Anek-dot

Und sie bewegt sich noch!

9. Oktober 2014

Lang, lang ist’s her…

Das Schöne an einem naturwissenschaftlichen Studium ist, dass es hin und wieder, je nach „Industriefreundlichkeit“ und Vernetzung der betreffenden Lehrstuhlinhaber oder Dozenten, Exkursionen zu den verschiedensten Orten gibt, an die es einen beruflich nach erfolgreichem Abschluss seiner Ausbildung hin verschlagen könnte.

Eines Tages in grauer Internet-Vorzeit machten wir solch eine Exkursion zu einem sehr bekannten, mittelständischen wenn auch international aufgebauten und renommierten Unternehmen.

Dort wurden wir mit großem Bahnhof empfangen, was für uns Studenten nicht unbedingt zur Gewohnheit gehörte. Während viele andere Unternehmen – genauer: die zur Bemutterung abgestellten Mitarbeiter – den Besuch eines Busses voll Studiosi eher als unangenehme, zeitfressende und wenig zu bringen scheinende Begleiterscheinung eines normalen Geschäftsablaufs betrachteten, gab man sich dort richtig Mühe. Wir wurden in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Und für jede Gruppe stand ein hochkarätiges Mitglied aus der Geschäftsleitung zur Verfügung, das aufkommende Fragen nach bestem Wissen und erstaunlich ehrlich beantwortete.

Das Unternehmen befand sich in Familienbesitz. Das bedeutet in der Regel schon einiges, so z. B., dass man Wert auf Tradition legt. Das war hier tatsächlich der Fall und äußerte sich u. a. darin, dass sich die Familie im engeren und – als Kopf eines Unternehmens – auch im um die Belegschaft erweiterten Kreis mehrheitlich dem katholischen Glauben hingezogen fühlte und einige Rituale dieser Glaubensgemeinschaft auch in der Firma pflegte. So zum Beispiel, dass es freitags in der Kantine Fisch zu essen gab.

 

An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand…

An dieser Stelle eine kleine Zäsur. Damit Sie die Leistungen des Protagonisten der Geschichte auch verstehen und entsprechend würdigen können, benötigen Sie eine Information, die ich Ihnen hier geben möchte – na ja, wohl eher muss. Denn sie ist mir ein bisschen peinlich!

Ich bin geborener Nordseeurlauber, soll heißen, dass ich, seit ich denken kann, meinen gesamten Sommerurlaub an der Nordsee verbracht habe – zumindest bis in Universitätszeiten. Als solcher hatte ich die Liebe zum Fisch und allem, was aus dem Meer kam, quasi mit der Muttermilch eingesogen. Kurz und gut, der Urlaub war immer ein Synonym für „Fisch satt“.

Eines Tages, ich muss so 12, 13 Jahre alt gewesen sein, waren wir einmal wieder dort. Und begannen, die Fischrestaurants der Insel abzuklappern. Am dritten oder vierten Tag, also unmittelbar nach der Eingewöhnung, muss ich abends wohl in einem Restaurant etwas Falsches gegessen haben. Denn am nächsten Tag begann ich, mich unwohl zu fühlen. Mein Bauch schmerzte heftig, ich bekam Durchfall und übergab mich. Aha, etwas Falsches gegessen. Doch statt dass es nach der Einnahme der üblichen Mittelchen – Aktivkohle usw., was man in der Apotheke halt so bekommt – besser wurde, bekam ich zusätzlich Schweißausbrüche und Fieber. Der herbeigerufene Arzt diagnostizierte eine Lebensmittelvergiftung. Normalerweise nicht so tragisch; doch bei mir kamen langsam weitere Symptome dazu wie Schwindel, Schüttelfrost und Krämpfe in den Extremitäten. Dem Arzt, der ansonsten nur Schnupfen, Sonnenbrand und engere Beziehungen mit Quallen zu behandeln hatte, wurde es zu heiß, er wies mich in das kleine Krankenhaus der Insel ein.

Ich war stink sauer. Statt draußen in der Sonne spielen zu können, hing ich hier in einem Zimmer am Tropf und dämmerte vor mich hin. Die Ärzte waren einigermaßen ratlos. Es kam zwar schnell der Verdacht auf, dass es sich um eine Fischvergiftung handelte – woher sollten die Probleme denn sonst herrühren? Diese ist normalerweise auf den Befall des Fisches mit Bakterien und Pilzen zurückzuführen, wenn er eine Weile lang nicht sachgerecht aufbewahrt wird. Das kann schon mal passieren, ohne gleich Schlamperei beim Restaurant vermuten zu müssen. Doch sind die Symptome in der Regel sehr viel harmloser als bei mir damals und klingen vor allem auch relativ schnell wieder ab.

