Gesundheit

Wunderheiler

6. Mai 2015

Medizinisches Kabarett

Gestern war für mich ein besonderer Tag! Wenn Sie so mögen, ein Highlight, wie es selten vorkommt. Ich war im Kabarett. Gut – das allein würde mich noch nicht schwärmen lassen, gibt es doch jede Menge gute Kabaretts, und wann immer ich kann, besuche ich sie. Und auch im Fernsehen wird die eine oder andere Perle gezeigt. Gestern aber war alles anders. Und für mich Anlass, darüber zu schreiben.

Wer diesen Blog kennt, weiß, dass ich mich kritisch mit meiner Gesellschaft auseinandersetze. Und wer sich gar die Mühe gemacht hat, in meine Biographie hereinzuschauen, weiß auch, dass mir Gesundheit besonders am Herzen liegt und ich im Rahmen meiner Möglichkeiten versuche, an dem derzeitigen, unmeschlichen, ja geradezu menschenverachtenden  System etwas zu ändern.

Daher war das, was ich gestern erlebt habe, fast ein Déjà-vu. Ich war im Circus Krone. Und dort versuchten nicht Elefanten, Clowns und Seiltänzer mich in gute Laune zu versetzen, sondern zwei Männer: Eckart von Hirschhausen und Christoph Reuter. Ohne den Beitrag des hervorragenden Pianisten und Komponisten Reuter herunterreden zu wollen, brillierte natürlich von Hirschhausen. Das ist auch beabsichtigt, es ist ja sein Programm, wird von jedem so gesehen und erwartet und geht absolut in Ordnung. Und so wollte ich auch nur die häufig vergessenen „Statisten“ nicht unerwähnt lassen, ohne die es auch einem Eckart von Hirschhausen etwas schwerer fiele, sein Programm so erfolgreich umzusetzen.

Kabarett

Obwohl das Programm schon seit November 2013 auf der Bühne ist, kannte ich es noch nicht. Weder als Programm, noch inhaltlich – ich hatte zu viel mit meinen eigenen Dingen zu tun.

Von Hirschhausen war, wie für mich immer, genial! Und äußerst professionell. Er spannte einen Bogen von klassischer Medizin mit neueren Erkenntnissen und verblüffenden Phänomenen wie Plazebo- und Nozebo-Effekt über Aspirin und damit Naturmedizin und die Globuli der Homöopathen bis hin zu Schamanen und Wunderheilern, die Blinddärme virtuell entfernen. Inklusive eindrucksvoller Demonstration. Dazwischen einige Zaubertricks. Aber mehr verrate ich nicht!

Der Abend war also sehr unterhaltsam! Und so erhielten beide, von Hirschhausen und Reuter, auch sehr viel Zustimmung in Form von Applaus – während und auch nach dem Programm. Zu Recht.

Aber er war weitaus mehr als das. Denn er hatte eine Botschaft. Eine Botschaft, die nachdenklich machen sollte. Und die scheint leider nicht jeder so mitbekommen zu haben, wie sie es verdient hätte. Nicht nur gestern nicht, wie mir die Reaktionen mancher Besucher gezeigt hatten, sondern offenbar auch schon früher nicht.

Resonanz

Nach meinem Besuch bin ich einmal ein bisschen im Netz Surfen gegangen. So erfuhr ich auch von der langen Zeit, in der von Hirschhausen bereits mit diesem Programm tourt. Und obwohl da sehr viel Positives zu finden ist – zu Recht! – gibt es auch einige Kommentare, die mich haben nachdenklich werden lassen. Einen möchte ich beispielhaft zitieren.

So schreibt jemand: »Vor 2-3 Jahren hat’s mich noch angesprochen, als Satire. Jetzt ist es Weichspülerei, keinen Kunden verprellen, die Kunst Geld zu verdienenen heißt, allen nach dem Schnabel reden. Auch die Auftritte im ÖRF, jeder kann zufrieden sein. Will sagen, äußert keine klare Meinung mehr – Satirerentner und kein Hoffnungsträger der Vernunft!!!«

Das ist starker Tobak! Und ich bin mir nicht sicher, ob der Autor tatsächlich verstanden hat, was Inhalt des Programms ist und was von Hirschhausen damit sagen will. Denn wer ihm unterstellt, »keinen Kunden verprellen« zu wollen und lediglich der »Kunst Geld zu verdienen« folgt und daher »allen nach dem Schnabel reden« zu müssen, mag sich in der Vorstellung bei von Hirschhausens Witzen und Anzüglichkeiten vor Lachen auf die Schenkel geschlagen haben und daher die Performance als „Satire“ abtun. Er hat offenbar aber die „Message“ nicht verstanden, die von Hirschhausen mit dem Programm über die Bühne bringen will. Schade, denn damit wirft dieser zumindest bei ihm Perlen vor Säue. Mut macht nur die Hoffnung, dass es nicht nur Säue gibt, und der eine oder andere dann doch die Perle sieht.

