Gesellschaft

Sterbehilfe

13. November 2014

Selbstbestimmung

Artikel 1, Abs. 1  Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Welch ein Satz! Aber was sagt er aus? Wie definiert sich „Würde“? Das regelt Abs. 2 des Artikels: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Noch so ein Satz.  Gewichtige Worte! Teil dieser „Menschenrechte“ ist das Recht auf „Selbstbestimmung“, das z.B. auch durch Artikel 2, Abs. 1 GG geschützt wird: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Ich fasse zusammen: Das Grundgesetz und die von Deutschland unterzeichneten Pakte der Vereinten Nationen zu den Menschenrechten garantieren mir das Recht auf Selbstbestimmung, auf Entfaltung meiner Persönlichkeit!

Laizismus

Artikel 140 GG: „Die Bestimmungen der Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der deutschen Verfassung vom 11. August 1919 sind Bestandteil dieses Grundgesetzes.“ Artikel 137 dieser Verfassung, Abs. 1: „Es besteht keine Staatskirche.“ Damit sind zwar, anders als z.B. in Frankreich und der Türkei, Staat und Kirche nicht per Grundgesetzt voneinander getrennt.  Aber: „In Deutschland ist das Verhältnis von Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften und Staat daher partnerschaftlich. Es gibt Konkordate und andere Staatskirchenverträge. Die weltanschauliche Neutralität des Staates, der sich mit keiner Religionsgemeinschaft identifizieren darf, lässt ‚gemeinsame Angelegenheiten‘ (res mixtae) entstehen.“ (de.wikipedia.org/wiki/Trennung_von_Kirche_und_Staat#Deutschland).

Ich fasse zusammen: Wenn auch nicht, wie in anderen laizistischen Staaten im Grundgesetz niedergelegt, ist Deutschland de facto ein laizistischer Staat, in dem Kirche und Staat getrennt sind.

Was bin ich?

Bin ich Agnostiker? Jein! Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Ich weiß, dass es keinen Gott gibt, wie ihn Viele verstehen. Ich weiß aber nicht, ob es nicht ein Phänomen gibt, ein Prinzip, das mit dem Begriff „Gott“ gleichgesetzt werden kann.

Bin ich Atheist? Jein! Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Ich glaube nicht an ein Wesen, das der Ursprung jeglicher Weltreligion ist und damit diese begründet. Ich glaube aber an die Naturgesetze, deren Wirkung wir uns nicht entziehen können. Ist das „Gott“?

Bin ich gläubig? Jein! Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Falls unter „gläubig“ „religiös“ zu verstehen ist, bin ich nicht gläubig. Ich mag mich nicht in Korsetts pressen lassen, die von Menschen geschneidert wurden und werden, die sich in keinerlei Hinsicht von mir unterscheiden. Ich mag nicht Ritualen folgen müssen, die ich nicht akzeptieren kann. Ich mag mich nicht Dogmata unterwerfen, die vielleicht vor 2000 Jahren ihre Rechtfertigung gehabt haben mögen – aber heute nicht mehr.  Ich mag nicht Teil einer Gemeinschaft sein, die noch im Mittelalter lebt und nicht mitbekommen zu haben scheint, dass das bereits weit hinter uns liegt. Und ich mag nicht einer Religion folgen, die auf der Machtbesessenheit und Neigung zu Gewalt des Wesens fußt, das als Gott bezeichnet wird. Und die einem geradezu erbärmlichen Frauenbild seiner Religionsstifter folgt.  Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht auch glaube. Denn letztlich muss man glauben, was man nicht weiß. Und ich weiß vieles nicht!

Bin ich Christ? Jein! Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Ich fühle mich nicht als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft, deren Glauben Jesus Christus eine besondere Rolle als Sohn Gottes zuweist. Ist also Christ einer, der einer der beiden christlichen Religionen angehören muss, bin ich keiner. Ich glaube aber an viele zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Regeln und Gepflogenheiten, die auf die Lehre und das Wirken von Christus zurückgeführt werden. Dabei ist es für mich unerheblich, ob Christus als Mensch gelebt hat oder nicht, ja selbst, ober er überhaupt gelebt hat. Für mich zählt nicht die Person, sondern das Prinzip, das hinter ihr steht. Wenn das (auch) Christsein bedeutet, bin ich Christ.

