Gesellschaft

Public Relation für Terroristen?

18. November 2015

Seit Freitag habe ich ernste Probleme! Probleme mit mir selbst. Sie resultieren aus einem Dilemma, aus dem ich nicht so einfach herauskomme: Bist du zu intelligent oder die anderen zu blöd? Oder beides? Das habe ich manchmal, z. B. hier.

Ich halte mich für Durchschnitt, wenn auch eher im oberen Drittel angeordnet. Daher habe ich Probleme damit, mich für wesentlich intelligenter als der Durchschnitt zu halten. Und ich glaube, dass ein Durchschnitt die Mehrheit abbildet. Daher habe ich genauso viele Probleme damit, die anderen für wesentlich doofer zu halten als mich selbst. Und doch…

Was da in Verbindung mit dem Terroranschlag in Paris seit mehr als vier Tagen abläuft, lässt mich an der Intelligenz meiner Mitmenschen zunehmend zweifeln. Vor allem derer, die als Berichterstatter wesentlich zu einer allgemeinen Meinungsbildung beitragen.

Nein, es geht nicht um Journalistenbashing und Lügenpresse! Es geht darum, ob nicht gerade Journalisten und Moderatoren von Talkshows sich endlich einen Verhaltenskodex erarbeiten sollten, der dem gerecht wird, was ihr Auftrag ist: Information. Aber nicht mehr! Denn Information heißt nicht Information bis ins letzte Detail, zum x-ten Male wiederholt und in x-facher Auflage!

Was seit vier Tagen in den Medien abläuft, ist nur noch das Gegenteil dessen, was die Medien – das sei unterstellt – wollen: Es ist nicht Information, es ist Public Relation für eine Terrorgruppe!

Irrationale Selbstmordterroristen

In jeder Sendung, in jeder Zeitung wird vom Islamischen Staat geredet. Manchmal und vereinzelt vom „sogenannten“ Islamischen Staat.

Ich habe es an verschiedenen Stellen bereits mehrfach geäußert, nun auch hier:

ES GIBT KEINEN STAAT NACH VÖLKERRECHT, DER ALS „ISLAMISCHER STAAT“ BEZEICHNET WERDEN KÖNNTE!

Warum also spricht alle Welt von ihm, auch wenn mit vorgeschaltetem „sog.“? Wer nennt ihn so? Die Urheber. Also Terroristen.

Als es die DDR noch gab, hat man, wenn man sie nicht als eigenen Staat anerkennen wollte obwohl sie es de facto und nach Völkerrecht war, von der „sog. DDR“ gesprochen. Will man also tatsächlich den IS auf dieses Niveau heben? Offenbar! Und das wäre die Anerkennung einer verbrecherischen Organisation durch die Hintertür!

Die Bezeichnung „IS“ stammt von den Terroristen. Sie sähen sich gerne als Staat, wie man allein daran sehen kann, dass sie nach Innen wie ein Staat aufgebaut sind und funktionieren – und wohl auch in so etwas enden wollen. Das aber allein macht noch keinen Staat aus. Es ist also im Interesse der Terroristen, wenn sich der Begriff „Islamischer Staat“ immer tiefer in die Hirne der Menschen weltweit einbrennt. Und unsere Medien gerieren sich in dieser Frage als deren Steigbügelhalter, wenn sie mantraartig vom Islamischen Staat reden.

Wenn man nicht vom IS sprechen will und eine „Übersetzung“ des Kürzels benötigt – warum dann nicht eine, die dem weitaus näher kommt, worum es sich tatsächlich handelt: Irrationale Selbstmordterroristen?

Marketing

Es gibt eine Richtung im Marketing, die manche als „Guerilla-Marketing“ bezeichnen. Einige unterteilen dann noch zusätzlich in das „Che Guevara“-Marketing. Letzteres folgt danach dem Motto: „Man mag Sie oder man mag Sie nicht – Hauptsache, man redet über Sie.“

Diese Art des Marketing setzt auf Emotionen. Und wer sich ein wenig mit Psychologie und wie wir Menschen lernen und Gelerntes erhalten auskennt, weiß: Emotionen und sie auslösende Bilder sind die wichtigsten Voraussetzungen, dass Wahrgenommenes nicht vergessen wird. Je emotionaler desto unvergesslicher. Und Hass und Liebe, die beiden Pole des Che-Guevara-Marketings, sind die stärksten Emotionen, die man nutzen kann.

Darauf setzen wir, wenn wir vor Nationalsozialismus warnen wollen: Bilder aus KZs, Filme von der Befreiung der geschundenen Kreatur durch die Amerikaner. So funktioniert Hirnwäsche, in diesem Fall zum Guten. Exakt so werden aber auch labile Menschen vom IS zu Dschihadisten gemacht: Warum sollte ich den „Staat“ nicht in Form von „Kriegsdienst“ unterstützen dürfen? Jeder Staat hat eine Wehrmacht und muss sich seinen Feinden gegenüber zur Wehr setzen. Was ist daran falsch? Und unsere Medien spielen da mit, indem sie allzu leicht mit Vokabeln jonglieren!

