Gesellschaft

Pegida ernst nehmen!??

10. April 2016

München, ZOB. Ich steige in den Bus nach Berlin. Wichtiger Termin. Habe Glück, dass nicht allzu viel los ist und sich nicht wieder bildlesende Rentnerehepaare aufteilen in einen Teil, der in aller Ruhe das Gepäck abgibt und einen, der solange drängelnd als erster registriert und in den Bus gelassen wird und zu einem der beiden Tische hetzt, um dort alle vier Plätze belegen zu können: Handtuch a là Reisebus. Nur, damit man nach der Lektüre eine Ablage für die Bildzeitung hat, wenn man schläft. Habe also Glück, ohne Stress an einen Tisch zu kommen, um die knapp acht Stunden am Laptop arbeiten zu können. Den packe ich aus, als ein Cowboy kommt und sich nicht etwa an den anderen Tisch neben mit setzt, der noch frei ist (was ist heute nur los?), sondern mir gegenüber. Er setzt Rucksack, Jeansjacke und Stetson ab. Freundlich lächelnd frag ich ihn, ob ihn mein Rechner stört. Das hätte ich nicht tun sollen!

»Überhaupt nicht!« antwortete er ebenso freundlich. Und er begann einen kleinen Smalltalk. Was ich denn am Rechner täte auf der langen Fahrt. Meine Präsentationen für den nächsten Tag vorbereiten, so die Antwort. Um was es denn da ginge, wenn es nicht zu unverschämt wäre, das zu fragen. Um mein Projekt Neurorehabilitation. Ja, er hätte auch viele Projekte versucht umzusetzen. Aber man hätte ihn ja nicht lassen.

Ich hätte gewarnt sein können! Mehr aus Reflex, Höflichkeit, Erziehung heraus als aus tatsächlichem Interesse fragte ich »Oh – wieso das denn nicht?« Die amerikanische Oberflächlichkeit scheint doch bei mir mehr Spuren hinterlassen zu haben als mir lieb ist. Denn ich wollte es gar nicht wissen, sondern lieber an meiner Präsentation arbeiten. Und so hoffte ich, dass die Reaktion auf die Satzhülse so sparsam blieb wie in den USA meistens auch: Die Zeit, die ein Express-Fahrstuhl braucht, um in den 100. Stock zu kommen. Das ist auch die Zeit, in der ein Investor heute die Informationen bekommen haben muss, um entscheiden zu können, ob das Projekt ihn interessiert. Dafür gibt es einen Namen: Elevator Pitch.

Doch weit gefehlt. Er setzte an, mir sein Leben zu erzählen. Und er begann, über Politiker zu schimpfen, die einem nicht zuhörten. Über die Gesellschaft, die sich immer mehr veränderte. Bis hier hin hätte ich ja noch mithalten können. Aber dann ging’s los: Die vielen Ausländer, die den Deutschen ihre Arbeitsplätze wegnähmen. Und Hartz-IV-Empfänger, die nun hungern müssten, weil Merkel uns mit Asylanten überschwemmte, die nur hierher kämen, um zu schmarotzen.

Oh je! Mir schwante Schlimmes. Pegida lässt grüßen. Hätte ich doch nur meine Klappe gehalten und darauf gewartet, dass sich mein Gegenüber über die Behinderung durch den Laptop beklagt.

Gut, Trutz, nun sitzt du in der Scheiße. Mach das Beste daraus! Pegida beklagt ja, dass ihnen niemand zuhört, sich niemand um ihre Sorgen und Ängste kümmert.  Also hör‘ ihnen einmal zu, frag mal nach ihren Ängsten. Immerhin musste ich zugeben, dass mein Gegenüber alles andere als unsympathisch war – was äußere Erscheinung und Benehmen betraf. Nur das mit den Ansichten schien so eine Sache zu sein…

Ich brauchte nicht viel zu fragen! Es entwickelte sich ein Wortschwall, der den Niagara-Fällen ernsthaft Konkurrenz machte. Da schien tatsächlich etwas raus zu müssen. Es seinen ja nicht 1 Mio. Syrer, die inzwischen hier sind, sondern bereits fast fünf, weil die Familien inzwischen auch da seien. Und das hätte System. Denn er frage sich, welcher vernünftige Mensch Kinder und Babys auf das mitnähme, was sie als Flucht bezeichneten. Die meisten Flüchtlinge seien sowieso Terroristen: Man brauche sich nur das Alter der Mehrheit dessen, was da käme, anzusehen: Junge, kräftige Männer ohne jeden Hinweis auf Hunger und Not. Potentielle Selbstmordattentäter eben.

