Amelie, Alexander und

Made in Germany

28. September 2015

»Was sagst Du denn dazu?« Amelie sah mich aus ihren schönen Augen an. Wir saßen wieder in unserer Kneipe und ließen den Abend ausklingen. Sie, wie üblich, beim Würzburger Stein, ich, wie meistens, beim Rioja.

»Wozu denn?« fragte ich scheinheilig. Ich wusste sehr genau, worauf sie anspielte.

»Zu der VW-Affäre, Du Döskopp!« grinste sie zurück. Sie wusste sehr wohl, dass ich wusste, was sie meinte. Und ich wusste, dass sie wusste, dass ich wusste… Wir kannten uns eben schon lange genug.

»Ach das!« trieb ich schmunzelnd das Spielchen weiter. »Das ist doch keine Affäre.«

»Wie bitte? Wie würdest Du das denn bezeichnen?« Ihre beiden Hände bildeten, die Ellenbogen auf dem Tisch aufstützend, einen Bogen, mit dem sie ihr Kinn stützte. Sie sah hinreißend aus. Leider hatte ich die Kamera nicht dabei.

»Business as usual!« entgegnete ich gespielt gelangweilt. »Ganz normale, übliche Wirtschaft!«

»Das klingt, als sei das, was da passiert ist, das Normalste auf der Welt!« kam es etwas gequetscht aus ihrem Mund. Ja, ein fixierter Unterkiefer hindert beim Sprechen. Sie schien das zu merken und löste das Stillleben mit Dame auf. Schade.

»Ist es doch auch! Bist Du so naiv oder tust Du nur so?« fragte ich sie direkt.

»Nun ja!«, meinte sie. »Bisher hätte ich das VW nicht zugetraut. Glaubst Du, dass das stimmt? Haben die das wirklich nötig?«

»Also naiv.« beantwortete ich mir meine Frage selbst. Sie spielte entsetzt und warf mir funkelnde Blicke zu. »Natürlich stimmt es, und natürlich haben die das nötig, denn sonst täten sie es nicht. Denn ein solches Verhalten ist, wie man sieht, immer mit einem Risiko verbunden und kann, man wird es sehen, extrem teuer werden. Und Image und damit Umsatz kosten. Wie man am Aktienkurs bereits gesehen hat: der stürzte um 40% und mehr ab. Das kann so weit gehen, dass das das Ende bedeuten könnte. Und wer geht schon gerne unnötigerweise solche Risiken ein…«

»Gut – aber wieso haben die das nötig?«

»Weil sie im Wettbewerb stehen! Und weil der Markt wachsen muss.«

»Das verstehe ich nicht!«

»Wundert mich nicht! Dazu braucht man schon ein paar Hirnzellen.«

»Alter Chauvi!« Unter dem Tisch trat sie mir gegen das Schienbein.

»Aua!« Ich musste losprusten. »Na sieh doch mal. Wie viele Autos hast Du?«

»Was soll die blöde Frage. Weißt Du doch: eins!«

»Und? Wann kaufst Du Dir ein Neues?«

»Das ist doch fast neu: zwei Jahre alt. Warum soll ich mir ein neues kaufen?«

»Damit die Wirtschaft wächst! Denn Wachstum heißt, dass jedes Jahr mehr auf dem Markt sein muss als das Jahr zuvor. Wenn Du also schon ein Auto hast, gibt es, damit der Markt wachsen kann, nur zwei Auswege: geplante Obsoleszenz oder Anreize, einen Nachfolger zu kaufen. Also: entweder das Auto verreckt zu einem dem Hersteller genehmen Zeitpunkt weit vor seinem natürlichen Ende oder die Technologie hat sich so „extrem“ weiterentwickelt, dass es einem Pranger gleichkommt, nicht auf den aktuellen Stand umzusteigen. Gerne werden dazu Schlagworte wie Nachhaltigkeit oder Umweltschutz als Hilfen herangezogen, das schlechte Gewissen des Kunden zu bemühen. Denk an Leasingzeiten: die dauern in der Regel 3 Jahre. Danach gilt ein Modell als veraltet.«

Ich war in meinem Element und hatte den Doziermodus eingeschaltet. »Sieh mal. Du erinnerst Dich an unseren ersten Diesel.«

»Klar! Den weißen Golf TDI. Die Rakete. Hätte damals nie gedacht, das Dieselautos Benziner an der Ampel stehen lassen könnten.« Sie geriet ins Schwärmen. »Wie könnte ich den vergessen.«