Von Hirschhausen hat mehr als einmal bewiesen, dass diese Einschätzung nicht stimmt. Zuletzt sehr eindrucksvoll in einer Folge von „Hart aber Fair“ am 24. März 2015. Er ist somit, zumindest für mich, über jeden Zweifel erhaben, es allen Recht machen zu wollen! Und ich bin sicher: Er hat das auch gar nicht nötig.

Zwischen Satire und Zaubertrick

Von Hirschhausens Botschaft lässt sich in meinen Augen mit einem Zitat von Paracelsus von Hohenheim zusammenfassen: »Du bist der Arzt. Wir Ärzte sind nur deine Gehilfen.« Er nimmt den Patienten in die Pflicht. Und er zeigt, was der Patient von sich aus tun kann, um dem gerecht werden zu können. Das erfolgt dann an erstaunlichen Experimenten mit dem Publikum, die zeigen, dass es unmöglich ist, eine bescheuerte Mine zu machen und gleichzeitig eine ernste Frage zu beantworten. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein, dass es genauso unmöglich ist, fröhlich und positiv zu sein und sich eine Krankheit einreden zu können. Und so ruft er zu positiver Gesinnung auf und scheut nicht davor zurück, sich selbst auf der Bühne und das Publikum im Saal zum Affen zu machen.

Bei seiner Performance fließen neben Erkenntnissen aus allen Bereichen der Medizin auch Erkenntnisse aus seiner Tätigkeit als Arzt und während seines Studiums mit ein. Also Erfahrung. Eigene und wichtige Erfahrung aus der Praxis. Wer dies abfällig abtut, hat es nicht verstanden: Medizin, wie wir sie bisher erlebt haben, wird und kann es nicht mehr geben. Wir stehen am Beginn einer neuen Ära. Und das wird Zeit.

Ich hörte einmal aus von Hirschhausens Munde: »Wer heilt hat Recht!«. Und damit hat er Recht: Wer kann ernsthaft verdammen, wenn ein Patient mit Kügelchen geheilt werden konnte? Das Problem, was ich und vermutlich auch er dabei hat, ist: Diese Aussage kann nur im Nachhinein getroffen werden, da ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht beweisbar ist. Davon abzuleiten, dass die angewandte Methode auch beim Nächsten zum Erfolg führt, ist nicht statthaft; und so sind „Wunder“ außerhalb der Schulmedizin kein Freibrief für alternative Ansätze.

Das gilt aber auch für die  Schulmedizin, auch wenn viele Schulmediziner das nicht gerne hören. Auch Schulmedizin kann anhand ihrer Erkenntnisse nur Prognosen anstellen, wie eine Therapie verlaufen könnte! Und selbst wenn dann ein Patient „durch“ eine schulmedizinische Therapie geheilt werden konnte, heißt das nicht, dass der Heilungserfolg nicht auch ohne sie stattgefunden hätte. Auch hier gilt: ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung mag aufgrund der Erkenntnisse in erkenntnisgestützter Medizin eine bestimmte Wahrscheinlichkeit haben; aber bewiesen ist er auch hier nicht! Das ist die „schmerzende“ Erkenntnis, wenn von Hirschhausen von Studien am Kniegelenk und von Plazeboeffekten erzählt und die Schulmedizin wieder auf einen Boden zurückholt, von dem sie sich ob der vielen tatsächlichen oder vermeintlichen Erfolge in den letzten Jahren verabschiedet hatte.

Und auch wenn wir, zumindest die Mediziner, das wissen, „wissen“ wir es nicht wirklich, gehen zum Arzt und sagen: »Lieber Doktor, ich habe da ein Problem. So, und jetzt reparier mich mal, damit ich wieder wie neu bin!« Und der macht das dann, auch in seiner Selbsteinschätzung. In Wahrheit aber sind es die Selbstheilungskräfte, die Schulmedizin nutzt.

