Meine Platon’sche Höhle

WEGANA – Weltoffene Europäer Gegen Ausgrenzung und Nationalistische Angstmache

5. Januar 2015

Standortbestimmung

Manchmal ist es wichtig, Position zu beziehen. Auch wenn man eigentlich gar nicht will, weil es die Sache nicht wert zu sein scheint: Wenn man z. B. sieht, dass Scheiße auf der Straße liegt, muss man das nicht noch öffentlich feststellen und davor warnen, weil man annimmt, dass der Nächste vernünftig genug ist und das ebenso sieht. Aber dann muss man erleben, dass der Haufen offenbar doch nicht so deutlich von jedermann als Scheiße wahrgenommen wird, und der eine oder andere daher doch hineintritt – und das sogar noch rechtfertigt. Und so wird eine Thematik manchmal wichtiger als zunächst angenommen.

Geschichte, Teil 1

1492: Kolumbus entdeckt Amerika. 1620: Die Mayflower erreicht Cape Cod. 1773: Boston Tea Party. 1775: Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg. 1776: Erklärung der Unabhängigkeit von Groß-Britannien. 1787: Erste Verfassung einer Bundesregierung. 1812: Britisch-amerikanischer Krieg. 1846: Mexikanisch-amerikanischer Krieg. 1861: Amerikanischer Bürgerkrieg. 1862: Indianerkriege. 1918: Red Scare. 1941: Zweiter Weltkrieg. 1945: Red Scare, Auflage 2. 1950: Koreakrieg. 1955: Vietnamkrieg. 1962: Kubakrise. 1964: Kalter Krieg. 1980: Erster Golfkrieg. 1990: Zweiter Golfkrieg. 2001: Größtes Trauma. 2003: Dritter Golfkrieg.

Die Aufzählung an einschneidenden Ereignissen in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist damit sicherlich nicht annähernd erschöpfend dargestellt. Soll sie auch nicht. Sie soll lediglich an einigen Beispielen zeigen, dass sich durch die Geschichte der USA ein roter Faden zieht: Patriotismus. Ohne den Patriotismus der Pilgerväter hätte es niemals zu der Besiedlung der USA kommen können. Ohne Patriotismus hätten sich die 13 Kolonien niemals von Groß-Britannien lossagen können. Ohne Patriotismus wäre es niemals zu einem Nationalstaat gekommen, den die USA heute darstellen. Und ohne Patriotismus wären die USA nicht zu einer, ja der Weltmacht geworden, die sie heute unangefochten sind. Und egal, wen man fragt, ob Tankwart in den Great Plains oder Navy Seal auf der Mission Neptune’s Spear, ob Teenie in New Yorks angesagtester Disco oder Rentner im sonnigen Florida: Kein Amerikaner schämt sich seines Patriotismus’ und zelebriert ihn öffentlich und pompös. Inklusive Fähnchen, Hymne und Parade. Und das seit spätestens 1620, wenn auch nicht jeder Patriot immer das gleiche meinte wie sein Nachbar und z. B. Sklaverei oder den versuchten Genozid an den Indianern befürwortete.

Und trotz dieses Patriotismus‘: Die USA sind seit 1492 ein Einwanderungsland, und jeder bekennt sich dazu. Mehr noch: Ohne die Einwanderungen der vergangenen Jahrhunderte gäbe es diese Nation nicht. Eine Nation, die christlich ist. Und jüdisch. Und muslimisch. Und buddhistisch. Und hinduistisch. Die Voodoo kennt, Scientology und Kreationismus. Und allen Religionen den Freiraum gibt, zu existieren, auch wenn man es als Nicht-Amerikaner bei einigen nicht nur nicht versteht sondern das anders machte.

Was sagt uns das? Patriotismus, Religion und Bekennen zu Einwanderung schließen sich gegenseitig nicht aus, sie können sogar staatsbildend sein.