Indem, egal auf welchem Sender – privat oder öffentlich-rechtlich – immer wieder die gleichen abscheulichen Bilder gezeigt werden, immer wieder die gleichen Berichterstatter die gleichen Informationen – natürlich jeweils aktualisiert! – mantraartig (auch hier!) von sich geben, und jedes Mal aufs Neue die Hintergründe hinterfragt werden, die Konsequenzen und die möglichen Entwicklungen, machen sich unsere Medien zu den Marketing-Abteilungen des Terrorismus. Auch wenn das alles nur über negative Berichterstattung erfolgt: Der IS ist in aller Munde. Che-Guevara-Marketing: Klassenziel erreicht!

Warum muss über Molenbeek ausführlichst berichtet werden – mit Reportage eines Kamerateams und dramaturgisch wichtiger Verfolgung dieses durch die Gangs? Warum muss ein Problemviertel, das zwar Problemviertel ist, in dem aber nur einige Einzelne sich dem Terrorismus verschrieben haben, noch mehr problemisiert werden, indem man es an den weltweiten Pranger stellt? Wem außer denen, die sich aus beruflichen Gründen damit beschäftigen müssen, der diese Information bekommt, hilft sie wofür?

Warum muss man ein kleines Volk, das, als kleines Volk, automatisch einen höheren Anteil an potentiellen Terroristen beherbergt, weil es ein kleines Volk ist (500 Terroristen bei 11 Mio Einwohnern sind 4,5 Promille, 500 Terroristen von 80 Mio Einwohnern 0,6 Promille!), an den Pranger gestellt werden? Neigt Belgien also eher zum Terrorismus als Deutschland? Oder was soll diese Information aussagen? Hätte es andere Qualität, wenn die Terroristen nicht aus Belgien, sondern wie 2001 aus Hamburg gekommen wären? Und wem – außer den Sicherheitskreisen – hülfe diese Erkenntnis?

Wem bringt es was, den Abschleppvorgang des Autos zu zeigen, das bei dem Attentat eingesetzt wurde? Was soll erreicht werden, wenn man am nächsten Tag in die Viertel zieht und die Orte des Geschehens aus allen möglichen Perspektiven filmt – mit Glassplittern und Blutlachen? Menschen in ihrer tiefen Trauer? Wird damit auch nur eine Kleinigkeit erreicht – außer, dem IS in die Karten zu spielen und die in allen vorhandene, jedoch unterschiedlich ausgeprägte menschliche Gier nach Horror zu bedienen?

Consumer

Jetzt geht es um Sie! Und um mich. Die Verbraucher.

Wenn Ihr Horror wollt, schaut Euch Shining an. Oder Alien. Oder Texas Chainsaw Massacre. Oder welchen Horrorfilm auch immer. Es muss nicht die schreckliche Realität sein, an der man sich ergötzt! Durch unser Konsumverhalten haben wir einen großen Einfluss darauf, wie und was Journalisten produzieren! So haben auch wir einen großen Anteil an Schuld bei dem, was aktuell abläuft! Jeder Einzelne, und da nehme ich mich nur aus, weil ich seit einiger Zeit bewusst und aus solchen Gründen auf den Konsum solcher Medienberichte verzichte – mit Ausnahmen, so wie gestern.

Man mag zu den Moderatoren von Talkshows stehen, wie man will – das Persönliche möchte ich an dieser Stelle gerne außen vor lassen. Manche werden von manchen gehasst, von anderen geliebt. Aber eines haben alle gemeinsam: Jeder Talkshow-Moderator muss sich um Quoten kümmern. Das bedeutet: jeder muss aktuell sein. Und wenn der eine einen „Terroristenexperten“ in seine Runde einlädt, muss der andere möglichst zwei einladen. Und dann wird bis ins Kleinste seziert, analysiert, hinterfragt, diskutiert. Die anwesenden Diskussionsteilnehmer werden nach ihrer persönlichen Meinung gefragt, wenn sie die nicht schon freimütig von sich aus beitragen. Generell kommt dann dabei heraus, dass wir alle das alles sehr verabscheuen!

Liebe Mitmenschen.

Das setze ich voraus! Das muss man nicht bekräftigen! Warum also muss ich aus dem Munde der Anwesenden erfahren, wie schrecklich die doch das alles finden?