Ich fasse zusammen: Wenn ich etwas bin, dann von allem etwas. Vielleicht passt der Begriff Pantheist am besten zu mir – sofern er mich nicht in eine Schublade bringt, in die ich nicht passe und daher nicht will. Ja, ich gebe es zu: Ich bin eine komplexe und komplizierte Person, die nicht einfach zu kategorisieren und darauf auch noch stolz ist.

Würde

Ich verstehe die Gründe für Artikel 1 GG. Wir haben eine nicht sehr ruhmreiche Vergangenheit hinter uns, in der die Würde des Menschen mit Füßen getreten und in Konzentrationslagern und Gaskammern genommen wurde. Unwertes Leben. Herrenrasse. Endlösung. Und daher ist Artikel 1 GG für mich der wichtigste Artikel, den Menschen überhaupt schaffen können. Und seine Absolutheit geradezu zwingend.

Ich verstehe vor dem Hintergrund unserer Geschichte auch die Zweifel vieler Menschen, wenn es um das Thema Sterbehilfe geht. Ich verstehe auch das Problem von Medizinern, hier aktiv zu werden.

Ich verstehe aber nicht, wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht!

Es geht nicht darum, Menschen zu töten, aus welchen Beweggründen auch immer! Es geht nicht darum, und kann nicht darum gehen, Wege zu schaffen oder zumindest freizugeben, die ermöglichen, was kranke Hirne vor einem dreiviertel Jahrhundert praktizierten. Und es darf auch keine Freibriefe geben für Menschen, die anderen Menschen aus niederen Beweggründen, wie es wohl juristisch heißt, das Leben nehmen wollen.

Es geht aber darum, dass ich nicht verstehe und akzeptieren kann, dass man meine Würde missachtet. Eine Würde, die laut Grundgesetz unantastbar ist. Indem man mein gesetzlich verbrieftes Recht auf Selbstbestimmung einschränken möchte. Dadurch dass man mir verbietet, in freier Entscheidung und mit freiem Willen mein Leben zu beenden, wann ich das für richtig halte! Oder, indem man mir verbietet, einem Anderen, der das tun möchte, aus freien Stücken dabei zu helfen.

Sterbehilfe

Mit welchem Recht entscheiden religiöse Führer darüber, ob ich mich selbst töten darf? Ich gehöre keiner Glaubensgemeinschaft an, und so hat auch keiner in welcher Glaubensgemeinschaft auch immer das Recht, für mich zu sprechen und mir Vorschriften zu machen.

Ich glaube an keine Macht, auf die sich diese Religionsgemeinschaften berufen. Es ist nicht mein Gott, der Selbstmord als Sünde betrachtet! Insofern kümmert es mich wenig, wenn Hüter dieser Glaubensrichtungen von ihrem Glauben verschiedene Verbote ableiten. Dazu habe ich das Recht, denn Kirche und Staat sind bei uns de facto getrennt. Wir leben nicht in einem Gottesstaat, in dem der Religionsführer urteilt, was zu erfolgen hat und was nicht!

Mit welchem Recht entscheiden Politiker darüber, dass mir Menschen bei der Ausübung meines Selbstbestimmungsrechtes helfen, wenn ich sie darum bitte? Ich gehöre keiner Partei an, und so hat auch kein Politiker das Recht, für mich zu sprechen und mir Vorschriften zu machen, die mein Selbstbestimmungsrecht tangieren.

Mögen Politiker Mechanismen wie Koalitionszwang oder Fraktionszwang haben. Sie gelten nicht für mich. Und ich verwahre mich dagegen, dass Menschen, die mich und meine persönlichen Beweggründe nicht kennen, sich das Recht heraus nehmen, mir Vorschriften zu machen, was ich in dieser Frage zu tun und zu lassen habe.