 

Geschichte, Teil 2

1493: Einteilung des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ in Reichskreise mit souveränen Kurfürsten, Fürsten, Reichsrittern und Reichsstädten. 1618: „Dreißigjähriger Krieg“. 1756: „Siebenjähriger Krieg“. 1806: Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“. 1815: „Deutscher Bund“ aus wieder souveränen Fürsten und freien Städten Deutschlands, des Kaisers von Österreich und der Könige von Preußen, Dänemark und der Niederlande. 1848: März-Revolution und Reichsverfassung. 1867: Norddeutscher Bund. 1870: Gründung des „Zweiten Kaiserreiches“. 1918: Ausrufung der Republik. 1933: Beginn des „Tausendjährigen Reiches“. 1945: Sein Ende. 1946: Ein Neuanfang. 1989: Friedliche Revolution. 1990: Aus zwei mach eins.

Auch hier ist die Auflistung weder annähernd vollständig noch repräsentativ sondern rein willkürlich. Was man jedoch feststellen kann, ist, dass es hier den roten Faden von oben niemals gab, mit Ausnahme einer kurzen, diktatorisch verordneten Zäsur also Patriotismus nicht unbedingt ein Attribut war, mit dem sich ein Deutscher schmücken konnte und wollte. Ganz im Gegenteil! Eine „emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation“, was Patriotismus bedeutet, hat es hier vor dem Dritten Reich nie gegeben, sondern Kleinstaaterei und wechselnde Bündnisse, je nachdem, was gerade hilfreich war; und danach schon gleich gar nicht – wir hatten die Lektion gelernt: Als guter Deutscher bist du Europäer.

Sogar im „Schicksalsjahr“ 1989, als man sich nicht patriotisch fühlte sondern als Sieger (West) oder Befreiter (Ost). Es hieß damals nicht „Wir sind (auch) Deutsche“, was patriotisch gewesen wäre, sondern „Wir sind das Volk“. Ohne das bewerten oder kritisieren zu wollen. Im Gegenteil! Und daher gibt es Patriotismus heute auch nicht – woher sollte er auch kommen? Denn wer sich bis vor wenigen Jahren öffentlich als Patriot geoutet hätte, wäre schnell nicht nur von den „Besatzungsmächten“ sondern auch von der eigenen Politik freundlich eines Besseren belehrt worden.

Patriotismus ist für uns Deutsche also frühestens seit der letzten Weltmeisterschaft auf deutschem Boden etwas, als wir erfahren durften, dass die Welt uns nicht übel nimmt, stolz auf deutsche Leistungen zu sein – was man auch immer darunter zu verstehen und ob Stolz auch richtige Gefühl sein mag. Seither flattern sie, die deutschen Fähnchen. An allen Autofenstern und vielen Fassaden. Aber, bitte schön, immer nur im Rahmen von Fußball. Ansonsten gefällt es uns mit unserem Nicht-Patriotismus.

Anders als „der Amerikaner“ hat also „der Deutsche“ keinerlei patriotische Tradition. Ich lasse es einmal unkommentiert ob zu Recht oder nicht, stelle aber fest, dass wir damit offenbar in der Vergangenheit gar nicht so schlecht gefahren sind, und dass wir immer dann Probleme bekamen, sollte der einmal aufgekeimt sein, bei uns arischen Herrenmenschen.

 

Neo-Patriotismus in Deutschland 2014

Umso erstaunlicher ist es da, dass es jüngst offenbar schick geworden ist, „Patriot“ zu sein. Und nachdem wir ja gelernt haben, brav in der Obhut unserer europäischen Nachbarn zu bleiben, um nicht nach 1914 und 1939 erneut über die Stränge zu schlagen, gilt wahrer Patriotismus heute nicht Deutschland gegenüber, sondern Europa.