Bei mir war das anders: Das Fieber blieb, auch die Neigung zu Krämpfen und Schüttelfrost. Mir ging es wirklich so elend, dass ich auf der Intensivstation an Schläuchen und Kabeln hängen musste. Wäre ich in Japan gewesen, hätte man eine Fugu-Vergiftung angenommen. Und in den Tropen und Subtropen eine Vergiftung mit dem Toxin einer Meeresalge, das über den solche Algen fressenden Fisch wie auch den Kugelfisch in mich gekommen hätte sein können. Aber hier? Weit und breit kein Kugelfisch, weit und breit kein Sushi-Restaurant!

Ich weiß bis heute nicht, was es gewesen war. Ich erinnere mich nur daran, dass ich eine Woche lang auf der Intensivstation lag und meine Infusionen bekam; eine weitere auf einer normalen Station im Bett liegen musste; und eine weitere im Hotelzimmer. Um an den Strand zu gehen, war ich zu lustlos und schwach. So kam es, dass ich diese Ferien praktisch vollständig vergessen konnte: Die restlichen Tage „erholte“ ich mich von meinem „Urlaub“.

Auch heute noch sind die einzigen Eindrücke, die ich an diesen Urlaub habe, die Gerüche aus dem Restaurant, das wohl Ursache für das Desaster war, ich zumindest dazu erklärte. Und das ist vor allem der intensive Geruch nach gekochtem Fisch. Diesen Geruch habe ich in meinem Hirn fest verdrahtet mit Schmerzen, Übelkeit und Schwindel – und einem versauten Urlaub. Als Konsequenz machte ich in der Folge einen riesigen Bogen um alles, was auch nur andeutungsweise nach Fisch roch oder so aussah.

Mehr noch. Ich habe eine Aversion gegen alles entwickelt, was aus dem Meer kommt. Nein, Aversion trifft es nicht: es ist wohl eher eine echte Phobie. Und ich habe es (leider) nicht geschafft, sie abzulegen. So meide ich auch heute noch alles, was irgendwie in die Schublade Salz- oder Süßwasserlebewesen gesteckt werden kann – es sei denn, es hat nichts mit Nahrungsaufnahme zu tun.

Das Merkwürdige daran ist, dass ich keine Probleme habe, Fisch, Muscheln oder Sonstiges zuzubereiten und meinen Lieben zu servieren. Selbst essen kann ich es aber nicht.

 

… sind die Fische im Wasser und selten an Land!

Falls Sie sich noch an den Anfang des Beitrags erinnern: Es ging um die Exkursion zu dem Unternehmen, an dem es freitags Fisch gab.

Nach der sehr informativen Besichtigung des Unternehmens wurden wir zum Essen eingeladen. Es war, Murphy ist mein Zeuge, Freitag! Fish day. Wir wurden in der Kantine auf verschiedene Tische aufgeteilt und an jedem Tisch saß ein Mitglied der Geschäftsführung. Ich hatte das „Glück“, rechts neben dem Geschäftsführer zu sitzen.

Mein Gesicht muss bereits etwas blass ausgesehen haben, denn dieser fragte mich, ob mit mir alles in Ordnung sei. Ja, antwortete ich, ein wenig die Wahrheit verbiegend ob des Geruchs, der im Esssaal hing und mich sehr an meine damaligen Ferienerlebnisse erinnerte.

›Da musst du durch‹, sagte ich mir. Verdammte Erziehung!

Es kam, wie es kommen musste. Obschon nichts Fischiges, schmeckte mir die Vorspeise in Vorfreude auf das Hauptgericht und in den sich bereits ausbreitenden Düften danach nicht sonderlich. Aber der Wein, der zum Essen gereicht wurde, war gut! Ein trockener Riesling aus der Gegend. Damals meine bevorzugte Rebsorte.

Endlich – ich konnte es kaum erwarten – kam es, das Hauptgericht. Ich hämmerte mir ins Hirn, dass es Scholle „Müllerin“ war, was da vor mir lag. Wohl wissend, dass es ein besonders schönes, fettes Exemplar von Heilbutt war. Nicht gebraten, sondern liebevoll gekocht mit toller Soße auf Fisch-Weißweinbasis.

