Gesellschaft

Verletzte Gefühle

20. Januar 2015

Religiöse Gefühle zu sakralen Zielen

Nicht erst seit Charlie Hebdo hören wir von verschiedensten Glaubensrichtungen, dass dies oder jenes die religiösen Gefühle von Gläubigen verletzt. Da wird z. B. Aldi Süd dazu genötigt, eine Seife aus dem Regal zu nehmen, da sich ein muslimischer Mitbürger religiös verletzt fühlt, wenn mit einem Bild der Hagia Sophia auf der Verpackung geworben wird. Entschuldigung, aber das ist lächerlich!

Lassen wir einmal außen vor, dass es sich dabei zunächst um eine byzantinische Kirche, also ein christliches Bauwerk, handelt, das u. a. als Krönungskirche für den byzantinischen Kaiser diente und erst Mitte des 15. Jh. nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen zur Moschee „umfunktioniert“ wurde, wobei alle religiösen Insignien zerstört oder gestohlen wurden. Wenn man wollte, könnte man also auf die unrechte Nutzung des Gebäudes durch den Islam hinweisen. Und zwar, ohne Gefühle zu verletzen, weil es den Tatsachen entspricht.

Und lassen wir auch einmal außen vor, dass sie heute gar nicht mehr religiös genutzt wird sondern seit 1935 säkularisiert und heute schlicht ein Museum ist. Und sich somit die Frage erhebt, welche religiösen Gefühle überhaupt verletzt werden können, wenn man sie ablichtet und werblich nutzt.

Verletzt nun jeder Reisekatalog, in dem Sehenswürdigkeiten abgebildet sind, religiöse Gefühle? Verletzt man religiöse Gefühle, wenn man seine Urlaubsschnappschüsse seinen Freunden zeigt? Wo fängt es an, wo hört es auf?

Auch ich habe verletzte Gefühle

Auch christlich Gefühle werden verletzt. Hört man von vielen Christen. Und dann wird z. B. Carolin Kebekus durch den Fleischwolf gedreht, wenn sie ihren „Dunk an den Herrn!“ ausspricht; so, als hätten wir noch die Heilige Inquisition! Und die katholische Kirche läuft Amok, wenn wieder einmal „Dogma“ im Fernsehen läuft…

Und was ist mit meinen Gefühlen?

Hat sich schon jemand einmal gefragt, welche Gefühle er bei mir verletzt, wenn der mich mit Kruzifixen und anderen christlichen Symbolen einer Religion mit dem Menschen- und Frauenbild, das die Bibel lehrt, überschwemmt?

Oder: »Eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion zeigt sich manchmal schon in den ersten Lebensmonaten durch fehlende Kontaktaufnahme zu den Eltern, insbesondere zur Mutter. Viele Kinder […] strecken der Mutter nicht die Arme entgegen, um hochgehoben zu werden. Sie lächeln nicht zurück, wenn sie angelächelt werden, und nehmen zu den Eltern keinen angemessenen Blickkontakt auf«, heißt es in Wikipedia. Und weiter: »Die Probleme in der Kommunikation äußern sich in schwieriger Kontaktaufnahme zur Außenwelt und zu anderen Menschen.« Die Sprache ist von Autisten.

Autisten leiden häufig unter einer ausgeprägten »Beeinträchtigung im Gebrauch einer Vielzahl nonverbaler Verhaltensweisen wie beispielsweise Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen«. Und das macht sie „anders“, „unheimlich“. Denn in unserem Kulturraum ist die nonverbale Kommunikation ein extrem wichtiges Hilfsmittel, den anderen einzuschätzen. Und nicht nur in unserer Kultur.

So gibt es zweimal acht Muskeln allein im Gesicht, mit denen das erzeugt wird, was man Mimik nennt. Innerhalb von 3 Sekunden haben wir den Anderen aufgrund seiner nonverbalen Kommunikation eingeschätzt – noch bevor der irgendein Wort geäußert hat. Fehlt Blickkontakt und jegliche Form von Mimik und Gestik, wird einem unbehaglich. Was dazu führt, das Viele Autisten mit Unbehagen begegnen. Pokerspieler machen sich ein Pokerface ohne jegliche Regung zunutze, um den Gegenüber zu verunsichern.

So ergeht es mir, wenn ich hier in München die Frauen reicher Scheichs sehe, wenn sie mit Burka oder Niqab in den Einkaufsmeilen shoppen gehen oder die Lobbys der Fünf-Sterne-Hotels belagern: Man sieht nur ihre Augenpartie und auch die nicht in einer Weise, dass man feststellen könnte, ob die Trägerin lacht oder weint. Ich kann also nicht einschätzen, wie sie drauf ist, wenn ich ihr an der Ladentüre den Vortritt lasse oder die Türe aufhalte, ihr Kind süß finde und streichle oder ihr mit dem Kinderwagen helfen will. Das verletzt meine Gefühle!

Das Gefühl für das Machbare

Wohl gemerkt: Es geht mir nicht um das Kopftuchverbot! Wer einer christlichen Ordensfrau ihren Nonnenschleier zubilligt, darf einer Andersgläubigen keine Vorschrift machen, welchen Kopfschmuck sie wie und warum wann und wo trägt! Und wenn Muslima meinen, dass sie lieber das verhüllen wollen, worauf westliche Frauen so stolz sind, so ist das allein ihre Sache und so sollen sie das gerne tun! Ob sie das aufgrund des Korans müssen oder nicht, sollen sie bitte mit ihren Glaubenshütern ausmachen, das geht mich nichts an, und es spielt auch keine Rolle.