So gibt es z.B. die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz PEGIDA. Eigentlich hatte ich ja nicht vor, mich mit denen auseinanderzusetzen, denn man muss nicht über jeden Schwachsinn informiert sein oder sich mit ihm beschäftigen – da hätte man verdammt viel zu tun! Doch leider scheint dieses Phänomen geeignet zu sein, tiefe Risse in unsere Gesellschaft zu reißen, wie ich in meinem Netzwerk feststellen musste. Und damit jeder schnell herausfinden kann, ob er mit mir etwas zu tun haben will oder nicht, positioniere ich mich hier. Wer meine Meinung als Anlass nimmt, mich zu meiden, darf das gerne tun, ich bitte sogar darum! Auf den lege ich nämlich keinen besonderen Wert. Lieber wenige Freunde und Bekannte, dafür aber die richtigen.

 

Wehret Euch: Die Türken stehen vor Berlin!

Was für ein Quatsch: „Islamisierung des Abendlandes“! Weil in Deutschland und anderen europäischen Ländern ein paar Moscheen stehen und vielleicht noch hinzukommen. Und weil ein paar Asylbewerber unser Land „heimsuchen“, die nicht strammen katholischen Glaubens sind!

Als 1526 die Türken das erste Mal Wien belagerten und 1683 ein zweites Mal, standen sich mit dem Osmanischen und dem Heiligen Römischen Reich zwei Nationen gegenüber, die damals tatsächlich die Macht hatten, dem jeweiligen Gegner ihre Überzeugungen aufzudrücken. Hätten die Türken damals gesiegt, wäre Europa seitdem vermutlich tatsächlich ein Gebilde unter dem Halbmond.

Doch wovon sprechen wir heute? Von ein paar Tausend Menschen nicht-christlichen Glaubens, die, warum auch immer, bei uns Zuflucht suchen. Selbst wenn dies 8 Millionen wären und sie tatsächlich das Ziel hätten, uns zu islamisieren, was sie bei Weitem nicht sind und vorhaben, wäre das nur jeder Zehnte, der in der Bundesrepublik lebt! Was könnten die schon ausrichten, wenn neunmal so viele erbitterten Widerstand dagegen leisteten?

Wer ob einer wie auch immer gearteten Anzahl von nicht-christlichen Immigranten von einer „Islamisierung des Abendlandes“ spricht und sie heraufbeschwört, gehört für mich im gleichen Atemzug mit einem Goebbels genannt: »Ich bin der Überzeugung, dass ich mit der Befreiung Berlins von den Juden eine meiner größten politischen Leistungen vollbracht habe«.

 

PEGIDA – Plattform Ewig Gestriger mit Ideologisch Dümmlichen Ansichten

Manche sagen, man müsse sich zunächst mit einer Thematik beschäftigen, bevor man sich ein Urteil erlauben soll und kann. Dem stimme ich unbedingt zu.

Nur gibt es Ausnahmen. Ausnahmen, die so eindeutig sind, dass es gar nicht notwendig ist, sich näher damit zu beschäftigen. Wer Begriffe wie Patriotismus und Islamisierung des Abendlandes in einem Satz erwähnt und daraus über ein Akronym – PEGIDA – eine Bewegung definiert, hat in meinen Augen deutlich genug dargestellt, worum es ihm geht. Da mag er dann wortreich äußern, das sei nicht so: Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Faust I.

Und wenn man dann noch weiß, wer Initiator und Organisator dieser Bewegung ist, ein mehrfacher Straftäter, der sich auch durch Flucht nach Südafrika der Justiz entzogen hatte und die Internetseiten des rechtspopulistischen AfD, und der rechtsextremen Pro NRW und NPD „liked“, ist wirklich der Punkt gekommen, an dem man nicht mehr wissen muss, um sich ein Urteil erlauben zu können.

Wir dürfen das Thema nicht verharmlosen, indem wir anfangen, eherne Gesetze aufzuweichen! Und das für mich ehernste Gesetz ist: Kein Rassismus welcher Art auch immer! Wer heute Immigranten unterscheidet, indem er sie z.B. aufgrund ihrer Ausbildung in für uns „nützliche“, also willkommene, und unwillkommene „Sozialstaatschmarotzer“ einteilt und vielleicht noch „großherzig“ politisch Verfolgten, nicht aber „Wirtschaftsflüchtlingen“ ein Aufenthaltsrecht gewähren will und das mit religiösen Gründen verbrämt, hat schon eine rote Linie überschritten und muss bekämpft werden.