Worin der Unterschied liegt? In der Reihe der Plattfische beginnend mit Seezunge über Scholle zum Heilbutt nimmt der fischige Geschmack und Geruch, den ich so liebte, exponentiell zu. Und auch bei der Zubereitungsart beginnend mit totfrittiert über gebraten zu gekocht und für Soßen totgekocht. Für mich also der Super-GAU: Beide Male Treffer am Ende der Liste.

Das liegt an dem verdammten Trimethylamin, das entsteht, wenn dessen Oxid, das dem Fisch zur Herstellung gleicher Osmolarität wie der des Seewassers dient, in dem er schwimmt und damit er nicht wie in Salzlake dehydriert wird, mikrobiell abgebaut wird. Und dieses Amin ist in Wasser sehr gut löslich, ansonsten ein Gas und daher in gebratenen Fischen weit weniger enthalten.

Statt, was ich vielleicht noch ohne größere Probleme geschafft hätte, totfrittierter Seezunge mit Ketchup, Mayo und Jalapeños – also Fish American Style, die frittieren alles tot und ersäufen es in Ketchup und Mayo; heute weiß ich, warum! – gab es also gekochten Heilbutt in ausgekochten Fischköpfen. Na bravo!

 

Was nicht passt, wird passend gemacht!

Das durfte nicht sein! Denn andernfalls hätte ich unverzüglich den Tisch verlassen und mich in den klimatisierten, von jeglicher Umwelt abgeschlossenen Bus zurückziehen müssen. Und was nicht sein darf, kann auch nicht sein und ist dann auch nicht. (Nachdem ich mich nicht so weit belügen konnte, zu leugnen, dass es sich überhaupt um Fisch handelte, aber auch nicht bereit war, zu akzeptieren, dass ein Heilbutt nicht nach Fisch schmeckt, musste es für meinem Selbstbetrug etwas „dazwischen“ sein – also, wie gesagt, Scholle in Weinsoße. Ich hoffte, dass das gerade so ging!)

Um mich herum hörte man die typischen Tischgeräusche. Ich versuchte, möglichst viel und intensiv mit meinen Nachbarn zu reden, um möglichst wenig Zeit zum Essen zu haben.

Ich weiß nicht, ob es ernsthaftes Mitgefühl war oder nur der freundliche Hinweis, dass das, was ich da von mir gab, immer weniger mit dem Thema von eben zu tun hatte und immer oberflächlicher wurde – mir gingen langsam die Ideen für „small talk“ aus – aber der Geschäftsführer ermunterte mich, doch endlich zuzugreifen, da der Fisch sonst ganz kalt würde, was schade wäre.

›Nein, nicht wirklich‹, kommentierte ich wortlos. Der Wein schmeckte tatsächlich sehr gut!

Es half nichts. Mit Todesverachtung und all meinem Mut und meiner Selbstbeherrschung schob ich mir einen Bissen in den Mund.

›Bloß die Zunge nicht zu sehr bewegen, nur nicht einspeicheln. Den Kontakt mit den Geschmacksknospen auf ein Minimum reduzieren.‹ befahlt ich mir. ›Schnell runter damit‹. Ich schluckte. Geschafft.

»Na, wie ist der Fisch?«, fragte mein Nachbar zur Linken sichtlich interessiert.

»Fantastisch. Und so frisch!« Mein Magen zog sich zusammen ob dieser dreisten Lüge.

»Ja, darauf legen wir Wert. Wir haben einen guten Lieferanten.«

»Das merkt man.« Fiel den anderen am Tisch auf, dass ich inzwischen recht wortkarg geworden war? Ich blickte verstohlen in die Runde. Ein Kommilitone gegenüber grinste mich an. War das Schadenfreude? Nein. Ich war mir fast sicher, dass er von meiner Phobie nichts wusste. Aber warum grinste der so?

Auf zum nächsten Gefecht! Das nächste Stück „Scholle“ war präpariert, da merkte ich, dass der Bissen von eben sich aufmachte, die Schwerkraft zu überwinden und zurückzukehren. Ich schob das dem Verkrampfen meines Magens ob meiner Lüge zu. Schnell einen Schluck trinken. Gefahr gebannt. Und auch den nächsten Bissen schaffte ich dank freundlicher Unterstützung des vergorenen Traubensaftes.

›Na also, es geht doch! ‹, dachte ich. ›Und überhaupt: Fisch muss schwimmen.‹ Prost!

 

Auf den Spuren Tantalos‘

Mit dieser Strategie – Bissen Fisch, penibelst daraufhin untersucht, dass ja keine Gräte mehr drin war, nur, um nicht mit der Zunge aktiv werden zu müssen, ohne jegliche Soße und mit einem reichlichen Schluck Wein gelang es mir, den Teller halb zu leeren. Der Kommilitone grinste immer noch. Ja ich glaubte sogar, sein Grinsen war breiter geworden. Wusste der wirklich nichts? Oder Merkte der etwas?

