Gesellschaft

Imagine there’s no Religion

9. Januar 2015

Theorie …

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ein paar nachdenkliche aber wohlwollende Worte zum Thema Religion fallen lassen. Mein Ansatz beruhte auf sehr viel Verständnis für die Religiosität meiner Mitmenschen und sehr viel Nachsicht mit ihnen. Ich wollte versuchen, Brücken zu bauen, über die gehen kann, wer will. Und dass Religion niemals ein Grund sein darf, das passiert, was gerade passiert: Hass, der sich in unterschiedlichster Art ausdrückt. Von Terror durch Mord bis zu Terror durch Verblendung.

… und Praxis

Dann aber habe ich den Fehler gemacht, in der Timeline meines FB Accounts zu stöbern. Und dann platzte mir der  Kragen infolge der gigantischen Zunahme des Umfangs meines Halses!

Was war passiert? Da gibt es u.a. Streit darüber, welcher Vers der Bibel und/oder des Korans welche Rückschlüsse auf welches Menschenbild zulässt. Als ob in einem viele Jahrhunderte alten Buch stehen kann, wie ich mich heute verhalten soll. Und da liest man, im Zusammenhang mit Charlie Hebdo, solche Statements wie »[…] diese Organisation gegen das wichtigste Gebot des Christentums, die Nächstenliebe, verstößt«.

 

Christliche Nächstenliebe

Wie bitte? Christentum und Nächstenliebe?

Wo war christliche Nächstenliebe, als Kirchenväter und -lehrer das religiöse Frauenbild definierten? Wo war christliche Nächstenliebe, als Frauen vergewaltigt und als Hexe verbrannt wurden? Wo was christliche Nächstenliebe bei Folter und „Gottesurteilen“? Wo war christliche Nächstenliebe, als Kreuzritter raubend, vergewaltigend und brandschatzend gen Jerusalem zogen? Worin zeigte sich die christliche Nächstenliebe der Heiligen Inquisition? Wo war christliche Nächstenliebe, als Menschen wie Galileo wegen ihrer „beruflichen“ Überzeugung, nicht etwa ihres Glaubens, als Ketzer angeklagt, gefoltert und in der Regel vernichtet wurden – übrigens auch, wie Giordano Bruno zeigt, in den Reihen der Glaubenshüter?

Wo war christliche Nächstenliebe, als der 12-jährige Jakob Ruß aus Fulda, der am 10. 11. 1628 nach Folter „gestand“, an einer „Hexenausfahrt“ teilgenommen zu haben, daraufhin öffentlich und zur Freude der Gaffer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde; und dem auch sein Weinen und sein Versprechen zur „Besserung“ nichts halfen?

»Ich habe gesehen, wie ein kleiner Junge, sechs oder sieben Jahre alt, dreimal mit der Reitpeitsche über seinen nackten bloßen Kopf geschlagen wurde, ehe ich dazwischentreten konnte, weil er mir ein Glas Wasser gereicht hatte, das nicht ganz sauber war. Und solche Handlungen werden von Leuten ausgeführt und verteidigt, die vorgeben, ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben, welche an Gott glauben und welche beten, dass sein Wille auf Erden geschehe!« (Charles Darwin)

Und wer das alles abtut mit „längst überwundenen Verfehlungen früherer Jahre“: Wo war christliche Nächstenliebe, als Menschen ins KZ geschickt wurden? Wo ist christliche Nächstenliebe, wenn Waffen gesegnet werden, die andere töten? Wo ist christliche Nächstenliebe in unserer Ökonomie oder Politik – in unserer Gesellschaft? Und wie sieht bei Vielen christliche Nächstenliebe heute aus, wenn es darum geht, in Not geratenen und verfolgten Menschen anderen Glaubens zu helfen? Weihnachten, das christliche Fest der Liebe, also exakt das Fest feiern, das Nächstenliebe ausdrücken soll – und gegen Islamisierung protestieren! Ist das christliche Nächstenliebe?

Oder ist ein Christ nur einem anderen Christen gegenüber zu christlicher Nächstenliebe fähig? Nächstenliebe entspringt in unserer Gesellschaft nicht gelebter Religion!