Es geht mir also nur darum, dass manche Bräuche mancher Religionen nur schwer mit unserer Kultur und Lebensweise zusammenzubringen sind. Und dazu gehört eben für mich die Verschleierung des Gesichtes und das Verbergen des Körpers unter Gewändern, die keinerlei Mimik und Gestik zulassen und mir damit die Möglichkeit nehmen, non-verbal mit dem Gegenüber zu kommunizieren.

Das ist, als würde man mit Rittern in voller Montur sprechen – oder versuchen zu sprechen. Gut, die entsprechenden Muslima sollen oder dürfen ja mit mir auch gar keinen Kontakt aufnehmen oder unterhalten. In Ordnung, akzeptiert, wenn das in ihrem Ursprungsland, der Arabischen Halbinsel oder im Iran, so kulturell üblich ist. Daran halte ich mich dann und versuche es erst gar nicht.

Wir sind aber hier in Mitteleuropa. Und wenn in arabischen Gegenden verlangt wird, dass christliche Frauen ein Kopftuch tragen müssen, keinen Minirock anziehen dürfen und ihren Mann auf der Straße nicht küssen dürfen, so ist das zu respektieren! Dann aber verlange ich mit gleichem Recht den gleichen Respekt hier. Und das bedeutet, dass Burka und Niqab zu Hause bleiben, wenn man uns hier besucht. Genauso wenig wie man meine Familie und mich dazu zwingt, in arabische Länder zu fahren, werden Besucher von dort gezwungen, uns zu besuchen.

Und so fordere ich gegenseitige Toleranz und im jeweils anderen Kulturraum die Bereitschaft, sich an die dortigen Gepflogenheiten anzupassen! Alles andere ist arrogant und egoistisch.

Toleranz

Und das führt mich zurück zu religiösen Gefühlen. Wer in den Petersdom geht und eine Cap auf hat, wird schnell freundlich darauf hingewiesen, diese doch abzunehmen. Zurecht! Wer als Nicht-Jude an die Klagemauer möchte, hat eine Kippa zu tragen. Zurecht! Wer in eine Moschee geht und sich nicht die Schuhe auszieht, wird auch darauf hingewiesen, es zu tun. Auch zurecht! Wer das alles nicht tut, ist entweder unwissend, was vor Strafe nicht schützt, oder will provozieren und bewusst Gefühle verletzen. Warum auch immer.

Wenn sich verschiedene Kulturen derart unterscheiden, dass es zu Konflikten kommen kann, kann die Lösung nicht darin bestehen, dass einer nachgibt und der andere sich durchsetzt. Dann hätten wir schnell Diktatur einer Kultur. Und das widerspricht unserem demokratischen Selbstverständnis.

Es kann also nur darum gehen, dass man gegenseitig tolerant ist und jeden so akzeptiert, wie er nun einmal ist – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich freue mich, wenn unser Land so interessant ist, dass es von Menschen anderer Kulturen besucht wird. Und wenn das bedeutet, dass ich mich damit abfinden muss, dass ich mit einigen von ihnen nicht kommunizieren kann und darf, so sei das eben so – schade. Diese Toleranz habe ich, auch wenn sie, wie gesagt, fehl am Platze ist. Und wenn meine Frau und meine Tochter in Saudi-Arabien oder im Iran ohne Kopftuch (und Schlimmeres) nicht auf die Straße dürfen weil eine entsprechende Toleranz fehlt, so sind diese Länder für mich als Reiseziel tabu – auch schade.

Und so resultiert daraus lediglich eine gegenseitige Verhärtung der Fronten – und damit das Problem, was wir heute haben: Mangelndes Verständnis für den Anderen.

Wenn aber diese Toleranz hier bei uns derart überstrapaziert wird, dass unsere Art und Weise, wie wir hier leben und leben wollen, eingeschränkt werden soll, heißt es, frühestmöglich und entschieden dagegen einzuschreiten. Es kann nicht angehen, dass auf jedes Gefühl Rücksicht genommen werden muss, das verletzt werden könnte. Dann wären nicht nur die Regale der Supermärkte leer. Und wer, wie Aldi Süd, sich auf diese Weise in eine Sackgasse drängen lässt, löst das Problem nur vordergründig, nämlich für diesen einen Fall. Und er stellt einen Persilschein aus.

Und die Moral von der Geschicht‘

Zum religiösen Verletzen gehören immer zwei! Der der verletzt wird, und der, der verletzt. Und beide haben es in der Hand, dass es zu keiner Verletzung kommt. Der eine, indem er unterlässt, was andere verletzen könnte. Und der andere, indem er wegschaut, wenn seine Gefühle verletzt werden könnten.

Wer sich verletzt fühlt, wenn der Prophet karikiert wird, soll sich doch bitte die Karikatur nicht ansehen! Und schon hat er keinen Grund mehr, sich verletzt zu fühlen. Das Wissen allein, dass sie existiert und veröffentlicht wird, reicht nicht – dann könnte jedermann zu jedem Zeitpunkt verletzt sein – bei dem, was es alles gibt.

Und wer sich verletzt fühlt, wenn Dogma im Fernsehen läuft, braucht den Kanal nur nicht einschalten. Das Wissen, das der Film existiert und wieder einmal läuft, reicht auch nicht aus.

So einfach ist das. Wer mehr daraus macht, will provozieren!

Wo also ist das Problem? Mehr Worte darüber zu verlieren, lohnt sich nicht!

 

Vielleicht gefällt Dir auch

Keine Kommentare

Kommentar schreiben