Ich legte artig das Besteck in 20-Nach-Vier-Stellung auf den Teller neben den Restfisch, um zu signalisieren, dass ich fertig war.

»Sind Sie schon satt?« Ungläubig starrte der Geschäftsführer auf meinen Teller.

»Ja, danke. Es war ausgezeichnet.« log ich schamlos – und trank einen Schluck Wein.

»Ach kommen Sie – so frischen Fisch werden Sie so schnell nicht wieder bekommen.«

»Nein, danke. Wirklich.«

»Keine Wiederrede – keine Scheu!« Warum, um alles in der Welt, musste der so fürsorglich sein? Ich konnte nicht anders. Ich musste. Verdammte Erziehung! Das wirst Du später mit Deinen Kindern anders machen. Hätte ich doch von vornherein gar nicht erst angefangen! Zwar hat Brecht bereits gesagt: »Wer A sagt, muss nicht auch B sagen. Er kann erkennen, dass A falsch war«. Das passte hier prima, half mir aber nicht wirklich weiter. Zuzugeben, dass A falsch war, hätte mich als Lügner entlarvt. Und das wäre unklug gewesen bei einem potentiellen künftigen Arbeitgeber…

Hatte der Mensch denn keine Kinderstube? Merkt der nicht, dass ich die ganze Zeit gute Miene zum bösen Spiel machte? Oder wollte er mich quälen? Mein Entschluss stand fest: Diese Firma kam für mich als Arbeitgeber nicht in Frage. Oder nur dann, wenn ich freitags Absolution erhielt und die Kantine weiträumig umgehen konnte.

Ich stopfte den nächsten Bissen in mich hinein. Das hätte ich nicht tun sollen! Denn analog zur Kernspaltung, bei der zwei Teile eines spaltbaren Materials zusammengeführt werden müssen, um die sogenannte kritische Masse zu überschreiten und die Kettenreaktion in Gang zu setzen, hatten die in meinem Magen in Lauerposition wartenden „Schollen“stücke nur darauf gewartet, dass ein solches die kritische Masse überschreitendes Stückchen hinzu kam.

In einer gewaltigen, ungezügelten und unzügelbaren Reaktion fügten sich die Einzelteile zu einer ganzen Scholle zusammen. Und – sie lebte. Ich spürte es deutlich: Sie war quietsch fidel und wollte raus. Mit aller Macht.

Ich versuchte verzweifelt, sie daran zu hindern. Ich trank einen Schluck, um ihr mehr Spielraum zum Schwimmen zu geben. Ohne Erfolg. Ich trank noch einen. Sie bewegte sich immer noch – wie wild.
›Verdammt, gib Ruhe!‹
›Nein, ich will hier raus!‹
›Ruhe!‹
›Nein!‹

Schluck Wein.
›Nein.‹

Noch ein Schluck
›Nein. Ich will hier raus‹

Ich bat um Entschuldigung, stammelte etwas von ich müsste etwas Rouge nachlegen, stand auf und ging in die Richtung, in der ich hoffte, genügend Platz für die Scholle zu finden. Anfangs langsam und würdevoll, dann mit etwas schnellerem Schritt und schließlich „eilig“. Denn der Freiheitsdrang der Scholle in mir hatte Oberwasser bekommen.

Dann schenkte ich ihr endlich die ersehnte Freiheit. Überglücklich wedelte sie zum Abschied mit dem Schwanz, sagte noch: ›Vielleicht sehen wir uns bald wieder!‹ und verschwand froh und ein Liedchen auf den Lippen in den Weiten der Kanalisation.

›Bloß nicht!‹ dachte ich.

Irgendwie war ich erleichtert. Es war schon ein schönes Gefühl, einem anderen Lebewesen die Freiheit schenken zu können. Ich machte mich ein bisschen frisch. Was nun? Ich beschloss, mich auf keinen Fall wieder auf das Spielchen von eben einzulassen. Wie viele Schollen lagen noch auf meinem Teller?

Vier! Zurück am Tisch strahlten mich vier kleine Schollen auf meinem Teller an: »Danke, dass Du uns die Freiheit schenkst«. Das musste mit einem Schluck Wein gefeiert werden!