»Als wir den kauften, war Kaufanreiz Befreiung von der Kfz-Steuer für drei Jahre, weil die Regierung die Diesel-Technologie attraktiv machen wollte. Und schon lockte die Automobilindustrie damit. Mit Erfolg: Der Absatz an Dieselfahrzeugen schoss in den Himmel. Ein paar Jahre später hieß es dann, dass Diesel die Umweltverpester Nummer 1 seien, und man überlegte, ob man nicht den Dieselfahrern eine Straf-Steuer aufdrücken könnte. Sie kam dann prompt, indem Benziner in eine günstigere Steuerklasse eingereiht wurden. Egal, wie viel Sprit sie in die Umwelt pusteten. Konsequenz: Der Diesel-Absatz fiel ins Bodenlose und wer einen hatte wurde zum Nachrüsten von Katalysatoren genötigt. Wieder ein paar Jahre später war der Diesel so sauber, dass er bedenkenlos die Kriterien für die höchste Umweltzonenklasse A erfüllte, während die meisten alten Benziner maximal B erreichten und vor der Stadt bleiben mussten. Fühlst Du Dich da nicht auch verarscht?«

»Ja wirklich!« Es war selten, dass wir in solchen Dingen einer Meinung waren. Ich genoss den Augenblick.

»Also ist die logische Folge, dass derzeit erhebliche Anstrengungen aufgewendet werden müssen, zu zeigen, dass Diesel tatsächlich sehr umweltfreundlich sind. Denn es geht um Wachstum!«

»Wieso? Neulich hörte ich, dass der Diesel-Anteil in Deutschland recht hoch sei.«

»Deutschland! Süße – was bringt den Automobilherstellern der deutsche Markt? Global müssen die denken, schließlich sind das global player. Es geht um business development: neue Märkte erobern. Zum Beispiel den amerikanischen. Da gibt’s noch recht wenig Dieselfahrzeuge. Ein riesiger Markt. Allerdings muss man schon etwas dafür tun.«

»Wieso? Markt ist Markt. Und wenn man gute Argumente hat…«

»Naiv! Gute Argumente. Die amerikanische Regierung hat kein Interesse daran, den Anteil an Dieselfahrzeugen zu erhöhen. Und deshalb gibt es in den USA die härtesten Abgasvorgaben für Dieselfahrzeuge weltweit.«

»Und ich dachte, das erfolgt wegen des Umweltschutzes.«

Ich hatte gerade einen Schluck Rioja im Mund und musste losprusten. Es bereitete mir einige Mühe, den Roten nicht in Amelies Richtung oder auf die Tischdecke zu verbreiten. Da ich noch das Glas in der Hand hatte, schaffte ich es gerade noch, den Schluck ins Glas zurück zu spedieren. Als ich das geschafft hatte, lachte ich so schallend, dass sich die Gäste an den Nachbartischen interessiert in unsere Richtung wandten. Entschuldigend grinsend winkte ich ab. »Amerika und Umweltschutz? Die Nation, die nach China die Umwelt am meisten verpestet, sich nicht darum schert und alle internationalen Bemühungen blockiert und torpediert? Ausgerechnet die sollen Vorgaben im Interesse des Umweltschutzes erstellen?« Ich musste wieder lachen. Allerdings deutlich leiser.

»Du hast Recht! Das kann niemand wirklich glauben. Also nur Protektionismus?«

»Aber klar! Und das bedeutet: Du musst, egal wie streng die Kriterien sind, diese einhalten, wenn Du in den USA Diesel verkaufen willst. Und das wird zu einem Dilemma!«

»Wieso?«

»Ganz einfach! Der Ami will, wenn er schon einen Ausländer kauft, „den besten“. Und das bedeutet: einen deutschen. Denn im Hinterkopf jedes Amis steckt drin, dass die Deutschen so gute Autos bauen können, weil sie kein Tempolimit haben. Das heißt: unsere Autos werden beim Durchschnittskunden an zwei Kriterien festgemacht: Wie schnell? Obwohl die praktisch überall höchstens 100 fahren dürfen…«

»Überall!« unterbrach sie mich.

»Irrtum, mein Schatz! In Montana hatte man kurzfristig das Tempolimit abgeschafft, was aber als verfassungswidrig eingeschätzt wurde. Und daher haben die jetzt eines von 120. Und Texas, das amerikanische Bayern, auf manchen Autobahnen sogar 130. Allerdings ohne Maut, weil die keinen Dobrindt haben.« Ich konnte mir diesen Seitenhieb einfach nicht verkneifen. Und den auch nicht: »Dazu sind die zu intelligent.«

»Wow! Richtig schnell.« grinste sie und überging damit meine Schmähungen.