Gestern gab es eine solche Talkshow, in der zwei „Terrorismusexperten“ anwesend waren – einer in der Runde, extra aus England angereist, der andere zugeschaltet. Und dann hörte man von beiden das Gleiche – welch Wunder. Und ein Korrespondent, in Frankreich lebend, musste auch etwas dazu sagen. Und eröffnete dem Publikum dann, dass er mit einem ebenfalls anwesenden Opfer der Ereignisse „mit der Kamera“, wie er schnell betonte, diesen bei seiner Suche nach einem anderen Ofer begleiten würde. Reality-TV at its best! Verzeihung, dafür habe ich keinerlei Verständnis. 15 minutes of fame – und dann?

Islam

Und hört doch bitte endlich alle, die in den Medien uns täglich „informieren“, auf, den Islam in einen Zusammenhang mit den Terroranschlägen zu bringen oder das zumindest permanent zu hinterfragen.

GENAUSO WENIG, WIE DER IS EIN STAAT IST, SPIELT RELIGION DABEI IRGENDEINE ROLLE! SIE DIENT NUR EINEM ZWECK: EINE GRIFFIGE BEGRÜNDUNG ZU FINDEN FÜR ETWAS, DAS ANDERS NICHT BEGRÜNDET WERDEN KANN.

Auch das habe ich schon mehrfach gesagt, z.B.  hier oder hier.

Wie, wenn nicht über Religion, lässt sich das sinn- und ziellose Massakrieren von Menschen rechtfertigen, die nichts für die Problematik, welche auch immer dahinter stecken mag, können? Und wir helfen Terroristen, sich vor sich selbst und der Welt zu rechtfertigen, indem wir ernsthaft erwägen, alles könnte eine religiöse Wurzel haben. Das lässt Erinnerungen an Gladbeck aufkommen…

Das ist auch nicht neu: Auch beim Irland-Konflikt spielt und spielte Religion entgegen verschiedener Äußerungen von Protagonisten und entgegen der Überzeugung der Allgemeinheit keinerlei Rolle. Die IRA hat nicht terrorisiert, weil sie katholisch ausgerichtet war und die Nordiren zu einem großen Prozentsatz anglikanisch, sondern weil sie die verhassten Briten von „ihrer“ Insel bomben wollte. Und der Oranierorden in Nordirland ist, auch heute noch, nicht deshalb für die immer noch blutigen Krawalle verantwortlich, weil er anglikanisch sind und den Rest der Insel missionieren will, sondern weil er, typisch britisch, sich auf Gewohnheitsrecht berufen und damit den Starken Max demonstrieren will, der sich vor niemandem beugt – schon gleich gar nicht vor „den“ Iren. Religion wird schlichtweg von beiden Seiten missbraucht, um die eigenen unsäglichen Handlungen griffig begründen zu können: Katholiken gegen Anglikaner. In Wahrheit sind es Terroristen gegen Terroristen! Siehe dazu hier.

So auch beim IS! Den kümmert nicht die Spur, was im Koran steht und wie der – zumindest in unserer modernen Zeit, in der auch er sehr gerne mit Mobiltelefonen und Internet lebt – auszulegen ist. Aber er zieht aus ihm griffige Argumente, warum man andere Menschen abschlachten muss. Die Bibel kann übrigens auch dazu missbraucht werden, wie man hier sieht! So ist das eben mit Jahrhunderte alten „Vorschriften“, die man auslegen muss, weil sie nicht in die Zeit passen…

Auch hier wieder das Mantra: In den Köpfen der Menschen wird diese falsche Information umso fester eingeprägt, je mehr und je öfter man das Thema behandelt. Und sei es nur ein Zweifel, eine Unsicherheit. Das können wir wirklich nicht gebrauchen!

Sicherheit statt Freiheit?

Gestern habe ich das erste Mal bewusst gehört, von einem Journalisten nicht einem Politiker, dass man sich ernsthaft überlegen sollte, ob man nicht tatsächlich mehr Freiheit zugunsten von Sicherheit aufgeben sollte.

Ein ganz kategorisches NEIN!

Freiheit ist das höchste Gut, dass sich unsere Vorfahren, vor allem die unserer französischen Nachbarn, blutig erkämpft haben. Freiheit aufzugeben hieße, eine Bewegung in Gang zu setzen, die uns schnell wieder in finsteres Mittelalter führt.

Nicht nur, dass das in die Hände der Terroristen spielte, weil sie genau das wollen: Auch in totalitären Staaten, in denen es so gut wie keine Freiheit gibt, gibt es keine absolute Sicherheit. Und auch Amerikaner und Briten mit ihren Cams an jeder Hausecke, abgehörten Telefonaten und überwachten Emails schaffen es nicht, durch Einschränkung der Freiheit für mehr Sicherheit zu sorgen – Anschläge passieren weiterhin. Es ist lächerlich, zu glauben, dass Menschen, die wirklich etwas wollen, daran gehindert werden könnten, es zu tun, indem man Freiheiten aufgibt.