Mag sein, dass die Bewegung von vielen unterstützt wird, die nicht vollständig die Überzeugung haben, für die PEGIDA eintritt. Die nennt man dann wohl Mitläufer. Und so erheben sich viele Stimmen, die doch davor warnen, alle Menschen im Umfeld von PEGIDA über einen Kamm zu scheren.

Auch ich bin gegen Verallgemeinerung. Aber auch hier wieder: Es gibt Ausnahmen. Es gibt keinen Grund, eine Bewegung wie PEGIDA zu unterstützen oder auch nur kleinste Sympathien für sie zu entwickeln, egal mit welcher Motivation und egal in welchem Ausmaß. Wer auch nur mit einem Zeh in der Scheiße steht, darf sich nicht wundern, wenn er mit ihr in die Kanalisation gespült wird, auch wenn er nur testen wollte, ob sie schon kalt ist. So blauäugig kann kein einigermaßen zu eigenen Gedanken fähiger Mensch sein, außer Allgemeinplätzen wie „nicht Pauschalisieren“ auch nur einen Grund anzuführen, warum man sich überhaupt mit PEGIDA beschäftigen sollte – geschweige denn Sympathien entwickeln.

Eine Demokratie muss Extreme aushalten können. So wie die Linke oder den AfD. Mit denen kann man sich zumindest politisch auseinandersetzen. Das Gefährliche an PEGIDA aber ist, dass diese Bewegung eben nicht greifbar ist, ihre rassistischen Parolen sind Mundpropaganda. Man kann sie nicht wie eine politische Partei, so sie es zu doll treibt, verbieten. Und so besteht die Gefahr, dass, schreiten wir nicht sofort und mit aller möglichen Härte ein, wir eines Tages in einem zweiten Tausendjährigen Reich aufwachen. Ich will das nicht!

Liebe Dresdener und Ossis (was ich liebevoll meine)! Ihr habt es geschafft, einen ganzen Unrechtsstaat zu überwinden. Friedlich und bewundernswert – eine Leistung, die Euch weltweit erst einmal jemand nachmachen muss. Legt daher endlich diesen Braunen Sumpf trocken. Es schmerzt mich, wenn Euer Slogan „Wir sind das Volk“ durch braune Populisten beschmutzt wird.

Und liebe Mitmenschen: Wer im Kontext mit PEGIDA auf die Idee kommt, das deutsche Volkslied „Die Gedanken sind frei“ zu rezitieren: Dieses Lied wurde in Zeiten politischer Unterdrückung gesungen. Es drückt die Sehnsucht nach Freiheit aus. Was soll das also hier?

Vielleicht weiß er nicht, welches Blut an diesem Lied klebt: Sophie Scholl stellte sich am Abend, nachdem ihr Vater wegen hitlerkritischer Äußerungen ins Gefängnis kam, vor die Gefängnismauer und spielte ihm diese Melodie auf ihrer Flöte vor. Ich hoffe, er weiß immerhin, wer Sophie Scholl war…

Ja, die Gedanken sind frei! Solange sie Gedanken bleiben.

Und das war es für mich mit PEGIDA – mehr wäre der Bewegung zu viel Beachtung geschenkt.

Vielleicht gefällt Dir auch

1 Kommentar

  • Reply Susanne O'Connell 5. Januar 2015 at 23:52

    Danke, Trutz, dass du mir diesen Blogbeitrag auf FB gewidmet hast. Ich fühle mich geehrt, da er meine Gedanken so gut auszudrücken vermag. Es macht mir Mut, dass es Menschen wie dich gibt! Danke. Viele herzliche Grüße, Susanne

  • Kommentar schreiben