. Das Leben kann schon grausam sein. Und die Männer, zumindest einige, zumindest ich!

Ich merkte, wie sie – auf der anderen Straßenseite – regelmäßig zu mir blickte. Nein, lieber Leser, nicht weil ich ein besonders gelungenes und attraktives Exemplar der Gattung „Mann“ bin. (Man sollte schon seine Grenzen kennen). Grübelnd, ob diese schwere Behinderung vielleicht Folge falschen Schuhwerks gewesen sein könnte, betrat ich die Passage, nicht ohne sie grinsend bis über beide Ohren am anderen Ende wieder zu verlassen. Denn ich wusste, was mich erwartete.

Mrs. Highheel war offensichtlich nicht auf die Idee gekommen, dass die Passage neben einem Ein- auch einen Ausgang hatte …

Erschwerend und für sie unglücklicherweise kam hinzu, dass ich heute ausnahmsweise nicht zum Bäcker, Metzger oder Lebensmittel- sondern zum Blumenladen wollte, um meiner Frau ’mal wieder eine Freude zu machen. Und der liegt, anders als die erstgenannten Örtlichkeiten, außerhalb der Passage. Ich bemerkte daher, dass auf den wenigen Metern, die wir keinen Blickkontakt gehabt hatten, erneut eine Metamorphose und darüber hinaus eine Spontanheilung stattgefunden haben mussten. Denn der Schwan stöckelte ohne jede Beeinträchtigung in die Schalterhalle der Sparkasse. Verständlich! Denn in der Bank waren Männer.

Nun war vermutlich ich es, der die Blicke der Passanten auf sich zog. Denn die müssen mich für verrückt gehalten haben, als ich, alleine und ohne jeglichen ersichtlichen Grund, minutenlang so lachen musste, dass mir die Tränen in die Augen schossen.

Was Menschen doch so alles tun, wenn sie’s nötig haben! Oder wenn man sie zwingt. Wie der Fahrer eines schicken Cabrios eines anderen süddeutschen Nobelmarkenherstellers, der beim Aussteigen auf meinen neugierigen und fragenden Blick spontan und ohne Aufforderung antwortete:

»Ich bin gleich wieder zurück, muss nur schnell ’was einkaufen.«

Muss ich meistens auch nur – warum sollte ich auch sonst dahin fahren? Und stelle mich trotzdem nicht auf Behindertenplätze.

Besagter Fahrer war schon bis zum Eingang der Passage gekommen, als er merkte, dass er wohl wegen seiner Zuwendung zu mir übersehen hatte, dass zwei Polizisten bereits dabei waren, Parksünder aufzuschreiben und er nun an der Reihe war. Blitzschnell war er zurück und wollte wieder ausparken. Half ihm aber nicht. Pech. Hätte sich eben nicht ewig mit mir unterhalten sondern die Zeit zum Einkaufen nutzen sollen …

»Das größte Übel, das wir unseren Mitmenschen antun können, ist nicht, sie zu hassen, sondern ihnen gegenüber gleichgültig zu sein. Das ist absolute Unmenschlichkeit.« George Bernard Shaw

 

Foto: www.pixabay.de

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