Es geht bei Sterbehilfe nicht um Menschen, die aufgrund einer psychischen Störung nicht vollständig im Besitz ihrer geistigen Kräfte sind, wie man sagt. Hier besteht in meinen Augen tatsächlich die Gefahr, dass wir allzu schnell in eine Situation kommen könnten, die die Autoren des Grundgesetzes mit dem Artikel 1 ausdrücklich verhindern wollten, wenn wir dies zuließen. Und es geht auch nicht darum, dass ein Dritter entscheidet, dass ich mich zu töten habe – oder jemand anderes. Dann wären wir wieder bei den Nazis.

Wenn ich aber im Vollbesitzt meiner geistigen Kräfte mich dazu entschieden habe, meinem Leben ein Ende zu setzen, warum auch immer. Dann ist das meine Entscheidung im Rahmen meines Rechts auf Selbstbestimmung. Und die zu respektieren verlange ich von jedermann, dem das Grundgesetz auch nur ein bisschen was bedeutet. Und wenn ein anderer meine Beweggründe akzeptieren kann und mir dabei hilft, weil ich selbst aus physischen – nicht psychischen! – Gründen nicht mehr in der Lage dazu bin, so ist das allein seine Sache im Rahmen seines Rechtes auf Selbstbestimmung. Und auch für diesen Menschen verlange ich den gleichen Respekt, zumal seine Entscheidung sicherlich schwerer ist und von ihm sehr viel mehr abverlangt als von mir.

Verletze ich oder der, der mir hilft,  durch meinen Entschluss die Rechte anderer Menschen? Nein! Denn welche könnten das sein? Verletze ich durch meine Bitte um Hilfe dabei die Rechte dessen, den ich bitte? Nein! Denn er kann ja ablehnen.  Verstoße ich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz? Wodurch denn? Gibt es also einen Grund, warum Artikel 2 GG in diesen Fällen nicht zur Anwendung kommen könnte? Nein!

Ich akzeptiere, dass geprüft wird, ob meine Entscheidung aus freien Stücken und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte getroffen wurde. Das ist heute z.B. auch bei Patientenverfügungen Praxis. Und ich akzeptiere auch, dass diese Prüfung zeitnah mit dem Entschluss zu treffen ist – nicht irgendwann als Persilschein. Aber ich akzeptiere nicht, dass andere Menschen meinen, sich das Recht herausnehmen zu dürfen, mein Selbstbestimmungsrecht einschränken zu dürfen.

Und es ist mir herzlich egal, wenn darauf verwiesen wird, dass es genügend Beispiele dafür gibt, dass Menschen schließlich froh darüber waren, dass man sie am Selbstmord gehindert hat. Mag ja alles sein! Nur ist das kein Grund, meine Rechte einzuschränken. Es ist doch allein mein Problem, sollte ich, wo immer ich dann auch sein mag, feststellen, dass ich es hätte doch nicht tun sollen. Ich verwahre mich einfach dagegen, dass andere für mich entscheiden, was gut ist für mich und was nicht!

Wenn Schwangere gesetzlich geschützt im Rahmen ihres Selbstbestimmungsrechtes das Recht haben, die Schwangerschaft, also letztlich fremdes Leben zu beenden – warum wird mir das Recht genommen, mir mein eigenes zu nehmen? Wenn überhaupt jemand ein moralisches Recht dazu hätte, dann allerhöchstens die, die mir mein Leben gegeben haben: meine Eltern. Und selbst denen würde ich ein Mitbestimmungsrecht absprechen. Und wenn Schwangeren aufgrund ihres Selbstbestimmungsrechtes die Möglichkeit gegeben wird, professionelle Hilfe dabei in Anspruch zu nehmen, warum wird mir diese Möglichkeit genommen? Widerspricht das nicht dem ebenfalls durch das Grundgesetz geschützten Prinzip der Gleichheit aller Menschen?

Wozu also die ganze Diskussion? Es ist doch eigentlich alles klar! Man muss nur die Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes lesen und sich danach richten. Wer mehr daraus machen möchte, will nur Macht über Andere ausüben – aus welcher Motivation auch immer. Und das geht nicht – in einer Demokratie, die diese beiden Artikel im grundlegendsten aller Gesetze festgeschrieben hat…

Foto: www.pixabay.de

 

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