»Ist Ihnen nicht gut?«, fragte mein Kommilitone zur Linken. Der Geschäftsführer gegenüber hatte noch immer das breite Grinsen auf dem Gesicht. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Das war ein Frosch! Genauer: Ein Breitmaulfrosch. Der grinste nicht, das war Normalzustand. Komisch – ein Frosch als Geschäftsführer eines Unternehmens. Was es nicht alles gibt. Prost, Frosch! Der Wein war ausgezeichnet.

Zu meinem Kommilitonen an meiner Seite sagte ich: »Doch, doch. Ich muss wohl eine kleine Magenverstimmung haben. Ich hatte bereits heute Morgen schon ein wenig Probleme.«

»Ja«, sagte der blöde Kerl, »Sie waren vorher schon ein wenig bleich!« So ein Schnösel. Und warum siezt der mich eigentlich? Egal. Auf diesen Schreck ein Schlückchen Wein.

 

Phantomschmerz

Der Rest ist schnell erzählt. Wir hörten uns noch einige Vorträge an, glaube ich, und gingen, wenn meine Erinnerung mich nicht vollständig im Stich lässt, auch noch durch ein paar Gänge, in denen irgendetwas passierte. Was das war, wollten die einem komischerweise nicht sagen, denn ich erinnere mich nicht mehr daran. Wenn ich es genau bedenke, erinnere ich mich nicht daran, dass uns jemand überhaupt noch etwas sagte oder zeigte.

Der Kommilitone schien kurz nach dem Mittagessen bei dem Unternehmen eingestiegen zu sein, denn er führte jetzt unsere Gruppe. Mann hatte der ein Glück: noch keinen Abschluss und schon angestellt. Aber ich hatte mir ja geschworen, dass ich hier nicht hin wollte. Also gönnte ich es ihm. So ähnlich wie Heinz Erhard es seinem Gegenüber gönnte, dass der ihm – Heinz Erhard – mit einem Schirm auf dem Kopf rumschlug, weil er – der Gegenüber – ihn – Heinz Erhard – mit jemandem verwechselt hatte.

Wie gesagt: Es war nichts weiter Wichtiges zu besichtigen und so machten wir uns wieder mit dem Bus auf den Rückweg. Wir waren ob der Anstrengungen auch alle ein wenig müde geworden, denn mir fielen hin und wieder die Augen zu.

Was mich dann aber doch wunderte, war erstens, dass der Geschäftsführer zu uns in den Bus einstieg, zweitens mir der Kommilitone zum Abschied sagte, dass ich mit meinen Magenproblemen vielleicht doch besser das vegetarische Gericht hätte nehmen sollen und drittens die Rückfahrt nur einen Bruchteil der Zeit für die Hinfahrt beanspruchte. Und er siezte mich immer noch, dieser arrogante Kerl. Kaum eingestellt, kennt er einen nicht mehr.

Ich weiß nicht warum, aber alle, die auf dieser Exkursion dabei waren, hörten immer auf zu reden, wenn ich in den nächsten Tagen in ihre Nähe kam. Und fingen an zu grinsen, wie der Frosch an meinem Tisch. Warum nur? Mich wunderte auch, dass mein Kommilitone offensichtlich schnell genug von der Firma hatte und wieder bei uns war. Er grinste nicht mehr und duzte mich auch wieder. Leider weiß ich nicht, was aus dem Geschäftsführer geworden ist, der mit uns in den Bus gestiegen war – ich sah ihn nie wieder.

Etwas später erfuhr ich, dass merkwürdigerweise an dem Tisch, an dem ich gesessen hatte, der Weinkonsum exorbitant hoch gewesen sein soll. Da kam nur einer in Frage: der Geschäftsführer neben mir, denn von den Kommilitonen an meinem Tisch traute ich niemandem zu, sich so voll laufen lassen zu haben. Das muss ihm der Neid lassen: Der hat das aber verdammt geschickt angestellt. Ich hatte nichts bemerkt und alle anderen am Tisch offensichtlich auch nicht. Na ja, ich war ja auch mit meinen eigenen Problemen mehr als beschäftigt gewesen.

Mann, haben die ein schönes Leben in der freien Wirtschaft, wenn sich die Geschäftsführung schon mittags volllaufen lassen kann, auch wenn es kurz vor dem Wochenende ist. Und so beschloss ich, auch Geschäftsführer zu werden.

Was mich allerdings bis heute plagt ist das, was jemand, dem ein Körperteil amputiert werden musste, als „Phantomschmerz“ kennt: Die Scholle in meinem Bauch – sie bewegt sich immer noch! Das ist die Rache der geschundenen Kreatur!

 

Foto: www.pixabay.de

Keine Kommentare

Kommentar schreiben