Wenn von Hirschhausen also Äußerungen und Bemerkungen ähnlicher Art macht, komplementäre Medizin nicht vollständig verteufelt und auch dem „aus dem geschlossenen Fenster gepusteten Aua“ Raum gibt, spült er nicht weich, um niemanden zu verprellen, sondern drückt nur aus, was ist: Um ausschließlich durch Schulmedizin abgedeckt werden zu können ist menschliches Sein viel zu komplex! Und dass der Weg zu einer Heilung mittels Schulmedizin durchaus durch komplementäre Medizin unterstützt werden kann. Und nicht nur durch sie.

So kommt aus ganz anderer Richtung, aber eben auch unkonventionell, eine wirklich sinnvolle Maßnahme: Lachen als Heilmittel. Wer mehr dazu wissen möchte, hier ein paar Links: Klinikclowns,  Organisation Red Noses und ihre nationalen Ableger und Dachverband Clowns in Medizin und Pflege. Und auch von Hirschhausen unterstützt dies. Wenn Sie mich also einmal mit einer roten Nase erwischen sollten, wissen Sie spätestens ab heute, warum!

Und von Hirschhausen macht mehr. Er bringt den Patienten wieder dahin zurück, wo er hingehört: in eine soziale Gemeinschaft. Er schildert die gleichen Erfahrungen, die ich machen musste: Im Rahmen des Medizinstudiums wird dem Studenten jeglicher Hang zu Empathie ausgetrieben. Und so kann ich ihn aus eigener Erfahrung nur unterstützen, wenn er eine Medizinstudentin, die er auf die Bühne geholt hatte, zunächst fragt, welche Gründe sie den hatte, Medizin zu studieren – der Wunsch zu helfen und Empathie mit Patienten -, um sie dann zu bitten, sich im weiteren Verlauf ihres beruflichen Lebens daran zu erinnern. Und um das weiteren Studenten zu vermitteln, hielt er heute eine Vorlesung an der Universität.

Der Kritiker und Autor des Kommentars von oben wirft von Hirschhausen vor, kein »Hoffnungsträger der Vernunft« zu sein. Falsch! Entsetzlich falsch, weil das Gegenteil der Fall ist. Vielleicht ist ja gerade er einer der offensichtlich noch wenigen, glücklicherweise täglich zunehmenden Vernünftigen, die erkannt haben, dass Schulmedizin in manchen Bereichen an ihre Grenzen gestoßen ist und einem kein Stein aus der Krone fällt, andere Ansätze zumindest einmal darauf hin zu überprüfen, ob man von ihnen nicht etwas lernen kann. Und man dann feststellt: Hoppla, da könnte ja doch etwas dran sein! Und so fand man Plazebo- und Nozebo-Effekt, der heute auch von der Schulmedizin akzeptiert ist, genau in einer solchen Situation. Ausgerechnet diese Haltung, die der Kritiker wohl vollkommen falsch verstanden hat, machte ihn dann sehr wohl zu einem Hoffnungsträger der Vernunft! Und zwar zu einem sehr bedeutsamen, da er in der Lage ist, dieses Wissen populär, verständlich und in guter Laune zu vermitteln. Durch medizinisches Kabarett, das zwar satirische Elemente enthält, aber, wie politisches Kabarett auch, mehr zu sagen hat.

Wenn Sie sich also einmal populärwissenschaftlich aus profunder Quelle informieren wollen, wie sich vernünftige Medizin von heute selbst versteht, sollten sie in das Programm von Hirschhausen gehen! Es kommt lustig rüber, hat aber eine ernste Botschaft. Und die sollten sie erkennen! Das aber bedeutet, aller Satire und Witze zum Trotz einmal darüber nachzudenken, was er dazwischen sagt.

Es ist keine Werbung, wenn ich dringend rate, in seine Vorstellung zu gehen oder sich die CD zu kaufen. Es ist der Hinweis auf echte Weiterbildung in unterhaltsamer Art. Würde von Hirschhausen das nicht im Circus Krone oder auf anderen Bühnen machen sondern in den Hörsälen von Universitäten oder Versammlungsräumen in Industrie oder Forschung, hieße das, was er macht, nicht medizinisches Kabarett, sondern humorvolle Fort- und Weiterbildung.

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