»So ist es. Aber zurück zum Thema. Also: Wie schnell? Und: Wie kräftig? Amerikaner lieben Autos mit Kraft. Daher haben sie auch irrsinnige Hubräume und unzählige Zylinder. Auch wenn man es ebenso wenig gebrauchen kann wie die Fähigkeit über 130 km/h fahren zu können, muss ein Auto an der Ampel abgehen können wie eine Rakete. Du selbst hast ja vorhin davon geschwärmt, wie schnell unser GTD damals abging… Und wenn nun ein Ausländer mit kleinen Motoren und wenig Zylindern ankommt, muss der zumindest etwas „bringen“. Das ist der Hintergrund der Betrügereien von VW.«

»Verstehe ich nicht!«

»Na denk einmal nach! Es gibt harte Abgaswerte, die nicht überschritten werden dürfen.«

»OK.«

»Wenn Du dies sicherstellen willst, darf das Auto in keiner Situation diese Abgaswerte überschreiten.«

»OK.«

»Das geht aber nur, wenn Du „harmlos“ fährst bzw. dazu durch die Steuersoftware im Motor gezwungen wirst. Quasi Kastration durch den Rechner. In einer Weise, wie die Vorgaben es gestatten.«

»Klar.«

»Der Verbraucher will aber den Kraftprotz. Der ist mit den Vorgaben nicht vereinbar. Der Motor kann das zwar leisten, aber nicht kastriert.«

»Verstehe! Der Motor muss also „intelligent“ sein. Er muss wissen, wann er die Vorgaben überschreiten darf und wann nicht.« Dabei betonte sie das Wort „Vorgaben“ und blinzelte mich angriffslustig an. Sie mochte es nicht, wenn ich so blumenreich redete.

»Genau so ist es! Daher muss die Software, die den Motor steuert, erkennen können, wann sie zahm sein muss und wann sie den Tiger im Tank verheizen kann. Und deshalb wird heutzutage fast ebenso viel Innovationsfreude und Entwicklungsarbeit in die Steuersoftware gesteckt wie in die Fahrzeugentwicklung. Und Innovation heißt hier…«

»Betrug!«

»Na ja, Gabriel nennt das „Messfehler“. Kann man verstehen, er war ja als Ministerpräsident Niedersachsens Gesellschafter bei VW. Das prägt. Und heute muss er als Wirtschaftsminister und Made-in-Germany-Hampelmännchen im Sinne der Wirtschaft sprechen, vor allem der exportierenden. Aber Du hast Recht. Es ist Betrug, und ich empfinde Gabriels Einlassung als unerträglich. Die „Innovation“ heißt hier eben: Wenn die Software erkennt, dass eine ganz bestimmte Abfolge von Motorleistung abgerufen wird, wie sie in den standardisierten Prüfungen der Behörden vorgesehen sind, schaltet sie auf zahm – um ja die Grenzwerte nicht zu überschreiten. Andernfalls lässt sie die Sau raus. Innovation made in Germany.«

»Apropos „Germany“ – schadet das nicht unserem Qualitätssiegel „Made in Germany“?«

»Wo denkst Du hin! Ganz im Gegenteil: Wir kommen wieder zu seiner ursprünglichen Bedeutung zurück. Denn „Made in Germany“ ist ein Label, dass Ende des 19. Jahrhundert von den Briten eingeführt wurde, um die eigenen Verbraucher vor den billigen Einfuhren aus Deutschland zu warnen. Heute sind sie nicht mehr billig, wie es unserer Position als Wirtschaftsmacht und Exportweltmeister entspricht, dafür gefaked. Und davor muss wieder gewarnt werden.«

»Du kannst aber auch zynisch sein! Glaubst Du, dass VW der einzige Hersteller ist, der das macht?«

»Süße – Naivität ist etwas Schönes. Zu viel Naivität aber ist nervend. Glaubst Du wirklich, BWM mit seinen rollenden Kleiderschränken der Serie X, die in den USA beliebt sind, hat den Stein der Weisen gefunden? Und glaubst Du, wenn BMW das macht, kann Daimler es sich leisten, es nicht zu machen? Denk an den Anfang unseres Gesprächs: Es geht um Marktanteile und wie man sie ausweiten kann. Und wenn da einer mit unsauberen Mitteln arbeitet, ziehen selbstverständlich alle anderen nach. Wie im Sport. Wenn alle dopen, kann es sich niemand erlauben, nicht zu dopen – er hätte nicht den Hauch einer Chance. Alles andere anzunehmen in unserer heutigen Gesellschaft mit dem heutigen Wirtschaftssystem ist wirklich romantische Träumerei. Vielleicht sollten wir uns überlegen, etwas Ähnliches wie eine Doping-Kontrolle für unsere Exportwirtschaft – ach was sage ich: für unsere Wirtschaft überhaupt einzuführen. Denn ehrliche Unternehmen gibt es leider immer weniger. Weil sie ansonsten auf der Strecke blieben.«

»Komm, lass uns die Welt ein anderes Mal retten!« schlug sie vor. »Lass uns zahlen, ich werde müde.«

»Meinst Du, ich sollte auch einmal innovativ sein?«

»Wie meinst Du das?«

»Na ja – auf der Kreditkarte ist auch ein Chip mit Software…« grinste ich sie an. Als Antwort erhielt ich einen Tritt gegen das Schienbein.

»Aua!« lachte ich und gab dem Kellner ein Zeichen.

 

Foto: www.pixabay.com

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