Ich hatte keine Chance, seinen Redefluss zu unterbrechen. Und wenn ich einmal versuchte, etwas zu entgegnen, wurde ich nach dem ersten Halbsatz wieder unterbrochen: »Nein, so ist das nicht!« Was denn? Ich konnte ja noch nicht einmal äußern, was angeblich nicht so war.

In der Höhe Ingolstadt hatte ich die Schnauze voll. Was ich bislang gehört hatte, erinnerte mich an die Verschwörungsfanatiker, die auch heute noch ernsthaft behaupten, dass die Mondlandungen in den Filmstudios in Hollywood gedreht worden waren – allen wissenschaftlichen Nachweisen zum Trotz. Mit immer wieder den gleichen Argumenten, die inzwischen widerlegt wurden. Der „wehenden“ Flagge, z. B. Oder dem fehlenden Sternenhimmel. Oder den unterschiedlichen Schattenwürfen. Usw. usf.

Ich versuchte noch, mit Freundlichkeit das Gespräch zu beenden, indem ich ihm pro forma Recht gab, um seinen Nachschub an Argumenten abzuschneiden; was mir bitterböse Blicke anderer studentischer Mitreisender einbrachte. Und auch nicht viel brachte. Und so öffnete ich ostentativ den Laptop: »Ich muss jetzt wirklich arbeiten!« Es half nichts. Er hatte sein Opfer gefunden.

Eine Weile ließ ich ihn noch reden, ohne zu reagieren, aus dem Fenster schauend. Ein normaler Gegenüber hätte das wohl verstanden – er nicht! Und daher begann ich, an meiner Präsentation zu arbeiten. Irgendwann in Höhe Nürnberg brach dann endlich der Redefluss ab, er hatte sich müde geredet.

Man müsse die Sorgen und Ängste von Pegida ernst nehmen?

Meine Erfahrung: Nein!

Pegida ist eine Horde von Verschwörungsfanatikern, deren Angst und Sorge ist, kein Forum zu haben, auf dem sie ihre irre Sicht der Welt auskotzen können. Es geht ihnen nicht darum, Probleme anzusprechen und Lösungen dafür zu finden. Es geht ihnen nicht darum, sich anderen mitzuteilen, um etwas zu ändern. Und sie wollen gar nicht, dass man ihre „Sorgen und Ängste“ als Anlass nimmt, sich mit den dahinter stehenden Problemen auseinanderzusetzen. Es geht ihnen ausschließlich darum, ihre Hirmblähungen so vielen wie möglich angedeihen zu lassen. Und wenn es heute dies ist, ist es morgen das. Pegida ist beratungsresistent, lässt keine andere Sicht der Dinge zu. Und das ist Diktatur in Reinkultur.

Es gibt Diarrhoe und Logorrhoe. Und seit dieser Fahrt weiß ich: auch Mensorrhoe: übelriechende geistige Ergüsse von ekelhafter Konsistenz.

Bis zu diesem Erlebnis hatte ich gedacht, dass die Kreationisten und die Scientologen das bescheuertste Weltbild haben, das möglich ist. Heute weiß ich, Pegida kann das genauso gut.

An alle Pegida-Aktivisten oder -anhänger: Macht bitte freiwillig einen riesen Bogen um mich, wenn ihr meiner gewahr werdet. Versucht nicht, mit mir in Kommunikation treten zu wollen! Es könnte sein, dass ich meine Erziehung und meine philanthropische Grundeinstellung vergessen könnte. Und das wollen wir beide nicht. Ich nicht aufgrund meiner Selbstachtung, und ihr aufgrund der Konsequenzen nicht.

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