 

Religionsfreie Nächstenliebe

Man möge doch bitte endlich aufhören, von „christlicher Nächstenliebe“ zu reden. Die gibt es schlichtweg nicht. Genauso wenig wie muslimische. Es gibt nur „Nächstenliebe“, da sie vom Einzelnen kommt – oder nicht. Ob er Christ ist, Muslim oder Atheist. Und so ist Nächstenliebe kein Zeichen von Glauben und Religion! Wer Nächstenliebe aus seiner Religion ableitet, hat keine, sondern gehorcht nur blind und brav denen, die sie predigen.

Lässt man einmal Religion außen vor und bezieht sich nicht in jedem zweiten Satz auf sie, kann man plötzlich ganz wunderbar den Nächsten lieben wie sich selbst. Denn oft erkennt man gar nicht, welche Religion er hat. Und manchmal liegt man mit Vermutungen sogar vollkommen falsch! Und dann passiert, dass eine junge Muslima ganz selbstverständlich bei den Sternsingern mitmacht! Und keinen stört’s! Das ist Nächstenliebe.

Die Grundlage des Christentums ist, ich habe das in meinem Beitrag Christismus von gestern versucht darzustellen, alles andere als menschenfreundlich und den Menschen liebend! Wie also kann eine darauf aufbauende Religion den Nächsten lieben?

Ich unterscheide sehr sauber drei Begriffe: Glaube, Religion und Kirche!

 

Glaube

Glaube ist das, was einem Menschen hilft, Dinge im Leben, die er sich nicht erklären kann, zu erklären oder Mut und Hoffnung zu finden, wenn er einmal nicht mehr weiter weiß. Glaube kann auch heißen, ein Ziel zu haben, für das zu leben sich lohnt. Glaube ist also primär etwas Gutes, Hilfreiches, da er einem Menschen hilft, sein Leben zu gewältigen, wo Vernunft nicht weiterhilft. Und nachdem jeder Mensch andere Probleme hat, ist auch der Glaube etwas höchst Individuelles. Und auf dieser, und nur dieser Ebene läuft (leider) eventuell ab, was man als Menschlichkeit und Nächstenliebe bezeichnen könnte. Weil sie aus dem Glauben an das Gute entspringt – wenn man gute Gedanken hat! Was also könnte ich gegen Glauben haben?

 

Religion

Man nimmt an, dass die Religiosität des Menschen zur Zeit der Neandertaler, also vor 120.000 Jahren begann, als er anfing, seine Verstorbenen rituell zu bestatten. Damals gab es kein Christentum und keinen Islam. Und doch scheint ein unbewusster Glaube der damaligen Menschen dazu geführt zu haben, aus ihrem Glauben heraus gemeinsame Rituale zu entwickeln, die sich dann irgendwann als „Religion“ manifestiert haben. Und so ist Religion nichts anderes, als die Strukturierung der gemeinsamen Überzeugungen von Gleichgesinnten, was ihren Glauben betrifft. Auf diese Weise ist jede Religion entstanden, auch Christentum und Islam! Und daher sind die Religionen auch teilweise so unterschiedlich. Und so war der Glaube eher da als die Religion – und nicht umgekehrt! Was also könnte ich gegen Religion haben, die auf Glauben aufbaut?

Genau diese Instrumentalisierung, die mit der Strukturierung einher geht: Es musste jemand her, der strukturierte und instrumentalisierte. Der dann gleicher war als die anderen. Der sagte, wo es hin geht – und der damit zum Beginn der Probleme wurde. Und so entstand die

 

Kirche

als abgehobene Hüterin der Religion, als „Mittler“ zwischen den Gläubigen und dem Ziel ihres Glaubens. Als Institution. Und sie pervertierte, was man an Religion eventuell gut finden könnte. Nachzulesen in den Büchern, auf die sich monotheistische Religionen beziehen: Gehorsamkeit, Gewalt, unhinterfragtes Befolgen auch der unmenschlichsten Forderungen. Geschrieben von Menschen, denen es nicht um Menschlichkeit und Nächstenliebe ging, sondern um sich. Seit 2000 Jahren (im Falle des Christentums!).