Das sind keine Deppen, die da die Strippen ziehen, auch wenn an den Strippen häufig Deppen hängen! Wer tatsächlich glaubt, durch Einschränkung von Freiheit einer Bevölkerung die Möglichkeiten von Menschen einzuschränken zu können, kreativ zu werden, um die eigenen Ziele durchzusetzen, begeht einen gewaltigen Fehler: Er unterschätzt die Intelligenz der Terroristen. Aufgabe von Freiheit zugunsten von Sicherheit bringt gar nichts.

Und noch ein Aspekt: Aufgabe von Freiheit hieße Stärkung von Willkür der Herrschenden. Und das kann sehr schnell sehr schief gehen. Muss ich das uns Deutschen mit unserer Vergangenheit wirklich sagen?

Aber ich habe einen anderen Vorschlag: Einschränkung von Freier Meinungsäußerung könnte etwas bringen. Wenn nicht mehr jeden Tag mehrmals in Nachrichten, Talkshows und Sondersendungen über den „Islamischen Staat“ geredet wird und inwieweit der Islam als Religion für Terror verantwortlich gemacht werden kann und/oder muss, wird den Terroristen ihr wichtigstes Ziel genommen: Aufmerksamkeit. Und es wird ein gewaltiger Druck von denen genommen, die fast noch mehr Opfer dieser Situation sind als wir alle: die überwältigende Mehrheit der friedliebenden und in Frieden koexistieren wollenden Muslime.

Vielleicht sollte man also auf Seiten der Medienleute nachdenken, inwieweit man sich selbst Beschränkungen auferlegt. Und zwar weitreichende. Eine kurze Meldung über einen Anschlag in den Nachrichtensendungen reicht, um der Informationspflicht nachzukommen. Alles darüber hinaus ist nicht nur nicht nötig, sondern spielt den Terroristen in die Hände.

Besonders schlimm wird es, wenn man nicht nur das Dilemma zeigt, in dem der Innenminister bei seiner Pressekonferenz steckt, sondern das dann auch noch breit tritt und kommentiert. Denn das trägt zu einer Verunsicherung der Allgemeinheit mehr bei als es eine unterbleibende Information durch den Innenministers jemals könnte.

Liebe Medienmenschen: Die Mehrheit Eurer Zielgruppe ist nicht so dämlich, wie Ihr zu glauben scheint. Ihnen ist klar, dass der Minister nicht alle Informationen publizieren kann und darf – gerade unter Sicherheitsaspekten. Oder hört Ihr jemanden schreien, die Geheimdienste mögen doch bitte ihre Erkenntnisse publizieren – mit Quelle und Hintergrund?

Muss ich tatsächlich an Gladbeck erinnern und wie schädlich der Journalismus damals war?

Falls diese Selbstbeschränkung, was ich leider vermute, nicht zustande kommen wird – Selbstbeschränkung hat bislang auf keinem gesellschaftlichen Gebiet so richtig Erfolg gehabt – bin ich lieber bereit, mir die Freiheit einschränken zu lassen, meinen Senf zu allem geben zu müssen als die Freiheit selbst. Und so sollte man tatsächlich ernsthaft überlegen, wie man die Medien dazu zwingen kann, im Interesse der Gesellschaft auf allzu quotenorientiertes Verhalten zu verzichten.

Wir haben ja bereits eine Einschränkung der Meinungsfreiheit: Wann immer es um den Nationalsozialismus geht, muss man ein wenig aufpassen, was man sagt. Zurecht! Denn was passiert, wenn das nicht der Fall ist, sieht man an der Naziszene in den USA und anderswo…

Warum also muss man nicht auch ein wenig aufpassen müssen, wenn es um den Terrorismus geht, vor allem, wenn der exakt diese Freiheiten clever für die eigenen Zwecke nutzt?

Pressefreiheit heißt nicht und darf nicht heißen, dass Presse die Freiheit hat, alles zu tun. Es geht mir nicht darum, Pressefreiheit einzuschränken. Es geht mir darum, die Presse und uns davor zu schützen, missbraucht zu werden. Wenn das aufgrund von Uneinsichtigkeit nicht über Selbstbeschränkung geht, dann eben per Gesetz.

Ach ja – fast hätte ich’s vergessen! Hört bitte endlich auf, von „Krieg“ zu sprechen, wenn es um Terrorismus geht. Die freie, westliche, wie auch immer Welt befindet sich nicht im Krieg – weder mit den Terroristen, noch und schon gar nicht mit dem Islam. Wir wehren uns lediglich mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, wozu auch militärische gehören, gegen Terror. Das ist kein Krieg, und anderes zu behaupten wäre eine Verharmlosung dessen, was da passiert!

 

Foto: © pixabay.com

Vielleicht gefällt Dir auch

Keine Kommentare

Kommentar schreiben