Wo ist hier Nächstenliebe? Ist es ein Zeichen von Nächstenliebe, wenn im Angesicht von Flucht und Vertreibung, von Armut und Obdachlosigkeit ein Kardinal, der ja keine Familie hat, eine 700 qm Dachterassenwohnung im Vatikan bezieht? Wenn im Angesicht von weltweitem Hunger und Elend die Kirche noch nicht einmal angeben kann, wie reich sie ist, weil sie so reich ist, dass sie entweder offenbar den Überblick verloren hat oder sich schämt, das zugeben zu müssen? Beweist Nächstenliebe, wer sich seinen Dienstwohnsitz mit angebauter Wohnung 35 Millionen kosten lässt und auf seine Schäfchen schaut, die sich zunehmend die heutigen Mieten nicht mehr leisten können – und sich keiner Schuld bewusst ist? Ich höre hier auf, denn sonst wäre dieser Beitrag unendlich lang. Wir alle kennen die „Nächstenliebe“ der Kirche.

Wenn er so weiter macht, erkenne ich nur einen Hüter der Religion, dem ich Nächstenliebe, und zwar in beispielhafter Weise, attestieren kann: Dem aktuellen Papst Franziskus. Hoffentlich „stirbt“ er nicht verfrüht, was ich durchaus befürchte. Denn diese Art von Nächstenliebe hat sich in der langen Tradition der Katholischen Kirche auch leider häufiger mal gezeigt. Umso leichter, je mehr es an die Substanz der Institution zu gehen schien.

Und obwohl ich pauschalisiere, bin ich mir bewusst, dass es auch andere gibt. Aber leider ist deren Zahl so gering, dass sie im Rest geradezu unsichtbar untergehen: Man denke an das Verhalten der katholischen Kirche und ihrer Institutionen, als eine Frau nach einer Vergewaltigung ein von Notarzt bereits verschriebenes Medikament in einer katholischen Klinik nicht bekam oder die Leiterin eines katholischen Kindergartens entlassen wurde, da sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Da ging es, wie ansonsten auch, nicht um Menschlichkeit und Nächstenliebe; da ging es um unhinterfragten Gehorsam gegenüber einer Institution, die meint, das alleinige Recht zu haben, zu bestimmten, was ihre Gläubigen zu glauben und zu tun haben. Also um das Prinzip! Das Prinzip namens Religion, das nichts mehr mit Glauben zu tun hat. Und so kommt es, dass ich zunehmend etwas gegen Religion habe.

 

Tribute to George

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion, too

Imagine all the people
Living life in peace

You, you may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you will join us
And the world will be as one

Bis heute, George, sind wir Träumer, und es sieht wahrlich nicht danach aus, dass sich das ändern wird. Denn entgegen Deiner Annahme, es sei leicht, sich eine Welt ohne Länder und Religion vorzustellen, ist es offenbar sehr, sehr schwer!

Solange es Kirche und Religion gibt, wird es Krieg geben. Ob das die Auseinandersetzungen ganzer Länder sind, der Terror von Geistesgestörten, die im Namen einer Religion töten oder ob es Teufel und Belzebub aus meinem Blog sind.

Unser Problem sind nicht unterschiedliche Nationen und Kulturen. Wer den weltweiten Protest der Menschen in verschiedenen Situationen, so wie gestern, sieht, erkennt: Die Menschheit lechzt danach, in Frieden miteinander zu leben. Aber das scheitert an zwei Dingen: der Existenz von Staaten und Religion. Das hast Du damals schon erkannt! Schaffen wir beide ab, wie Du gesagt hast, George, werden wir unser Leben in Frieden leben können. Vorher nicht.

Wenn es kein Christentum und keinen Islam mehr gibt, kann kein „Anhänger des Islam“ (ich spreche bewusst nicht von Muslim!) im Namen des Islam Gewalt ausüben. Und wenn es auch kein Christentum gibt, braucht sich das „Christliche Abendland“ nicht mehr vor einer „Islamisierung“ zu fürchten und Hass schüren, da es schlicht nicht vorhanden ist: Es ist nur noch „Abendland“. Und dann hört vielleicht auch auf, dass Politiker populistisch von der „Nächstenliebe“ des Christentums reden. Und der Stammtisch kann sich endlich wieder wesentlich wichtigeren Dingen zuwenden: der Maut.

 

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